Fit ins Jubiläumsjahr

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Mühlhausen

Mahr wird 150 Jahre alt und sieht sich für die Zukunft gut gerüstet.

Der Jubilar präsentiert sich prächtig im Jahr seines 150. Geburtstages:

Die Göttinger Mahr-Gruppe, Spezialist für Fertigungsmesstechnologie, kann sich derzeit über mangelnde Arbeit nicht beklagen und wird in diesem Jahr wohl ein Rekordergebnis einfahren: „Wir sind nicht unzufrieden und v-förmig aus der Krise gekommen“, sagt Stephan Gais, geschäftsführender Gesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung.

Übersetzt aus dem Schwäbischen seiner Heimat ins Hochdeutsche heißt das: ein Umsatzplus von 40 Prozent, bei den Auftragseingängen sogar plus 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und auch das konnte sich mit stolzen 35 Prozent Umsatzplus durchaus sehen lassen: Mit weltweit 1.500 Mitarbeitern wurden 150 Millionen Euro Umsatz erzielt.

Auf den Aufschwung vorbereitet

Allerdings: Vorletztes Jahr sah die Welt noch ganz anders aus. 2009 musste das nach eigenen Angaben älteste Messtechnikunternehmen der Welt – Gais ist ein Vertreter der fünften Generation – tüchtig Federn lassen:

Mit der weltweiten Krise und dem massiven Einbruch der Konsum- und Investitionsgüterbranche brach auch das Geschäft bei Mahr ein. Mit einbrechenden Umsätzen fuhren die Unternehmen die Investitionen herunter, Mahr traf es durch die große Abhängigkeit von der Automobilindustrie besonders heftig. Rund 60 Prozent des Umsatzes kommen aus der Automobilindustrie und deren Zulieferern.

„Von heute auf morgen stand das Telefon praktisch still“, beschreibt Gais die Situation auf dem Höhepunkt der Krise. Mahr reagierte mit Kurzarbeit und nutzte die Fluktuation, betriebsbedingte Kündigungen gab es hingegen nicht: „Das war für uns keine Lösung, wir wollten unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – so gut es geht – an Bord halten. Denn wir wollten personell auf den nächsten Aufschwung vorbereitet sein. Und wir sind froh, dass wir es so gemacht haben“, erklärt Gais.

Denn, so war klar, in Zeiten voller Auftragsbücher wird jede Hand gebraucht, und Fachleute sind knapp. Ein Glücksfall, dass die Bundesregierung die Möglichkeit zur Kurzarbeit auf 24 Monate ausweitete. Mit deren Auslaufen ging es 2010 fast nahtlos in den Aufschwung über – und mit fast unveränderter Personalstärke.

„Wir wollen unsere Mitarbeiter behalten“

„Wir sehen unsere Verantwortung für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, das ist für uns auch eine gesellschaftliche Verantwortung“, sagt Gais. Ob in oder nach der Krise: „Wir wollen unsere Mitarbeiter behalten und tun so einiges, um die besten Köpfe zu bekommen.“

Dazu tragen bei Mahr unter anderem flexible Arbeitszeitmodelle sowie ein Kindergarten und eine -krippe auf dem Betriebsgelände bei, die z.T. gemeinsam mit den Kooperationspartnern Sycor und Sartorius betrieben werden.

Göttingen als junge, attraktive Stadt mit glänzendem Kulturangebot trage ein Übriges dazu bei. Kooperationen mit zahlreichen Ausbildungseinrichtungen, etwa den Hochschulen HAWK in Göttingen sowie denen in Ilmenau, Clausthal, Darmstadt und Oldenburg, sollen beim Kampf um die Köpfe ebenso dienlich sein wie die anerkannt sehr qualifizierte Ausbildung: Die Auszubildenden von Mahr gehören jährlich zu den Landesbesten ihrer Zunft.

Gepaart mit den Vorzügen eines Familienunternehmens, bei dem man auch direkt mit dem Geschäftsführer sprechen könne, so Gais, mache es das am Schluss aus, um Mahr als attraktiven Arbeitgeber zu wählen.

Doch wie sicher ist der Arbeitsplatz dieser jungen Leute, wie nachhaltig ist dieser Aufschwung, ist er vielleicht nur ein Strohfeuer? „Nein, das sicher nicht“, sagt Geschäftsführer Ulrich Kaspar. Alle Signale, alle Konjunkturdaten stünden derzeit auf grün. Man glaube nicht, dass man demnächst noch einmal in solch einem Ausmaß wie 2009 betroffen sei.

Ein zyklisches Geschäft, bei dem es mal auf, mal ab gehe, sei in der Branche normal. Dass aber nahezu von heute auf morgen sämtliche Märkte auf der ganzen Welt zeitgleich und gleichermaßen getroffen seien, das habe es noch nicht gegeben: „Europa, USA, China – überall war auf einmal Ruhe“, sagt Kaspar. „Wir werden uns aber wohl auf kürzere Intervalle und stärkere Amplituden von starken und schwachen Phasen einstellen müssen“, ergänzt Gais.

Themen der Zukunft

Allen Phasen zum Trotz – für die längerfristige Entwicklung sei man durchaus positiv gestimmt. „Die Zahl der Menschen auf unserem Planeten nimmt weiter rasant zu. Mobilität, Kommunikation und Medizin sind die großen Themen der Zukunft.“

Und zur Herstellung der Produkte aus diesen Bereichen biete Mahr die dafür geeignete Messtechnik an – auch, weil die Produkte künftig immer kleiner und präziser werden. Ob Automotor, Speicherchip oder OP-Sonde: Überall kommt es auf den tausendstel Millimeter an.

Mit der richtigen Produktpalette am Markt zu sein, ist ein wichtiger Baustein der Mahr-Strategie. Ein anderer ist die konsequente Ausrichtung auf die globalisierte Welt: „In Asien und den USA sind wir mittlerweile ähnlich gut aufgestellt wie hier in Europa. Wir wollen dort sein, wo unsere Kunden sind“, erzählt Gais. Deshalb gehe man häufig im Gefolge der Automobilindustrie, die die größte Kundengruppe stellt, in neue Regionen.

Global aufgestellt

Weltweit zähle man 17 Niederlassungen – unter anderem in Indien, Thailand, Malaysia, Russland und Brasilien; in China ist Mahr seit 1997 vertreten: „Da waren wir einer der ersten Mittelständler überhaupt.“ Auch die Chancen, die sich nach der Wende boten, nutzte Mahr konsequent und eröffnete 1994 eine Niederlassung in Tschechien.

Während die Erstausrüstung eines Werkes, das beispielsweise von VW in China errichtet werde, noch über den deutschen Standort laufe, müsse man für Folgeaufträge, aber auch für Wartung und Inspektion unbedingt vor Ort sein. Die deutschen Mahr-Mitarbeiter übernehmen dabei lediglich den Aufbau dieser Standorte, ehe die operative Arbeit anschließend von einer lokalen Mannschaft aus dem jeweiligen Land übernommen wird.

Die Abhängigkeit vom Automobilmarkt will Mahr nicht erst seit der letzten Krise verringern, wenngleich dieser Schritt schwer fällt: Der Aufschwung erfasst die Branche derzeit voll, statt bisher 50 Millionen sollen zukünftig wohl 90 Millionen Autos gebaut werden – eine Aufholjagd, bei der Mahr natürlich dabei sein will. Und das auch ist.

Kaum eine Branche hat so hohe Genauigkeitsanforderungen und braucht dementsprechend viele und gute Messgeräte wie die Automobilindustrie. „Wir arbeiten daran, die Abhängigkeit zu verringern, ohne jedoch das Gesamtniveau abzusenken“, sagt Kaspar. Etwa 55 bis 60 Prozent macht der Umsatzanteil heute aus, perspektivisch wolle man 45 bis 50 Prozent erreichen. Etwa durch einen Ausbau der Aktivitäten in den Bereichen erneuerbare Energien, Medizintechnik und optische Industrien.

Die Krise gerade durchlitten, aufsteigend im jüngsten Aufschwung, sind die Ziele für dieses Jahr schwäbisch bescheiden: Statt weiterer Übernahmen – 2010 übernahm man die restlichen Anteile des französischen Unternehmens SMPR – setzt Mahr den Schwerpunkt für die nächste Zeit auf organisches Wachstum.

Und tüchtig feiern wolle man: Im September soll es in Göttingen einen großen Festakt geben.

Hintergrund
Die Mahr-Gruppe ist mit 1.500 Mitarbeitern das weltweit größte Familienunternehmen der Messtechnikbranche. Ulrich Kaspar, der zuvor am Standort Esslingen der Mahr-Gruppe wirkte, ist der erste Holding- Geschäftsführer, der nicht aus der Familie stammt. Eine Bürde sieht er darin nicht: „Wir müssen alle unseren Job ordentlich machen, um das Unternehmen nach vorne zu bringen. Ob ich dabei auch Gesellschafter bin oder nicht, ist für mich nicht entscheidend.”
Stephan Gais
kann diesem zudem auch etwas Gutes abgewinnen: „Ich bin schon als Kind mit meinem Großvater hier durch die Fabrik gegangen.” Wer mit dem Unternehmen von Kindesbeinen an verbunden sei, Weichenstellungen erlebt und gute wie schlechte Zeiten durchgestanden habe, schaue mit einem anderen Auge auf die Dinge. Als Familiengeschäftsführer habe man deshalb bei Entscheidungen wohl öfter einen „emotionalen Ansatz”, was manchmal hinderlich sein könne. Gais stellt gemeinsam mit sieben weiteren Gesellschaftern, die alle außerhalb von Mahr arbeiten, die fünfte Generation des traditionsreichen Familienunternehmens.

Historie
Ob die Linse einer Handykamera, die Wandstärke eines Motors oder Zahnräder einer Windkraftanlage – mit Messgeräten von Mahr werden die verschiedensten Produkte gemessen. Angefangen hat alles 1861 in Esslingen mit dem Bau eines Messstockes unter dem Gründer Carl Mahr. 1867 wurde die erste Schieblehre gebaut, mit der man Maße exakt und flexibel ermitteln konnte, und 1908 war man bereits in der Lage, einen zehntausendstel Millimeter zu messen. Der Standort in Göttingen wurde als Feinprüf GmbH im Jahr 1936 begründet; seit 1995 firmieren alle Unternehmensbereiche unter dem Namen Mahr. Die siebziger, vor allem aber die neunziger Jahre und das vergangene Jahrzehnt waren geprägt durch die globale Expansion und den Aufbau neuer Standorte in der ganzen Welt.