Freiheit im Akkord

©Peter Heller
Text von: Christian Vogelbein

Regionale Unternehmen produzieren in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf – eine viel diskutierte Arbeitsressource. Doch die Häftlinge verdienen sich damit mehr hinzu als nur ein paar Euro.

Die Pause dauert eine Zigarettenlänge. Sie reicht für einen Witz, eine Anekdote und das Fußballspiel von gestern: „Lebenslang Grün-Weiß.“ Gleich geht die Schicht weiter, Stückzahl und Präzision machen ein gutes Produkt und eine noch bessere Bezahlung aus. Sie sind Metalltechniker, Logistikspezialisten, Feinmechaniker oder Tischlermeister. Da draußen. Hier drinnen sind sie alle gleich. Die Gitterstäbe vor dem Fenster zeichnen weiche Schatten auf harte Gesichter.

In Niedersachsen gilt für alle Strafgefangenen Arbeitspflicht. Die Anstalten lösen das unterschiedlich. Die Gefängnisse in Niedersachsen sind kleine Betriebe und Teil des Landesbetriebes ‚Justizvollzugsarbeitsverwaltung‘, der betriebswirtschaftlich ausgerichtet ist, inklusive Jahresbilanz und gesetzlichem Auftrag zur Resozialisierung. Für die Gefangenen bedeutet das: sieben bis acht Stunden Ablenkung und ein größeres Taschengeld für den Monatseinkauf.

Wie in anderen Anstalten auch können Unternehmen in Rosdorf ihre Aufträge an die Betriebe abgeben und stellen Material und Maschinen zur Verfügung. Jedoch verfügen die Göttinger über keinen eigenen Handwerkerbetrieb und produzieren nichts im Eigenauftrag, sondern setzen ausschließlich auf externe Betriebe. Lohnt sich das? Und für wen?

Einer von ihnen ist Jan Friedrich, Prokurist bei WGF Fahrzeugteile. Seit 2007 lassen die Uslarer in Rosdorf Kleinteile zusammensetzen – und sind damit Partner der ersten Stunde. Schilder und Blinkeranlagen werden beklebt und montiert, in großer Stückzahl und manchmal auch als kurzfristige Spezialanfertigung. Ein kostengünstiger Marktvorteil, der über einen Lieferanten in China nicht zu leisten ist. „Ich rufe hier an, und die Produktion läuft“, sagt Friedrich. Er schätzt den kurzen Dienstweg. Und damit ist er nicht allein. Auch andere – mitunter namhafte – deutsche Unternehmen lassen gerne in Gefängnissen produzieren, darunter große Möbelhäuser, Textilunternehmen, Maschinenbauer. Sie alle nutzen die Arbeitskraft und das Angebot der Anstalten für insbesondere kleinteilige Arbeiten.

Wie im Fall von WGF setzen aber vor allem Betriebe aus der Nähe auf die Dienste der JVA – und dass sich das auch betriebswirtschaftlich lohnt, daraus macht der Unternehmer keinen Hehl. Denn die Rechnung ist einfach: Die JVA stellt Raum, Maschinen und Arbeitskräfte zur Verfügung. WGF liefert das Material und die Aufträge. „Problematisch wird es, wenn die Auftragslage dünn ist. Dann haben die Arbeiter nichts zu tun. Die Wirtschaftslage draußen spiegelt sich hier drinnen oft wieder“, berichtet Holger Herborg. Er leitet den Fachbereich Arbeit der Gefangenen in Rosdorf, kümmert sich um die Häftlinge und ist Ansprechpartner für die Unternehmen. Viele Kunden schauen regelmäßig vorbei, andere bleiben die meiste Zeit im Hintergrund. Was sie zu sehen bekommen, sind meist hochmoderne Betriebe. Aus der Kooperation wird schnell eine Partnerschaft. „Das ist wichtig, aber nicht notwendig“, erklärt Herborg. Friedrich stimmt zu. Er genießt diesen engen Kontakt, das Vertrauen und die schnelle Reaktion. Mit Betriebsleiter Olaf Wallbrecht hat er einen direkten Ansprechpartner – Vorarbeiter und Prozessoptimierer mit Pfefferspray und Handschellen.

Benutzen muss Wallbrecht sie allerdings nicht. Die JVA Rosdorf ist neu, sauber und vor allem lichtdurchflutet. „Das ist gut für die Stimmung“, erzählt er und schließt Tür um Tür auf, die Häftlinge und Gäste in die Produktionsbereiche geleiten. Er führt durch sieben Betriebe. Hier lässt ein Unternehmen Bezüge für Bügelbretter schneiden, dort werden Sortieradapter für moderne Webstühle montiert und auf Funktion getestet. Im Handwerk ist es meistens still. „Jeder ist mit seiner Sache beschäftigt“, erklärt Wallbrecht die ruhige Atmosphäre. Laut wird es nur, wenn Gruppen im Akkord arbeiten. Dann geht es um Stückzahl: In Betrieb 1 werden Mehrweggläser verschraubt und sortiert. Wer nicht mitkommt, wird von den Mithäftlingen zurechtgewiesen. Manchmal tragen sie die Machtspielchen mit in die Pausen. Dann sei der Mörder die größere Nummer als der Dieb, und der U-Häftling habe eh nichts zu sagen. Wallbrecht verdreht die Augen. Dann gehe es zu wie auf einem Schulhof.

Vor allem bedeutet die Arbeit für die Häftlinge aber Ablenkung von dem sonst so tristen Alltag. Eine Währung, die mit Geld nicht aufzuwiegen ist. Deshalb reißen sie sich noch ein bisschen mehr zusammen, glaubt Wallbrecht. Denn wer sich danebenbenimmt, verbringt den Tag in der Zelle. Gelangweilt, ohne Gespräche – und mit deutlich weniger Geld in der Tasche. Die Arbeitszeiten der Häftlinge in niedersächsischen Vollzugsbetrieben orientieren sich grob am öffentlichen Dienst. Es gibt Pausen und sogar Urlaub, bis zu 24 Tage im Jahr. Außerdem können in bestimmten Fällen jeweils zwei Monate Arbeitseinsatz mit einem Tag auf die Haftentlassung angerechnet werden. Die Bezahlung erfolgt in fünf Vergütungsstufen je nach Anforderung. Hinzu kommen drei Tarife, die sich an der Art der Haft orientieren. U-Häftlinge verdienen weniger als Strafgefangene. Menschen in Sicherungsverwahrung bekommen das meiste. Nur die Strafgefangenen sind von der Arbeitspflicht betroffen. Die Chance auf Abwechslung im Haftalltag nutzen trotzdem fast alle.

Einer der weiß, wie es läuft und was das bedeutet, ist Dietmar Kählert. Der 36-Jährige hat mit Drogen gehandelt und muss wahrscheinlich vier Jahre in der JVA bleiben. „Ein Verfahren steht noch aus, aber ich bin mir sicher, dass ich länger bleibe“, sagt der junge Mann mit Glatze und schmaler Brille, zündet sich eine Zigarette an und schaut an den Gitterstäben vorbei. Seine Arme und den Hals zieren viele verschiedene Tattoos. Über das Klischee muss er selbst ein bisschen lachen. Ein paar der Bilder sind tatsächlich im Knast entstanden – nicht ganz legal und nicht ganz schön, wie er zugibt. „Das würde ich auch nicht mehr machen“, sagt Kählert ein wenig nachdenklich. Er streicht sich über die Arme und denkt an die Zeit nach dem Gefängnis. „Die sollen aber schon noch voll werden.“

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