Forschung im Vormarsch

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In Göttingen gibt es zahlreiche Institutionen, die sich mit dem  Thema Demenz beschäftigen. Dank des Engagements der hiesigen Forscher, Mediziner und Wissenschaftler gibt es einige vielversprechende  und zukunftsweisende Erkenntnisse.

Gedanken national verknüpft

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) ist die einzige außeruniversitäre Forschungseinrichtung, die sich deutschlandweit vernetzt dem Thema Demenz und all seinen Facetten widmet. In diesem Netzwerk verfolgen mehr als 1.000 Mitarbeiter in enger Kooperation mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Partnern an den Standorten Berlin, Bonn, Dresden, Magdeburg, München, Rostock/ Greifswald, Tübingen, Witten – und seit 2011 unter der Leitung von André Fischer auch in Göttingen – einen interdisziplinären Ansatz. So entsteht eine exzellente, bundesweite wissenschaftliche Expertise. Mehr als 80 Arbeitsgruppen ergründen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Gehirnerkrankungen, mit dem Ziel, neue präventive und therapeutische Ansätze zu entwickeln. Hierbei ist die Grundlagenforschung eng mit der klinischen Forschung, mit Populationsstudien und der Versorgungsforschung verbunden. So sollen neue diagnostische Marker gefunden und eine rasche Entwicklung neuer Therapien ermöglicht werden.

Ein Forschungsschwerpunkt in Göttingen ist die Epigenetik, der sich Standortleiter Fischer gewidmet hat. In der Epigenetik geht es um die Vererbung bestimmter Merkmale. Insbesondere die Früherkennung von Demenz und die Frage, warum Sport vorbeugend wirkt, beschäftigen das Göttinger Forschungsteam. Auch Umwelteinflüsse auf die Entwicklung von Demenz spielen hier eine große Rolle. Für eine mehrjährige Pilotstudie werden zurzeit Probanden gesucht, die jeweils etwa ein halbes Jahr an den Forschungen mitwirken.

Mehr Infos zu André Fischer gibt es hier.

Psychiatrische Erkrankungen erhöhen das Demenzrisiko im Alter

Unfälle, schwere Verluste oder Ängste in der Jugend – auch Kriegs­ oder Fluchterlebnisse – sind oft der Auslöser von psychischen Krankheiten. Wer mit einer posttraumatischen Belastungs­ oder Angststörung sowie anderen psychiatrischen Erkran kungen reagiert, hat leider auch ein erhöhtes Risiko, im Alter eine Demenz zu entwickeln. Warum dies so ist, war bisher ein Rätsel. Göttinger Forscher haben nun einen Aspekt aufgedeckt, der den Zusammenhang erklären kann.

Ihre Untersuchungen an Mäusen und an Menschen zeigen, dass die Fehlfunktion des Proteins Formin 2 an der Entstehung von Angststörungen, insbesondere der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSB), beteiligt ist. Formin 2 reguliert die Kommunikation von Nervenzellen. Die Fehlfunktion des Proteins führt nicht direkt zur Demenz. Jedoch in Kombination mit anderen Risikofaktoren für Morbus Alzheimer beeinträchtigt die Fehlfunktion die Genaktivität der Nervenzellen, beschleunigt so Gedächtnisverlust und begünstigt die Entstehung von Alzheimer. Medikamente, die die Genaktivität der Nervenzellen positiv beeinflussen, können in diesem Szenario die Gedächtnisfunktion bei Mäusen wiederherstellen. Die Forschungserkenntnisse stammen von Arbeitsgruppen um Farahnaz Sananbenesi und André Fischer. Beide Göttinger Forscher arbeiten an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Standort Göttingen.

Kontakt: Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) • c/o Universitätsmedizin  Göttingen • Abteilung Neurologie • Prof. Dr. André Fischer • Tel. 0551 3961216 • www.dzne.de

,Blockbuster‘ gegen Alzheimer

Für die Erforschung ihres Antikörpers ,NT4X‘ erhielt die Arbeitsgruppe ,Molekulare Psychiatrie‘ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UMG den Sonderpreis Wissenschaft beim Innovationspreis 2016 des Landkreises Göttingen. Wenn es nach dem Plan von Projektleiter Thomas Bayer geht, soll dieser Antikörper schon im nächsten Jahr in die Testphase gehen. Er soll im Gegen satz zu den derzeit verfügbaren Behandlungen das Fortschreiten der Alzheimerdemenz stoppen.

Bisherige Therapien lindern lediglich die Symp tome, stoppen aber nicht den Krankheitsverlauf. Der Antikörper wurde an das Medical Research Council for Technology (MRCT) auslizensiert, der den Wirkstoff bereits Anfang 2018 fertiggestellt haben will. Danach soll eine Business­ Offensive erfolgen, um den Wirkstoff in Zusammenarbeit mit anderen Pharmaunter nehmen in die klinische Testung zu führen. „Einerseits ist das die Gelegenheit für einen Pharmakonzern, die Weltmarktführerschaft zu übernehmen, andererseits wird für die weltweiten Testreihen mit menschlichen Probanden eine Investitionssumme von etwa 100 Millionen Euro aufzubringen sein“, sagt Bayer und skizziert damit die Chancen und Risiken des Markteinführungsprozesses. Das weltweite Wett rennen geht laut Bayer nun in eine spannende Phase. Er sieht sein Forschungsteam in der Pole Position mit einem erstklassigen Produkt, das bis zur Übergabe an die Vermarkter Entwicklungskosten von etwa einer Million Euro verbraucht haben wird. Sollte sich die Wirksamkeit der Entwicklung von den bisherigen Laborversuchen mit Tieren auf Menschen übertragen lassen, wäre dies laut Bayer ein „Blockbuster“, der die gesamte Alzheimer-­Therapie revolutionieren würde.

Kontakt: Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie • Arbeitsgruppe für Molekulare Psychiatrie • Prof. Dr. Thomas Bayer • Tel. 0551 3922912 • www.psychiatrie. med.uni-goettingen.de

Demenz wegen verklumptem Eiweiß?

Seit 1993 besteht in Göttingen das Nationale Referenzzentrum für Prionerkrankungen. Unter der Leitung von Inga Zerr gelangen hier in der vergangenen Dekade bahnbrechende Fortschritte bei der Entwicklung von Diagnoseverfahren für Prionerkrankungen. „Patienten mit dieser Diagnose leiden an einer extrem schnell voranschreitenden Demenzform“, erklärt die Oberärztin der Neurologischen Klinik an der UMG. Mit ihrem fünfzehnköpfigen Forschungsteam, das eng mit Neuropathologen der Universität Hamburg kooperiert, möchte die Medizinerin in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Grundlagen entwickeln, die zu einer medikamentösen Behandlung dieser schwer erkrankten Menschen führen soll.

Anhand von Blut- und Nervenwasserproben erkannten die Demenzforscher, dass beide von ihnen angenommenen Hypothesen stimmen: Die Prionerkrankungen können demnach einerseits von Tieren – beispielsweise BSE – auf den Menschen über tragen werden, andererseits aber auch sporadisch und zufällig auftreten. Ein Ziel des Teams ist zu erkennen, warum das Eiweiß namens Prion im Körper so schnell zu schwersten Krankheitserscheinungen führt. Die Untersuchungen sind sowohl klinisch als auch grundlagenorientiert und werden vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung gefördert.

Kontakt: Klinik für Neurologie • Prionforschungsgruppe • Prof. Dr. Inga Zerr • Tel. 0551 3966636 • www.cjd-goettingen.de

Gemeinsam vorbereiten

Gedächtniseinbußen, Aggressivität, Taktlosigkeit, Teilnahmslosigkeit bis zur Depression – das sind oft die ersten Anzeichen einer Demenz. Die meist weitreichenden Veränderungen in der Persönlichkeit, der Emotionen und im Sozialverhalten stellen für Erkrankte und Angehörige im alltäglichen Umgang eine unermessliche Belastung dar. Sinja H. Meyer-Rötz ist Leiterin des Klinik­ und Forschungsmanagements in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UMG und Sprecherin des Arbeitskreises Gerontopsychiatrie des Sozialpsychiatrischen Verbunds für Stadt und Landkreis Göttingen. Sie blickt positiv auf eine im Juni veranstaltete Fachtagung an der UMG zurück, unter dem Titel ,Aspekte der Demenz: Gerontopsychiatrische Fachtagung‘. Erstmals trafen sich hier Ärzte, Pflege­ und Betreuungskräfte, Sozial arbeiter und Angehörige zu einem großen interdisziplinären Austausch.

Für Meyer-Rötz ist die Interdisziplinarität überhaupt das Zauberwort, denn nur so könne man den Zukunftsherausforderungen entgegentreten. Der enorme zu erwartende Zuwachs von Demenzerkrankten Interdisziplinarität ist das Zauberwort, denn nur so kann man den Zukunftsherausforderungen entgegentreten. Der enorme zu erwartende Zuwachs von Demenzerkrankten sei laut der Gerontologin von der Göttinger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie nur zu bewältigen, wenn Angehörige und Fachkräfte gemeinsam an einem Strang zögen. Dies sei wiederum nur möglich, wenn die Probleme der Pflege und Angehörigen zur Sprache kommen. Denn sowohl bei der Pflege zu Hause als auch bei der Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung müssen viele psychische Probleme überwunden und bürokratische Hürden gemeistert werden. „Statt der bisherigen punktuellen Beratungsangebote brauchen die Angehörigen eine prozessorientierte und dauerhafte Beratung und Unterstützung“, so Meyer-Rötz. Während sie in der Gesellschaft bereits ein großes Problembewusstsein feststellt, fehlen ihr in vielen Bereichen die politischen Schlussfolgerungen. Durch eine regelmäßige Austragung solcher Fachtagungen beabsichtigt Meyer­-Rötz, den Druck auf die politischen Entscheidungsträger zu bündeln und zu verstärken.

Kontakt: Universitätsmedizin Göttingen • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie • Dr. Sinja  Meyer-Rötz • Tel. 0551 3910114 •  www.deutsche-alzheimer.de/die-krankheit/ frontotemporale-demenz.html

Sind Alzheimer-Plaques nur schädlich?

Die Alzheimer­-Krankheit ist unheilbar. Neue Wirkstoffe richten sich zumeist gegen Protein-­Ablagerungen aus Beta-­Amyloid. Diese ,Alzheimer-­Plaques‘ gelten als ein untrügliches Zeichen der Krankheit. Studienergebnisse der letzten Jahre zeigen jedoch, dass diese Wirkstoffe bislang keinen Erfolg bringen. Oliver Wirths aus der Arbeitsgruppe Molekulare Psychiatrie unter der Leitung von Thomas Bayer an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UMG hat eine mögliche Erklärung für das Scheitern gefunden.

In seinem Grundlagenforschungsprojekt ,Verfügen Beta­-Amyloid-­Ablagerungen über eine Pufferkapazität?‘ möchte er seine Hypothese überprüfen. Gefördert wird das zweijährige Projekt mit fast 80.000 Euro von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI) in Düsseldorf. „Wir gehen davon aus, dass die sogenannten Oligomere für die Schädigung von Nervenzellen verantwortlich sind“, sagt Wirths. Oligomere sind kleinere Proteinbausteine und die Vorstufe der Plaques. Daher überprüft in den kommenden drei Jahren eine Doktorandin die Hypothese, ob die Plaques eine Art Puffer bilden, in denen die Oligomere gebunden werden. Wäre die Aufnahmekapazität der Puffer erschöpft, könnte es zum Auftreten der Alzheimer­-Erkrankung kommen.

Sollte diese Hypothese zutreffen, müsste die Erforschung von Wirkstoffen gegen Proteinablagerungen aus Beta-­Amyloid grundlegend überdacht werden. Stattdessen würden dann Wirkstoffe, die sich direkt gegen die Oligomere richten, im Fokus stehen. Zur Klärung werden Mäuse eingesetzt, die lediglich Oligomere bilden und Lerndefizite sowie einen Verlust von Nervenzellen aufweisen. Diese werden gekreuzt mit Mäusen, die zwar Plaques ausbilden, ansonsten aber keine Auffälligkeiten im Hinblick auf Verhalten oder Nervenzellverlust zeigen. Sollten Plaques – wie angenommen – tatsächlich über eine entsprechende ,Pufferkapazität‘ verfügen, müsste sich dies bei den gekreuzten Tieren durch einen verminderten Nervenzellverlust und eine entsprechende Verbesserung der Lernleistung zeigen.

Kontakt: Universitätsmedizin Göttingen • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie • Arbeitsgruppe für Molekulare Psychiatrie • Prof. Dr. Oliver Wirths • Tel. 0551 3910290 • www.psychiatrie.med.uni-goettingen.de