Flüssiges Gold

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin, redaktion

Dass nicht nur die Schotten, sondern auch die Harzer exzellenten Whisky brennen können, beweist die ‚Hammerschmiede‘ Zorge. faktor hat sich hier umgesehen und führt ein in die Welt des Whiskys.

Früher sind die Männer im Harz mit Schlägel und Eisen losgegangen, um Erz aus den tiefen Gruben des Mittelgebirges ‚zu hauen‘. Das ‚Gold des Harzes‘ ist allerdings schon lange versiegt, das letzte Bergwerk vor fast einem Vierteljahrhundert geschlossen worden.

Heute wird im kleinen Harzdorf Zorge, einen Steinwurf von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entfernt, ‚flüssiges Gold‘ produziert.

2002 haben Vater Karl-Theodor und Sohn Alexander Buchholz damit begonnen, in der alten Hammerschmiede Wieda – dem Stammhaus der Spirituosenmanufaktur – die ersten Fässer mit Harzer Single-Malt-Whisky zu befüllen.

„Aus Spaß an der Sache und kreativem Wahnsinn“, wie es Alexander Buchholz ausdrückt.

Drei Jahre später waren die Räumlichkeiten in Wieda für die Fasslagerung allerdings schon zu klein geworden, weshalb die Brennerei in ein größeres Produktions- und Lagergebäude umziehen musste. Eine geeignete Immobilie fand sich im Nachbarort Zorge mit dem ehemaligen Kurhaus.

Gelungenes Experiment

Dass Vater und Sohn das Experiment Whisky gelungen war, zeigte der große Absatz gleich nach Verkaufsstart Ende 2005.

Dass sie aber ein Ausnahmeprodukt zusammengebraut oder besser gesagt gebrannt haben, bestätigte ihnen nun auch ein ganz Großer der Szene: Jim Murray.

In der 2013er Auflage seiner anerkannten ‚Whisky Bible‘ (siehe Kasten) hat der englische Whisky-Guru den Zorger Single-Malt mit einer Wertung von 95 von 100 möglichen Punkten bedacht – ein absoluter Spitzenwert, mit dem die Harzer in die weltweite Spitzengruppe der edlen Tropfen erhoben werden.

faktor: Handarbeit

Ein faktor, der dafür verantwortlich ist: Handarbeit. „Bei uns wird jeder Arbeitsschritt per Hand ausgeführt: vom Brennen bis zum Etikettieren“, sagt Alexander Buchholz, als er neben der kupfernen Brennblase im Produktionsraum steht, den er aufgrund seiner Größe nur „Produktionslabor“ nennt.

Dementsprechend gering sind die Stückzahlen. Lediglich 16.000 bis 20.000 Flaschen verlassen die Whisky-Manufaktur insgesamt pro Jahr. „Das schafft Glenfiddich (schottischer Whisky-Produzent, Anm. der Red.) in einer Stunde“, erklärt Buchholz. Darüber hinaus erhält der ‚Glen Els‘ seine eigene Note durch die regionale Prägung: „Wir wollen die Harzer Besonderheiten und Traditionen in den Whisky einfließen lassen“, sagt Alexander Buchholz.

Und das geschieht im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das Wasser, das den Geschmack eines Whiskys mitbeeinflusst, kommt direkt aus einer Quelle, nur wenige Hundert Meter von der Destillerie entfernt.

„Unser Wasser ist sehr weich“, erklärt Buchholz. Das habe den Vorteil, dass man es nicht selber entmineralisieren müsse und dadurch der natürliche Charakter erhalten bleibe.

Zudem stammt die gemälzte Gerste, aus der später das Destillat gewonnen wird, aus der Region. Um die Brennblase zu befeuern, verwenden die Zorger Harzer Buchen- und Erlenholz, welches ihnen auch dazu dient, das Getreide für die sogenannte ‚wood smoked edition‘ zu räuchern.

In den meisten anderen (schottischen) Brennereien wird das über Torffeuer gemacht. Doch: „Wir sind schließlich im Harz, und da wäre niemand auf die Idee gekommen, Torf abzufackeln“, erklärt Buchholz.

Name in schottischer Tradition

Einzig der Name des Harzer Whiskys steht in schottischer Tradition. So wurde der Begriff ‚Glen‘, der ein tiefes Tal in den Highlands bezeichnet und sich bei vielen Single-Malt-Whiskys im Namen wiederfindet, verwandt, um auf die Herkunft aus dem Zorger Elsbachtal hinzuweisen.

Der Großteil seines Geschmacks wird dem ‚Glen Els‘ aber erst durch die Lagerung verliehen. Drei Jahre und einen Tag muss sie mindestens andauern. Erst dann darf der Alkohol, der beim Destillieren gewonnen und anschließend in massive Eichenfässer abgefüllt wird, als Whisky bezeichnet werden.

So will es die europäische Gesetzgebung, in Anlehnung an schottische Traditionen.

Whisky-Liebhaber Alexander Buchholz setzt dabei auf exklusive Fässer, die er aus ganz Europa zusammenkauft und in denen vorher edle Weine wie Sherry, Madeira, Bordeaux oder Marsala gelagert haben.

500 bis 2.500 Euro kostet so ein 250 Liter fassender Bottich, wohlgemerkt ohne Inhalt, wie der 28-Jährige mit verschmitztem Lächeln betont. „Da das Fass aber 70 Prozent des Geschmacks ausmacht, und wir auf alle höchste Qualitätsstandards setzen, geben wir das Geld gern aus“, sagt er.

Während der Lagerung verdunsten im Wesentlichen Wasser und Alkohol, wohingegen die öligen Aromastoffe des Destillats und des Fasses erhalten bleiben. In den industriellen Großlagern Schottlands verschwinden so durchschnittlich zwei Prozent des Fassinhalts pro Jahr.

Der Duft in der Luft

Im Festsaal des ehemaligen Kurhauses Zorge bzw. in dessen Keller und dem zweiten Lager in Wieda werde dagegen zwischen vier und zehn Prozent an die Umgebungsluft abgegeben, so Alexander Buchholz.

Die Fasslager im Harz unterliegen in stärkerem Maße den jahreszeitlichen Schwankungen, da diese in Deutschland ‚extremer‘ ausfallen als zum Beispiel in Schottland. Infolgedessen dehne sich der Whisky bei großer Sommerhitze aus und ziehe sich im Winter bei Kälte zusammen, wodurch er sich viele Aromastoffe aus dem Fass hole.

„Das führt wiederum dazu, dass unser ‚Glen Els‘ seine Reife bereits nach dreieinhalb bis fünf Jahren erlangt hat“, erklärt Buchholz weiter. Was es heißt, wenn Whisky ‚atmet‘, kann man im Kellerlager erriechen.

‚Angels Share‘ nennen die eingefleischten Liebhaber den Anteil des Whiskys, der während seiner Reifephase aus dem Fass entschwindet und den schlauchartigen Raum mit einer schweren Duftwolke füllt.

Nahezu einzigartig wird der Harzer Whisky aber dadurch, dass keine Farbstoffe hinzugefügt werden, und er nicht kältegefiltert wird. Beides verleiht dem ‚Glen Els‘ – im Zweifel auch auf Kosten seiner Optik – Natürlichkeit und ein volles Aroma.

Der richtige Genuss

„Ein Whisky soll aber in erster Linie schmecken“, findet Buchholz. Erst dann könne man sich über das Aussehen unterhalten. Ähnlich sieht das auch ein in der Region angesehener Whisky- Kenner, Hans Strenge.

Der Mitarbeiter der Weinhandlung Bremer in Göttingen ist der Überzeugung, dass man einem Harzer Whisky seine Eigenart ruhig ansehen und anschmecken soll. „Man darf eben keinen schottischen oder irischen Whisky wollen, wenn man einen Harzer kauft“, sagt Strenge.

Genießen – und nicht bloß Trinken –, das betonen beide Whisky-Experten einhellig, sollte man den Harzer wie auch viele andere Whiskys am besten aus einem Nosing-Glas (siehe Kasten) ohne Eis und Wasser. „Und zwar aus einem einfachen Grund“, sagt der IHK-geprüfte Barmixer Strenge, „Eis tötet die Aromen.“

Da Whisky aber gerade von den kleinsten Nuancen lebe, sei es sehr schade, wenn man ihn bis zur Gefriergrenze kühlen müsse, um ihn herunterzubekommen, meint Alexander Buchholz.

„Wichtig ist, dass der Whisky Genuss bereitet“, betont Strenge und fügt hinzu: „Ansonsten kann man es auch bleiben lassen.“

Auf die Frage, wie man aus dem riesigen Angebot an Whiskys den persönlichen Favoriten auswählt, haben sowohl Strenge als auch Buchholz ein einfaches Rezept: „Probieren.“

Dabei spiele vor allem die Nase eine entscheidende Rolle: „Wenn ich einen Whisky rieche, muss mir das Wasser im Mund zusammenlaufen“, sagt Buchholz. Dabei die Nase nicht zu nah ans Glas halten, empfiehlt Hans Strenge, sonst werde das Riechorgan überfordert. „Nur viermal kurz daran schnuppern.“

Generell sollte man bei der Auswahl des richtigen Whiskys nur der eigenen Nase bzw. den eigenen Geschmacksnerven folgen und nicht der Empfehlung irgendwelcher selbsternannter Experten.

„Man muss zu sich selbst ehrlich sein und darf sich nicht von anderen reinquatschen lassen“, rät Alexander Buchholz. Wenn man dann seinen persönlichen Favoriten gefunden hat, steht dem Whiskygenuss eigentlich nichts mehr im Wege.

Den idealen Zeitpunkt für ein gutes Glas des edlen Alkohols legt Buchholz auf das Ende eines langen Tages: „Am besten in einem Moment der Entspannung, in dem man seine Gedanken schweifen lassen will.“

Zum Unternehmen

Seit 2002 brennen Karl-Theodor und Sohn Alexander Buchholz in der ‚Hammerschmiede’ Single- Malt-Whisky. Erst in Wieda, ab 2005 im benachbarten Zorge (beides Landkreis Osterode am Harz). Kurze Zeit später gingen die ersten Flaschen des ‚Glen Els’ in den Verkauf und erfreuten sich sogleich großer Beliebtheit. Zehn bis zwölf verschiedene Editionen hat die ‚Hammerschmiede’ aktuell im Sortiment. Ganz neu im Programm ist die seit 2012 erhältliche ,wood smoked edition’, bei der die Gerste vorm Destillieren über Harzer Holz geräuchert wird. www.hammerschmiede.de l

 

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