Fitness fürs Blut

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Blut-Experte Lorenz Trümper klärt über die weitverbreitete Krankheit Blutmangel und ihre Warnsignale auf und gibt hilfreiche Tipps, wie jeder von uns im Alltag seinen ,Lebenssaft‘ fit halten kann.

Herr Professor Trümper, Sie sind als Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen tätig. Das klingt erst einmal sehr abstrakt. Worauf konzentrieren Sie sich in Ihrem Fachgebiet?

Wir beschäftigen uns vorwiegend mit Blutkrankheiten. Das kann ein Mangel an Blutkörperchen sein oder deren Vermeh­ rung, auch als Leukämie bekannt. Dass das Blut zu viele rote Blutkörperchen hat, kennt man beispielsweise von Radsport­ fahrern, die mit EPO dopen, und ebenso von Rauchern oder Bergsteigern. Aller­ dings gibt es bedeutend mehr Menschen, bei denen ein Blutmangel besteht. Blut­ mangel, der durch einen Eisenmangel be­ dingt wird, ist nach den Infektionskrank­ heiten die häufigste Krankheit der Welt.

Man rechnet damit, dass weltweit fast 30 Prozent der Menschen unter anderem aufgrund einer Mangelernährung einen Eisenmangel und damit einen Blutmangel haben. Jeden Tag nehmen wir mit der Nahrung eine geringe Menge Eisen auf und geben jeden Tag eine geringe Menge über den Stuhlgang ab. Wenn diese Balan­ ce nur ein bisschen gestört ist – man isst zu wenig oder verliert zu viel Eisen –, dann macht sich das schon nach wenigen Mo­naten in einem Blutmangel bemerkbar. Das ist eine Erkrankung, die auch in Deutschland sehr häufig ist.

Woran kann jeder in seinem Alltag erkennen, ob er einen Eisenmangel hat?

Wenn einem die Menschen in der eige­ nen Umgebung sagen, dass man blass aus­ sieht, sollte man das zur Kenntnis neh­ men. Ein anderer Punkt ist, dass Blut der zentrale Sauerstoffträger im Körper ist. Wenn einem Sauerstoff fehlt, dann wird man müde, ist vielleicht weniger konzen­ triert und körperlich nicht mehr so belast­ bar. Beispielsweise kommt man beim Treppensteigen leicht ins Schnaufen. Wir Menschen sind jedoch sehr anpassungs­ fähig. Bei einem gewissen Blutmangel schlägt das Herz schneller und transpor­ tiert das Blut schneller, um die Sauerstoff­ versorgung in den Geweben aufrechtzu­ erhalten. Das kann über Jahre so gehen. Dieser schleichende Blutverlust ist gefähr­ lich, denn der Körper gewöhnt sich daran, man denkt nicht Schlimmes, aber am Ende kann eine bösartige Krankheit dar­ aus entstehen.

Welche langfristigen Folgen hat ein Blutmangel?

Irgendwann liegen Sie wie Schneewitt­chen ganz blass im Sarg, und das war es dann. Konkret stirbt man an Kreislauf­ versagen, an Schwäche. Der ganze Stoff­wechsel bricht zusammen. Wenn Sie kei­nen Sauerstoff haben, dann funktioniert der Energiestoffwechsel nicht mehr, man kann Nahrung nicht mehr richtig aufneh­men, und der Herzmuskel erhält nicht ge­nug Sauerstoff. Das Organ allerdings, das am meisten auf Sauerstoff und Glukose angewiesen ist und einen Mangel am we­nigsten toleriert, ist das Gehirn.

Worauf sollte man also bei seiner Ernährung achten, um sein Blut fit zu halten?

Im Grunde ist das für die meisten Men­ schen in Deutschland gar kein Problem. Für die Blutbildung sind drei Stoffe aus­ schlaggebend. Das eine ist Folsäure. Wenn Sie sich beispielsweise nur von Cola und Kartoffelchips ernähren, dann haben Sie genug Fett und Glukose, auch ein biss­ chen Eiweiß, aber keine Folsäure als es­ senzielles Vitamin. Das führt zu einer schweren Mangelerkrankung. Vitamin B12 ist das zweite wichtige Blutbildungs­ vitamin und der dritte Stoff ist Eisen. Der Eisenmangel entsteht in unseren Breiten eher dadurch, dass man Blut verliert. Das kann ein Bluthusten sein, er tritt aber auch gar nicht so selten bei Frauen mit einer starken Monatsblutung auf. Aber mit unserer Ernährung wäre eine gute Eisenversorgung problemlos machbar.

Man hört oft davon, dass Vegetarier oder Veganer sich nicht ausreichend versorgen können.

Entgegen der landläufigen Meinung be­kommt auch ein Vegetarier absolut nicht zwangsläufig einen Eisen-­ oder Vitamin­mangel. Die ganz strengen Vegetarier oder Veganer sind meist gut informiert und wissen, dass sie bestimmte Vitamine ergänzen müssen. Vegetarier und Veganer haben ganz normales Blut.

Nahrungsergänzungsmittel scheinen im Trend zu liegen. Besteht bei Eisen die Gefahr einer Überdosierung?

Grundsätzlich ist Eisen als Metall ei­ gentlich giftig, und eine zu starke Eisen­ einlagerung kann zu schweren Organ­ schädigungen führen. Aber durch die Ein­ nahme von Eisentabletten kann das nicht passieren. Der Dünndarm, über den Eisen aufgenommen wird, ist so reguliert, dass er ab einer bestimmten Eisenmenge für sechs bis acht Stunden kein Eisenmolekül mehr aufnehmen kann. Die Eisenkanäle schließen einfach, um eine sogenannte Ei­ senüberladung zu verhindern. Einzig bei Menschen, die viele Bluttransfusionen brauchen, kann es zu einer solchen Eisen­ überladungskrankheit kommen, bei der der Körper nicht damit nachkommt, das Eisen zu entfernen.

Inwiefern wirkt sich Bewegung positiv auf unsere Blutgesundheit aus?

Ich denke, inzwischen ist es auch bei den meisten Menschen, die sich nicht viel bewegen, hinlänglich bekannt, dass Bewe­ gung für das Training des Herz-­Kreislauf-­Systems wichtig ist. Was wir ganz klar zeigen können, ist, dass Bewegungs­ mangel einer der wichtigsten Faktoren in der Entstehung von bösartigen Krebs­ erkrankungen ist. Deswegen sind gesunde Ernährung und Bewegung die beste per­ sönliche Vorbeugung gegen Krebs.

Und welche Rolle spielt das Blut für die Krebstherapie?

Das ist eine interessante Frage, die ei­ nen Ansatz berührt, der in den letzten zehn, 15 Jahren intensiv diskutiert wurde. Krebsgeschwüre haben einen höheren Nährstoffbedarf als normales Gewebe, weil sie schneller wachsen. Dafür bilden sie eigene Blutgefäße aus, sogenannte Krebsblutgefäße. Diese sprießen sehr schnell und führen ganz viel Blut in den Krebs, welches anderen Körperzellen nicht mehr zur Verfügung steht.

Diese Versorgung ist für den Tumor es­ senziell. Daher gibt es Therapieansätze, die auf diese Krebsblutgefäße abzielen. Mit bestimmten Medikamenten will man die Blutversorgung der Tumore unterbin­ den und sie so aushungern. Dafür kommt dem Blut als Transportmedium dieser Wirkstoffe eine zentrale Rolle zu. Aber die zielgerichtete Anreicherung der Wirk­ stoffe im Tumor zu ermöglichen, ist schwierig.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Kontakt

Die Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen gehört zum Zentrum Innere Medizin und zum UniversitätsKrebszentrum. Die Klinik hat mit neuen Therapieverfahren einen speziellen Schwerpunkt auf die Behandlung bösartiger Erkrankungen des Blut- und Immunsystems gelegt. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf der Erforschung der molekularen und zellulären Mechanismen der Tumorent- stehung und -metastasierung. Das Ziel dieser Arbeiten ist die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Anwendung. Direktor der Klinik ist Lorenz Trümper. Zudem ist die Klinik Gründungsmitglied des Göttingen Comprehensive Cancer Centers, dessen Direktor ebenfalls Professor Trümper ist.

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