Früherkennung bietet Überlebensvorteil

Text von: Claudia Klaft

Gefahren rechtzeitig zu erkennen und damit Risiken zu verringern oder gar zu verhindern, ist eigentlich sinnvoll. Nur die Überprüfung der eigenen Gesundheit wird von vielen vernachlässigt – dabei tut die Vorsorge nicht mal weh.

Bringen Sie Ihr Auto in die Inspektion? Natürlich sagen Sie, das Auto soll ja in Schuss bleiben. Die Werkstatt prüft, Schwachpunkte werden erkannt und repariert, und die Zahlung dafür ist selbstverständlich.

Doch seltsamerweise fehlt diese Selbstverständlichkeit, wenn es um den eigenen Körper geht. Natürlich gibt es Früherkennungsuntersuchungen, aber diese sind ja keine Pflicht.

Warum hingehen, wenn man sich gesund fühlt?

Ganz einfach, weil die Früherkennung – ebenso wie die Inspektion – die Chance bietet, Gefahrenpotenzial zu erkennen. Krebs ist mit über 50 Prozent die häufigste Todesursache. Daher haben die Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) die Untersuchungen von Darm, Brust und Prostata in ihrem Präventionsprogramm aufgenommen. Ebenso wie das zweijährliche Hautscreening für Menschen ab 35 Jahren.

Dabei ist die Haut das einzige Organ, dem man von außen eine Erkrankung ansehen kann. Frühzeitig erkennen und behandeln ist die einzige Chance auf Heilung, daher ersetzt der geübte Blick des Arztes nicht die eigene Wachsamkeit.

Steffen Emmert, Facharzt für Dermatologie an der Universitätsmedizin Göttingen, nennt die Merkregel: Wenn ein Fleck neu kommt, blutet oder sich verändert, ist er verdächtig.

Risikofaktor Eins ist die noch immer unterschätzte Sonnenstrahlung und die ungehinderte Nutzung von Solarien. „Die Menschen realisieren nicht, dass man an einem kleinen dunklen Fleck sterben kann“, erklärt Emmert.

Angst und Verdrängung sind die häufigsten Gründe, warum nur wenige Menschen die Möglichkeit einer Früherkennung überhaupt nutzen. Das sagen auch Marc-Eric Bode und Heribert Schorn, beide Fachärzte für Urologie und Andrologie in Göttingen.

Krebs spürt man nicht, sieht man nicht und will ihn nicht, so ihre Erfahrung.

Gerade Männer finden nur selten den Weg in die Praxis. Dabei dauert die schmerzfreie Untersuchung, die ab 45 Jahren kostenlos ist, nur Sekunden. Das Abtasten des Enddarms ist zwar nur eine oberflächliche Kontrolle, aber „besser spät was erkennen als gar nicht“, sagt Schorn, und auch Bode stellt fest: „Wir verhindern keine Erkrankung.“

Eine bessere Früherkennung bieten eine kostenpflichtige Ultraschall- oder eine Blutuntersuchung auf das Prostata-Spezifische-Antigen (PSA). Um Auffälligkeiten besser abklären zu können, empfiehlt Schorn regelmäßige Tests. Ein früher Ausgangsbefund erhöht die Aussagekraft der Werte, erläutert Bode.

Die Heilungschancen sind hoch, und in der Regel sind weder der Verlust der Männlichkeit noch Inkontinenz zu befürchten. Besonders bei Prostata- oder Brustkrebserkrankungen in der Familie sei die Untersuchung im früheren Alter schon sinnvoll, genauso wie eine Untersuchung auf Hodenkrebs, der kein Alterskrebs ist. Vor allem junge Männer mit einem vorangegangenen Hodenhochstand sind risikobehaftet.

Jung zum Arzt gehen ist für Frauen selbstverständlicher, sie gehen schon beim Thema Empfängnisverhütung zum Gynäkologen. Doch gilt eine jahrzehntelange Hormoneinnahme als einer der Risikofaktoren für Krebs. Weitere können ein früher Zeitpunkt der ersten Blutung, eine sehr späte Menopause, bereits aufgetretene bösartige Tumore und eine Krebshäufung in der direkten Familienfolge sein.

Bereits ab 20 Jahren ist die Untersuchung der Genitalorgane kostenlos, ab 30 Jahren wird zusätzlich die Brust abgetastet, und ab dem 50. Lebensjahr greift das zweijährige Mammographie-Screening.

„Das Selbstabtasten der Brust ist zwar gut gemeint, doch ein solcher Befund ist eher eine Spät- als eine Früherkennung“, sagt Uwe Fischer, Leiter des Diagnostischen Brustzentrums in Göttingen. „Je kleiner der Knoten ist, den wir finden, desto geringer ist der Eingriff.“

Daher empfiehlt er Frauen ab 40 Jahren, mit genetischer Vorbelastung ab 25, die Mammographie, die 70 Prozent der nicht tastbaren Tumore findet. Zusätzlich bieten Ultraschall und Kernspintomographie bessere Erkenntnisse sowie höhere Zuverlässigkeit – es sei eine Preisfrage, gibt Fischer zu. Doch die Investition biete „einen Überlebensvorteil“.

Dass eine Früherkennung auch Nachteile hat, verschweigen die Ärzte nicht: Vielleicht wird ein im Grunde harmloser Tumor entdeckt oder die Diagnose konfrontiert einen mit der Endlichkeit der restlichen Lebenserwartung. Doch ob diese Aspekte ein Grund zur Verweigerung der Früherkennung sind?

Die Chance auf Heilung gewichten die meisten Ärzte höher.

„Jeder Patient entscheidet selbst, ob eine Darmkrebsfrüherkennung für ihn in Frage kommt“, sagt Michael Mügge, Facharzt für Chirurgie und Proktologie in Göttingen.

Für Personen ab 50 Jahren ist eine Enddarmabtastung und ab 55 wahlweise ein zweijährlicher Test auf nicht-sichtbares Blut im Stuhl oder eine Darmkoloskopie im Abstand von zehn Jahren kostenlos. Ein positives Ergebnis eines Bluttests muss mit einer Koloskopie abgesichert werden, sagt Mügge.

Die Untersuchung mittels Schlauch ist eine echte Früherkennung, denn sie entfernt Polypen, die Vorstufen eines Tumors sein können. Die Verletzungsgefahr sei äußerst gering, doch Mügge rät, sich das sorgfältig zu überlegen.

Falsche Lebens- und Ernährungsgewohnheiten sind die häufigsten Ursachen für Krebs.

Bewegung, bewusstes Essen, nicht rauchen und Alkohol nur in Maßen genießen – wenn Sie auch nur eines davon nicht beherzigen, überlegen Sie, ob Sie durch Früherkennungsuntersuchungen die Chance nutzen wollen, Ihr Leben zu verlängern.