©Hann. Münden Marketing GmbH
Text von: Sven Grünewald

Hann. Münden ist eine Perle, die mit ihren historischen Gebäuden und der einmalig schönen Natur als Tourismusziel punktet. Doch auch wenn sich die Stadt zunächst idyllisch zeigt, wird die Kritik von Unternehmen lauter, dass die Möglichkeiten nicht richtig genutzt werden.

Hann. Mündens gute Lage wussten seinerzeit schon die Römer zu schätzen, als sie bei Hedemünden ein Legionärslager errichteten. Diese Lage war auch für die spätere Stadtgründung und die Zeit als Hansestadt wichtig – und ist es geblieben. Was damals der strategische Flussübergang war, sind heute die A7 vor der Haustür, drei Flüsse rund um eine fachwerkreiche Altstadt und eine wald- und formenreiche Natur. Hann. Münden mit seinen knapp 25.000 Einwohnern hat einen Platz auf der Landkarte, der sogar den weit gereisten Alexander von Humboldt zu der Aussage inspiriert haben soll, sie sei eine der sieben am schönsten gelegenen Städte der Welt.

Und in der Tat, die Kennzahlen weisen Hann. Münden als absolutes Tourismusziel aus: So kamen etwa vor drei Jahren in Hann. Münden 7,3 Übernachtungen auf 1.000 Einwohner, während es – zum Vergleich – in Göttingen gerade einmal 4,3 oder in Einbeck gar nur 2,2 waren. Bereits 2013 wurde für den Tourismus ein Brutto-Gesamtumsatz von über 55 Millionen Euro errechnet, rund 1.000 Beschäftigte leben hier allein von dieser Branche.

„Unsere Stadt ist eben touristisch für Südniedersachsen ziemlich bedeutend“, bestätigt auch Matthias Biroth vom Hann. Münden Marketing und macht im selben Atemzug auch die Vielfalt deutlich: „Wir haben vier Zielgruppen: Aktiv- und Erholungstouristen, die wandern, Kanu oder Rad fahren und wegen der Natur kommen, Kulturbesucher, die wegen der Geschichte und des Fachwerks anreisen, sowie Tagestouristen.“ An Ideen, dieses Potenzial noch weiter auszuschöpfen, mangelt es nicht. Bewegung gibt es aktuell beispielweise an der Wanfrieder Schlagd, einem Teil des Werraufers. Hier soll eine Surfwelle entstehen, die sich die starke Strömung zunutze macht und eine Attraktion für Wassersportbegeisterte werden soll. Auch die Radwege bieten noch viele Entwicklungsmöglichkeiten, unter anderem, weil Elektro räder ganz andere Streckenführungen möglich machen. Gleichzeitig soll die Innenstadt fahrradfreundlicher werden, was lange Zeit vernachlässigt wurde. Darüber hinaus soll der Kulturbereich ausgebaut werden – die Open-Air-Oper Nabucco auf dem Schlossplatz im vergangenen Jahr war zum Beispiel ein voller Erfolg und weist in die künftige Richtung.

Eine der größeren Baustellen im städtischen Marketing ist jedoch das fehlende Ausflugsschiff – mit rund 12.000 Fahrgästen pro Jahr durchaus ein entscheidender faktor. Die langjährige Betreiberfamilie der ,Europa‘ hat sich 2019 zur Ruhe gesetzt, das Schiff wurde nach Berlin verkauft, da eine lokale Investorengruppe den Preis nicht stemmen konnte. Nun wird händeringend Ersatz gesucht – sowohl ein Schiff als auch jemand, der es betreibt. „Zuletzt wurden auf der ,Europa‘ vorrangig Kaffee- und Kuchenfahrten gemacht“, so Hann. Mündens Wirtschaftsförderer Tobias Vogeley, der die Gespräche rund um einen Schiffsersatz moderiert. „Andere Reedereien machen aber vor, dass noch viel mehr möglich ist. Denkbar sind etwa After-Work-Partys, kulinarische Angebote, Barbecues – es gibt den Markt, ein solches Schiff gewinnbringend vor Ort zu betreiben.“

Hann. Münden ist attraktiv, keine Frage. Der Stadt wird ein jährlicher Einwohnerzuwachs von etwa vier Prozent prognostiziert, was einem Bedarf von etwa 400 Wohneinheiten in den nächsten fünf Jahren entspricht. Gleichzeitig verändern sich die Wohnansprüche: Überall in Münden gehen die Wohngebiete früher oder später den Hang hoch – eine schöne Lage, solange die Bewohner mobil sind. So lässt sich der Trend beobachten, dass ältere Menschen ab 60 gern in die flache Innenstadt ziehen würden, aber gerade hier mangelt es an Wohnraum. „Die altersgerechte Sanierung der Innenstadt wurde lange vernachlässigt, weil sich in der Vergangenheit viele Eigentümer vorrangig auf die Einnahmen des Ladengeschäfts im Erdgeschoss verlassen haben. Darüberliegende Etagen wurden großteils nicht wirklich beachtet“, erläutert Tobias Vogeley. „Heute hat sich das Blatt gewendet, die Nachfrage für Wohnraum in der Altstadt ist enorm. Bei den Immobilienmaklern gibt es Warte listen, doch gegenwärtig fehlen Investoren, die komplette Objekte in Angriff nehmen.“ Die Stadt selbst kann, weil stark überschuldet, nicht als Investor und Entwickler von Baugebieten einspringen – das einzige derzeit in Entwicklung befindliche Baugebiet in Gimte steht daher unter der Regie des lokalen Bauvereins.

Einen Lichtblick gibt es allerdings: das starke Mündener Bürgerengagement, welches tatkräftig Aufgaben übernimmt, die sonst mangels Geld liegen bleiben. Die Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt kauft sanierungsbedürftige Fachwerkhäuser und erneuert teilweise mit Ehrenamt die Immobilien, um sie dann zu vermieten. Inzwischen ist die Genossenschaft mit ihrem vierten Haus beschäftigt. Ähnlich aktiv wurde der Förderverein Tillyschanze. „Vor ein paar Jahren war diese fast eine Ruine“, erzählt Vogeley. „Dann hat der Förderverein Gelder eingesammelt und mittlerweile erstrahlt die Tillyschanze in neuem Glanz und wird in den Abendstunden beleuchtet.“ Die Hann. Mündener wissen eben, was sie an ihrem kulturellen Erbe haben.

Doch die Stadt hat noch eine andere Seite: eine starke wirtschaftliche. Branchenschwerpunkte, die sich in der Stadt entwickelt haben, sind Automotive, Verpackung und Logistik. Die Gunst der Lage an der Autobahn hat etwa den nationalen Automotive-Logistiker Wessels und Müller zur Neuansiedlung bewogen – und der Standort wächst. Die alteingesessenen Betriebe wachsen derzeit ebenso, obwohl die Expansionsmöglichkeiten vor Ort knapp bemessen sind. Innenentwicklung heißt das Stichwort – oder gute langfristige Planung.

Eines dieser Beispiele für Traditionsunternehmen ist Knüppel Verpackung im Industriegebiet Volkmarshausen – 1919 gegründet, heute 450 Mitarbeiter stark und mit einem Gesamtumsatz von 75 Millionen Euro. „Wie haben vor wenigen Jahren ein Nachbargrundstück erwerben können – mit der klaren Zielsetzung, unseren Standort auszubauen“, erklärt Geschäftsführer Ernst Hahn. Hann. Münden erweist sich für Hahn nach wie vor als ein sehr lebenswerter Standort, der alles bietet – und was es hier nicht gibt, liegt um die Ecke in Göttingen oder Kassel. „Ich sehe es klar als Vorteil, dass wir zwischen beiden Städten liegen. Allein die Tatsache, dass unsere Mitarbeiter aus beiden Regionen kommen, zeigt schon, dass Münden in beide Richtungen gleich stark orientiert ist.“

Einen der Handlungsbedarfe vor Ort sieht Ernst Hahn in der Autobahnsituation. Die A7 sei wichtig, aber eben auch ein Problem, wenn sie gesperrt wird. Wenngleich das nicht allzu oft passiert. „Aber wenn dann größere Staus sind und der Verkehr durch Münden läuft, führt das zu einem Verkehrskollaps. Dann können weder Gäste noch unsere eigenen Mitarbeiter uns erreichen. Das ist ein Thema, das sicher optimiert werden könnte.“

Von einem „Geschenk“ der geografischen Lage spricht auch Jan Grünewald, Geschäftsführer von Grünewald Planen.Bauen.Leben aus Scheden. „Dass wir sowohl in Göttingen als auch in Kassel den Markt bedienen können, ist für uns als Handwerksbetrieb super.“ Anders sieht es jedoch aus, wenn es um das Thema Innovationen geht. Hier kennt sich Grünewald aus. Für ein Fliesenleger- und Rohbauunternehmen eher ungewöhnlich, wurde es bereits zweimal mit dem Innovationspreis des Landkreises Göttingen ausgezeichnet – es realisiert Forschungsprojekte mit Hochschulen und hält mehrere Patente. Mit Axel Lange zusammen gründete Grünewald die Firma ArgillaTherm, die effektive lehmbasierte Heiz- und Kühlsysteme verkauft. Diese startet derzeit voll durch. „Das läuft hervorragend, wir realisieren damit inzwischen europaweit Projekte und spektakuläre Sonderbauten“, so Grünewald. An dieser Technikinnovation zeige sich aber auch eine gewisse Zurückhaltung, wenn es darum geht, die regionalen Innovationen auch lokal einzusetzen. „Weder die Stadt Göttingen noch der Landkreis Göttingen noch die Sparkasse Göttingen wollten die Produkte in ihren Bauten einsetzen. Das wäre für ein erstes Leuchtturmprojekt ein super Kick-off gewesen – jetzt wurden die ersten Systeme zuerst in Dresden, Frankfurt, Berlin, Wien und London realisiert.“

Ebenso fehle es in der Region und auch in Hann. Münden in der Politik an unternehmerischem Denken. „Es werden uns sogar manchmal Steine in den Weg gelegt“, sagt Grünewald und ist mit dieser Meinung nicht allein. Dass man mit manchen Themen im Regen stehen gelassen wird, bemängelt auch Ernst Hahn: „Wenn es zum Beispiel um bauliche Erweiterungen geht, müssen wir sogar die Regenrückhaltevorrichtungen bauen, weil die Entwässerungskanäle nicht ausreichen.“ Ohne gäbe es keine Genehmigung für den Bauantrag. „Eigentlich ist für den Bau aber die Stadt verantwortlich. Die macht es sich jedoch einfach und verschiebt die Verantwortung an uns.“ Das Problem sei bekannt und umfangreich diskutiert worden, eine Lösung gebe es dennoch nicht.

Noch deutlicher in seiner Kritik ist einer, der sich mit seiner Meinung nie zurückgehalten hat: Rolf Bilstein. Der Unternehmer und überzeugte Ur-Mündener hat sein IT-Unternehmen DOS Software-Systeme von einem Ein-Mann-Betrieb zu einem Unternehmen mit 130 Mitarbeitern und über elf Millionen Euro Umsatz entwickelt, war eine zeitlang ehrenamtlich Geschäftsführer der Hann. Mündener Wirtschaftsförderung und kennt sich lokal bestens aus. Eines der Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt sieht er beispielsweise darin, dass es nicht wie ursprünglich geplant eine unabhängige eigenständige Wirtschaftsförderung gibt, sondern der Posten in die Verwaltung integriert wurde und damit direkt dem Bürgermeister untersteht. „Und das eigentliche Problem ist meiner Ansicht nach die Leitung des Rathauses“, sagt Bilstein bestimmt.

Der Unternehmer spricht gleich von mehreren verpassten Chancen für die Stadt. Etwa, die Industriebrache C.F. Schröder zu entwickeln. Ebenso wenig tue sich in der Vermarktung der wenigen noch vorhandenen Industrieflächen. Zudem gebe es Beispiele, wie unprofessionell mit potenziellen Investoren umgegangen wurde: „Trotz zwei Stunden Gespräch: kein Wasser, kein Kaffee, keine Kekse auf dem Tisch.“ Auch dass das Großprojekt
Weserumschlagstelle nicht gemeinsam mit dem Land zum Erfolg geführt wurde, sieht Bilstein wesentlich in der Verantwortung der Stadt. „Es gab das Angebot eines Investors, doch als von der Stadtverwaltung der Zeitrahmen verändert wurde, ist er abgesprungen und hat in Mannheim ein ähnliches Projekt realisiert.“ Seitdem liegt das Projekt quasi im Dornröschenschlaf – und da der potenzielle Hauptnutzer der Umschlagstelle, die Richter Maschinenfabrik aus Nordhessen, inzwischen Insolvenz angemeldet hat, ist nicht absehbar, dass sich daran etwas ändert. Auch der Anlagenbauer Alstom, der immer wieder Schwergut über die Weserumschlagstelle verschifft hat, macht nun einen Bogen um Hann. Münden und verschifft über Düsseldorf. „Wenn man solche Fehler macht“, so Bilstein, „muss man sich nicht wundern, dass die Stadt leidet.“

Das Gesprächsklima zwischen Politik auf der einen und der Wirtschaft auf der anderen Seite gilt allgemein als schwierig bis belastet, Grund- und Gewerbesteuer sind ohnehin schon sehr hoch. Alleingänge der Stadt ohne Abstimmung, wie 2016 die Einführung einer Tourismusabgabe für Mündener Unternehmen, tragen nicht dazu bei, ein Wir-Gefühl zu stärken und die Chance zu erhöhen, sich sachorientiert zusammenzusetzen, um die gefühlte Passivität angesichts der vielen Baustellen zu überwinden. Wirtschaftsförderer Tobias Vogeley verweist hingegen auf das Bemühen der Stadt und ins besondere die sehr schwierige Haushaltslage, welche die Handlungsspielräume einengt. Pläne, die wirtschaftliche Dynamik zu stärken, gibt es natürlich trotzdem. Gemeinsam mit dem Verein Start-up Göttingen soll eine Gründerreihe mit verschiedenen Workshops aufgelegt werden, um Unternehmensgründer anzusprechen. Um den Leerstand in der Innenstadt zu beseitigen, gibt es die Idee, sogenannte Pop-up-Stores zu ermöglichen – eine vorübergehende Belegung einzelner Geschäfte zu kleinen Mieten. „Damit die Unternehmensgründung niedrigschwellig ausprobiert werden kann“, erklärt Vogeley. Und auch in Sachen Innovationsklima will die Stadt besser werden: „Der Ansatz des Südniedersachsen Innovationscampus ist sehr gut, die Technologie beratung nutzen wir hier bereits regelmäßig. Aber das müssen wir noch weiter ausbauen – dabei sind wir in einer Hol-Schuld.“

Bei allen bekannten Handlungsbedarfen rund um Gesprächsklimata, knappe Kassen und städtische Brennpunkte hat Hann. Münden gegenüber Städten ähnlicher Größenordnung und mit denselben Problemen doch einen entscheidenden Vorteil: Die Stadt verfügt über ein fast einzigartiges schlummerndes Potenzial – sei es wirtschaftlich oder im Tourismus.