Frischer Wind von Osten

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Die Unternehmensgruppe Schwager begann 1923 mit einem Geschäft in Stadtilm, einem kleinen Städtchen in der Nähe des Rennsteigs. Hier eröffnete Rudolf-August Schwager ein Geschäft für Zierbänder, gewebte Borten und Spitzen aller Art, Posamente nannte man das. Sein Sohn Werner Schwager übernahm in den 1930er Jahren ein Kaufhaus in Eisenach, wo 1941 Ralf Schwager geboren wurde.

Nach der deutsch-deutschen Teilung zog die Familie in den Westen, weil ihnen die Enteignung drohte. In Holzminden wagte sie den Neuanfang, ohne die thüringische Heimat ganz zu vergessen.

Was hat Sie motiviert, 1990 nach Eisenach zurückzugehen?

Ich bin deswegen nach Thüringen zurückgegangen, weil ich dort geboren bin. Fast jeder Mensch kehrt an die Zelle seines Ursprungs zurück. Der zweite Grund ist natürlich, dass meine Eltern ihre alten Firmensitze in Stadtilm väterlicherseits, in Bad Langensalza mütterlicherseits und in Eisenach wieder betreiben wollten.

Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit in Thüringen?

Wir haben oben in der Nähe des Burschenschaftsdenkmals gewohnt und konnten auf Eisenach schauen. Das Erste, an das ich mich erinnere, ist, dass auf das Automobilwerk im Tal Bomben fielen – ich glaube es war 1944. An den Feuerschein kann ich mich noch erinnern. Das kriegt man nicht aus dem Kopf. Das Zweite: Mein Vater war in Norwegen stationiert und hat mir Skibretter mitgebracht. Mit denen bin ich schon mit zwei, drei Jahren die ‚Gänsegurgel‘ heruntergefahren.

Und das Kaufhaus?

An das kann ich mich nicht erinnern. Ich war da sicherlich drin.

Wann fiel die Entscheidung der Eltern, in den Westen zu gehen?

Als meine Mutter in Holzminden eine Arbeitsstelle erhielt. Ihr Vater, Oswald Grün, hatte hier ein Geschäft. Dann ist mein Vater nachgekommen. Die beiden haben das alte Silber, die Betten, ein großes Gemälde von Friedrich dem Großen, eine Anrichte und einen Schrank mitgenommen. Dann gab es den großen Glücksfall, dass sie das Holzmindener Modehaus Eschmann pachten konnten. Meine Großmutter ist 1954 nachgekommen und wurde die Seele des Geschäfts. Die Großeltern der mütterlichen Seite sind in Bad Langensalza geblieben. Die sind beide früh gestorben. Ihr Kaufhaus in Eisenach hieß auch nach dem Wechsel ihrer Familie 1949 in die Bundesrepublik noch eine Zeitlang ‚Schwager‘. Im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, gab es 1951 eine Anzeige, in der stand: „Das Kaufhaus der Werktätigen ist und bleibt: Kaufhaus Schwager.“ Zunächst hat es den Namen noch geführt. Dann hieß es ab 1953 ‚Magnet‘, war Teil der DDRHandelsorganisation HO. Für die Bevölkerung blieb es immer ‚Kaufhaus Schwager‘ – jedenfalls bei vielen, nicht bei allen.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt? Sind Sie sofort in die DDR gereist?

Am 9. November 1989 war ich in Straubing bei einer Einkaufstagung und bekam zunächst nicht mit, dass abends die Grenze geöffnet wurde von Herrn Schabowski. Ich wohnte in einem Hotel, das hatte kein Radio. Selbst am nächsten Tag beim Frühstück habe ich es nicht erfahren. Dann kam ich in eine Kneipe – in Bayern isst man ab 11 Uhr Weißwurst – und ein Mann fragte: „Wisst Ihr eigentlich, dass die Grenze offen ist?“ Ich habe gefragt: „Die polnische?“ Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er die deutschdeutsche Grenze meinte. Um exakt 11.05 Uhr habe ich meine Weißwurst nicht mehr gegessen, sondern zu einem Kollegen aus Bad Hersfeld gesagt: „Wir setzen uns ins Auto und fahren sofort nach Eisenach.“ Wir haben das Radio angemacht und festgestellt, dass das gar nicht möglich war. Die Westleute kamen ja nicht in die DDR, nur die DDRLeute nach Westdeutschland.

Wann kam es dann zum ersten Besuch?

Mein Vater ist am ersten Arbeitstag nach Weihnachten, dem 27. Dezember, nach Eisenach gefahren, ich einen Tag später. Mein Vater hat mir erzählt, dass mindestens fünf Mitarbeiter zu ihm gekommen seien und gesagt hätten: „Werner, dass Du wieder da bist, das finden wir ganz großartig. Wir haben bei Dir noch die Lehre gemacht.“ Sie hatten Tränen in den Augen. Für meinen Vater war das natürlich ein ganz großes Erlebnis in seinem zweiten Lebensabschnitt.

In welchem Zustand war das Kaufhaus?

„Das kann nur noch abgerissen werden“, war mein erster Gedanke. Es hat reingeregnet, das Parkett war kaputt und kein Putz mehr an den Außenwänden. Im Sommer ging ein riesiges Gewitter über Eisenach nieder. Ich wohnte im Hotel und habe mein Auto genommen, bin zum Geschäft gefahren, und die ganze erste Etage stand völlig unter Wasser. Die Ware war kaputt. Es war ein einziges Desaster. Man kann sich nicht vorstellen, in welchem Zustand das Kaufhaus war. Mit dem Geschäftsführer und den Mitarbeitern habe ich dann zusammengesessen. Wir haben vereinbart, dass ich Ladenbauteile rüberbringe – ob ich das durfte oder nicht, danach hat keiner gefragt. Das waren Angebotsständer, die wir nicht mehr brauchten, auf denen stand ‚Schwager bringt’s‘. Die kamen ins Fenster in Eisenach, mit DDR-Ware bestückt.

Was konnte man damals im ‚Magnet‘ kaufen?

Im Erdgeschoss gab es eine Schnapsabteilung, dazu kam eine große Abteilung für Abendkleider, schöne lange weiße, mit Pailletten besetzt und jede Menge Pelze – grottenhässlich.

Wie konnten Sie Ihr Geschäft dann wiedereröffnen?

Zunächst haben wir ein Joint Venture mit der DDR-Handelsorganisation HO gemacht, das begann am 2. Juli 1990. Ab diesem Tag gab es Westgeld, hartes Geld. Unter dem Namen Schwager Thüringer Einzelhandelsgesellschaft haben wir den Laden wieder aufgemacht. Am Eröffnungstag standen 2.000 Menschen vor der Tür. Das Kaufhaus war aber so desolat wie vorher, es regnete immer noch rein. Wir haben notdürftig bis Anfang September 1990 ein wenig Ladenbau betrieben, den Fußboden repariert, Lampen angebracht, die leuchteten, das Dach wasserdicht gemacht, die Außenfassade und die Dächer notdürftig saniert, die Fassade geputzt, damit man es wenigstens vorzeigen konnte. Im August 1990 haben wir die ersten Lehrlinge eingestellt. Ein Großteil ist noch heute da. Wir mussten uns aber auch von einigen Mitarbeitern trennen, das war nicht einfach.

Gab es Widerstände gegen Ihre Rückkehr?

Von der Bevölkerung eigentlich nicht. Es gab natürlich Widerstand von denen, die das Objekt auch haben wollten. Es war begehrt: direkte Innenstadtlage, große Verkaufsflächen. Eine Lebensmittelkette hat versucht, uns über die Treuhand auszuspielen. Auf jeden Fall haben wir es geschafft, das Geschäft betreiben zu dürfen, auch wenn wir zunächst nicht das Gebäude wiederbekamen. Wir erhielten Ende 1990 einen Mietvertrag von der Wohnungsbaugesellschaft und gleich noch einen für ein Sporthaus, das noch desolater war als das Hauptgeschäft. In diesem Sportgeschäft gab es nur ,Dederon‘-Badehosen, Schlitten, Skistöcke und Angelzeug. Das war es. Und einen ganz alten russischen Ofen darin, der wurde noch mit Kohle beheizt. Alles war verrußt und verdreckt.

Wie hat sich das Sortiment geändert?

Dann bin ich losgefahren, von Mai bis Juli 1990, und habe alles gekauft, was es gab auf dem Markt. Zwei Geschichten will ich erzählen: Unsere Frau Vogel aus dem Einkauf in Holzminden hat in Süddeutschland Miederwaren gekauft. Unter anderem waren da Büstenhalter in einer riesigen Cup- Größe. Die zeichneten wir zwei Tage vor dem 1. Juli – dem Geldwechsel – aus, und eine der Mitarbeiterinnen hat gesagt: „Ihr könnt uns ja alles verkaufen, aber solche BHs kann man nur Pferden anziehen.“ Der zweite Fall war im November 1990. Es war kalt. Ich fuhr mit der Einkäuferin aus dem ‚Magnet‘ zu unserem Einkaufsverband, und wir gingen in den Keller. Dort hingen Jacken und Mäntel, die habe ich alle gekauft, 4.000 Stück. Wir haben sie alle verkauft, die Menschen hatten nichts für kalte Tage. Daher haben wir später auch Wollunterwäsche eingekauft.

Die Lage hat sich 1991, 1992 geändert. Man musste sehen, dass man gute Ware zu vernünftigen Preisen bekam: Die Menschen hatten nicht nur nichts anzuziehen, sie besaßen auch kein Geld. Viele wurden sofort arbeitslos, einige Betriebe gingen 1990 schon kaputt. Diejenigen, die nicht arbeitslos waren, haben sehr wenig Geld verdient. Sofort gingen aber die Mieten hoch und auch die Preise für Lebensmittel wie Eier, Brot und Milch. Als wir aber 1995 in Eisenach im Grundbuch standen, haben wir überlegt: „Was machen wir jetzt? Abreißen oder nicht abreißen?“ „Nein, es wird saniert.“ Und wir haben erweitert. Das Nachbargebäude war abrissfähig, das haben wir von einer Familie gekauft.

1997 bis 1998 haben wir das Kaufhaus saniert, so steht es heute noch. Auch in Bad Langensalza haben wir groß erweitert. Da ist heute ein Modehaus drin mit einem Spielwarensortiment.

Wie erging es dem ersten Kaufhaus in Stadtilm?

Das wollte in der DDR-Zeit niemand haben, daher haben wir es nach der Wende schnell wiederbekommen. Vor Kurzem habe ich es mit großen Schmerzen verkauft – es war einfach nicht mehr zu halten. Die Arbeitslosigkeit lag bei 30 Prozent. Zuerst haben wir dort ein Sportgeschäft betrieben, nachher einen Billigladen – es war nichts los. Ich fahre da nicht mehr hin, das geht nicht. Das bricht mir das Herz.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zum Unternehmen

Die Unternehmensgruppe Ralf Schwager mit insg. 274 Mitarbeitern hat Standorte in Holzminden, Eisenach, Bad Segeberg, Seesen, Bad Pyrmont, Steinheim, Beverungen und Bad Langensalza. Der Standort Eisenach wurde nach der Wende reprivatisiert. 1997 kommt es hier zur Erweiterung auf fast 4.000 qm Verkaufsfläche. Das dortige Sortiment besteht aus Glas, Porzellan, Haushalt, Spielwaren, Küchenhelfern, Elektrokleingeräten, Geschenkartikeln, Lederwaren und Taschen, Heimtextilien, Wäsche, Herrenmode, Damenmode, Kindermode. In Bad Langensalza wurde der Standort nach der Wende von Schwager übernommen. 2001 wurde das Unternehmen hier um das benachbarte Wäschehaus erweitert, 2007 kommt es zum Neubau und zur Erweiterung auf fast 800 qm. Das Sortiment besteht aus Kinder-, Damen- und Herrenmode, Wäsche und Spielwaren.