Fortbestand gefährdet

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Text von: Claudia Klaft

BWL-Professor Stefan Dierkes über die Grenzen von Unternehmenswerten

Wie erklären Sie sich das steigende Interesse an Werten in Unternehmen und Führung?

Die vermehrte öffentliche Diskussion über Werte in Unternehmen und Führung ist wohl vor allem auf die Vielzahl an „Skandalen“ und kritisierten unternehmerischen Entscheidungen in den vergangenen Jahren zurückzuführen. Insofern ist es verständlich, dass kritisch gefragt wird, welche Werte von Unternehmen verfolgt werden. In der Betriebswirtschaftslehre wird diese Fragestellung seit langem intensiv diskutiert. Die spannende Frage ist, welche Werte und Ziele bei den unternehmerischen Entscheidungen in welchem Maße berücksichtigt werden sollen.

Welchen Nutzen haben Werte für das Unternehmen selbst und für die Gesellschaft allgemein?

Die Unternehmensführung braucht Ziele, an denen sie ihre Entscheidungen ausrichten und an denen sie gemessen werden kann. Unstrittig ist, dass die Ziele der Eigenkapitalgeber als ökonomische Ziele eines Unternehmens Berücksichtigung fi nden sollten, da die Eigenkapitalgeber in besonderem Maße am Risiko beteiligt sind. So stehen in einer wertorientierten Unternehmensführung die finanziellen Ziele der Eigenkapitalgeber und damit das Gewinnziel eindeutig im Vordergrund (Shareholder-Orientierung), wobei der Gewinn nicht nur für diese von Interesse ist. Die Ziele der anderen Unternehmensbeteiligten, wie z.B. Arbeitnehmer, Kunden und Öffentlichkeit, werden nur so weit berücksichtigt, wie dies der Zielerreichung der Eigenkapitalgeber zuträglich ist.

Demgegenüber gehen bei einer Stakeholder-Orientierung die Ziele aller Unternehmensbeteiligten zunächst gleichberechtigt in das Zielsystem ein. Insofern ist dieser Ansatz in stärkerem Maße dafür geeignet, neben ökonomischen Zielen auch soziale und ökologische Ziele zu berücksichtigen. Ein besonderes Problem ist dabei sicherlich, wie das Verhalten der obersten Führungskräfte auf diese Zielvorstellungen hin ausgerichtet werden kann, womit sich die Regelungen zur Corporate Governance beschäftigen. Wenn Unternehmen ökonomisch, ökologisch und sozial und damit nachhaltig und ethisch verantwortlich agieren, ergibt sich hieraus unmittelbar der Nutzen für die Gesellschaft.

Wo sehen Sie die Grenzen von Unternehmenswerten?

Mögliche Grenzen können sich daraus ergeben, dass hierdurch die Erreichung der ökonomischen Ziele beeinträchtigt und damit möglicherweise der Fortbestand eines Unternehmens gefährdet wird. Um diesem entgegenzuwirken, gilt es, auf politischer Ebene ein Ordnungssystem zu konzipieren, welches es den Unternehmen gestattet, ökologische und soziale Ziele unter Wettbewerbsbedingungen und dem Druck der Kapitalmärkte zu verfolgen. Letztlich kommt es jedoch darauf an, inwieweit ökologische und soziale Ziele in der Gesellschaft akzeptiert und verankert sind. Besondere Herausforderungen erwachsen dabei aus der zunehmend globalisierten Wirtschaft. Weitere Grenzen ergeben sich daraus, dass die Berücksichtigung von ökologischen und sozialen Zielen im Steuerungssystem von Unternehmen mit Problemen behaftet ist.

Können Unternehmenswerte den wirtschaftlichen Erfolg garantieren?

Nein, für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens ist entscheidend, ob es Wettbewerbsvorteile aufweist und Produkte entwickelt und produziert, die von den Kunden nachgefragt werden. Bei nicht wenigen Unternehmen hat man berechtigterweise den Eindruck, dass nur der wirtschaftliche Erfolg zählt. Gute Unternehmen zeichnen sich aber dadurch aus, dass die Berücksichtigung ökologischer und sozialer Ziele zur unternehmerischen Verantwortung gehört und in der Strategie fest verankert ist. Für unsere Gesellschaft wäre es wünschenswert, wenn diese Unternehmen im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft beispielgebend für andere Unternehmen wären.

Vielen Dank für das Gespräch!

Stefan Dierkes ist Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Finanzen und Controlling an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität. Er bietet u.a. eine Lehrveranstaltung zum Thema „Wertorientiertes Controlling“ an. In der Forschung beschäftigt sich Dierkes vor allem mit den Themen wert- und risikoorientierte Unternehmensführung, Performance Measurement, Anreizsysteme, Kontrollmanagement und Gesundheitsmanagement.