Forschung aus der Vogelperspektive

© ALCIRO THEODORO DA SILVA
Text von: Stefan Liebig

Herbert Jäckle, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), im Interview zu den geplanten Investitionen am Faßberg und der Bedeutung der Göttinger Institute für die MPG und die Region.

Herr Jäckle, zurzeit werden große Investitionen an den Göttinger Max-Planck-Instituten getätigt. Was bedeutet das ganz konkret für den Standort Göttingen?

Der Umzug des Instituts für Strömungsforschung, das jetzt Institut für Dynamik und Selbstorganisation heißt, steht kurz vor dem Abschluss. Dadurch bündeln wir unsere Kompetenzen am Hauptstandort Faßberg. Öffentlichkeitswirksamer ist aber natürlich die Übersiedlung des Instituts für Sonnensystemforschung von Katlenburg- Lindau hierher. Dieser wird etwa eine Investition in Höhe von 50 Millionen Euro verschlingen. Daneben finden ständig Renovierungs- und Umbauarbeiten an den Instituten statt. Der Turm 1 wurde gerade für 15 Millionen Euro renoviert. Etwa zehn Prozent unseres Etats fließen jährlich in Bau- und Renovierungsmaßnahmen, wie etwa die ständig anzupassenden Brandschutzmaßnahmen.

Sehr viel Geld – gerade in wirtschaftlich turbulenten Zeiten. Wie finanziert sich die MPG, und wie sicher sind die Investitionsplanungen?

Ja, wir sprechen tatsächlich von großen Summen und sind dankbar für die Planungssicherheit. Wir bekommen jährlich 1,4 Milliarden Euro. Der größte Teil davon aus dem Wissenschaftsetat des Bundes und der Länder. Auf diese Summe können wir uns stets verlassen. Natürlich können daraus auch Abhängigkeiten gegenüber der Politik entstehen, die zum Beispiel versuchen kann, bei der Standortwahl neuer Institute Einfluss zu nehmen.

Sind denn neue Niederlassungen geplant?

Nein, neue Standorte planen wir nicht. Nach dem Wachstum auf 82 Institute sind wir nun in einer Konsolidierungsphase.

Und welche Rolle spielt Göttingen innerhalb der bestehenden Standorte?

Göttingen spielt für die MPG selbstverständlich eine sehr wichtige Rolle – die Gesellschaft wurde hier gegründet. Mit den fünf Instituten verfügt die Leinestadt über fast so viele Forschungseinrichtungen wie die wesentlich größeren Städte Berlin, Frankfurt oder München.

Göttingen ist Wissenschaftsstadt – wie arbeiten Sie mit anderen Forschungseinrichtungen zusammen?

Wir kooperieren sehr intensiv mit der Georg- August-Universität. Da wir nicht über Ausbildungs- und Promotionsrechte verfügen, sind wir auf die Ausbildung der Wissenschaftler an der Universität angewiesen. Gemeinsam bieten wir beispielsweise ein Doktorandenprogramm im Rahmen der International Max-Planck-Research-Schools für mehrere Fachbereiche an. Die Idee dahinter ist die gemeinsame Ausbildung von hervorragenden Wissenschaftlern.

Wie hat sich die Forschung in den vergangenen Jahren durch die rasante techno logische Entwicklung verändert?

Ich erkläre das mal am Beispiel meines Forschungsbereichs Biologie, in dem in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine Revolution stattgefunden hat: Alte Fragen der Menschheit beantworten wir mit neuesten computerunterstützten Instrumenten. Was früher wochenlanger Forschungsarbeit bedurfte, kann heute an einem Wochenende erledigt werden, wie etwa die Analyse einer DNA-Probe. Dank Internet können wir auf Terabytes von Daten zugreifen und diese praktisch ohne Zeitaufwand sortieren lassen. Wenn wir früher ehrfürchtig aus der Froschperspektive auf einen Datenberg schauten, blicken wir nun aus der Vogelperspektive auf geordnete Daten herab. Das spart enorm viel Zeit und Geld. Und vor allem: Es bringt verwertbare Ergebnisse.

Welche Bedeutung hat die MPG über die Forschung hinaus für Göttingen und die Region?

Gemeinsam mit der Universität locken wir viele junge, gut gebildete Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt hierher. Das verleiht der Stadt ihr unvergleichliches jugendliches und internationales Flair. Darüber hinaus beschäftigen wir über 1.000 Mitarbeiter, und die Region profitiert natürlich auch von unseren stetigen Bau- und Renovierungsprojekten.

Vielen Dank für das Gespräch.