Fest in Männerhand

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

faktor befragte Vater und Sohn zu ihrem Selbstverständnis als männliche Familienunternehmer.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Sommer-Ausgabe 2012.

Volker Bartz (heute 77 Jahre) übernahm 1962 die Betriebsleitung und 1975 die Gesamtgeschäftsführung von seinem Schwiegervater Werner Hilliges im Unternehmen Krone-Gips Hilliges Gipswerk in Osterode am Harz.

1992 übergab er die operative Geschäftsführung an seinen Sohn Rüdiger Bartz (49 Jahre). In gespannter Erwartungshaltung sitzen sie uns gegenüber und stellen gleich zu Beginn klar: „Unser oberster Boss ist eine Frau.“

faktor: Herr Volker Bartz, Ihre Frau ist die Erbin und Hauptgesellschafterin des Unternehmens. Dennoch hat sie aber nicht die Unternehmensleitung. Warum?

Vater: Weil es 1962 nicht üblich war, dass eine Frau ein Unternehmen führt. Sie war auch von ihrer kaufmännischen Ausbildung
nicht vorbereitet, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten.

Dazu kam, dass man für das Gipswerk, das von Maschinen geprägt ist, eine Ahnung haben muss, sonst wird das nichts. Ich denke, dass Männer dazu einen leichteren Zugang haben.

Sohn: Ja, das ist auch in meiner Generation noch so. Wir sind neben der Firma aufgewachsen, aber während meine Schwester nie ein Interesse daran hatte, war es für mich schon als Kind der reinste Abenteuerspielplatz. So viele große Maschinen, dunkle Backsteintunnel, riesige Lastwagen – ein wahrer Kindertraum für mich.

Und meine Spielfreunde waren oft Kinder von Arbeitern. So bin ich quasi in das Unternehmen reingewachsen.

Aber Ihre Frau, Herr Volker Bartz, hat auch schon im Unternehmen mitgearbeitet?

Vater: Sie war in der Buchhaltung tätig. Aber sie hat auch gleichzeitig die Rolle der Mutter – die ja heute leider verpönt ist – ausgefüllt. Ihr zur Seite stand die Schwiegermutter, die auf die beiden Kinder aufpassen konnte.

Für mich war es selbstverständlich, dass meine Frau mitgearbeitet hat, und ich muss sagen, dass es damals – im Gegensatz zu heute – recht einfach für die Frau war, Arbeit und Familie zu vereinbaren.

Herr Rüdiger Bartz, wie haben Sie die Rolle Ihrer Mutter erlebt?

Sohn: Für mich war es selbstverständlich, dass sie auch arbeiten ging. Und zum Mittagessen waren wir ja auch alle wieder am Tisch versammelt. Aber ich erinnere mich, dass viele Mittagessen wie ein Geschäftsessen verliefen.

Heißt das, Herr Volker Bartz, Sie haben Ihre Frau in die operative Geschäftsführung eingebunden?

Vater: Nein, das nicht wirklich. Natürlich habe ich ihr vieles erzählt und mitgeteilt. Aber die Entscheidungen, die habe ich allein getroffen, denn ihr fehlte natürlich der gesamte Überblick.

Und wie läuft das heute bei Ihnen, Herr Rüdiger Bartz? Ihre Frau arbeitet ja auch im Unternehmen.

Sohn: Ja, sie ist bei uns im Unternehmen im technischen Einkauf und Datenmanagement tätig, und ich kann mich mit ihr sehr gut über operative Dinge unterhalten. Aber das Strategische, das Visionäre, das ist mein Part.

Wieweit hat das Familienunternehmen auch Ihr Leben geprägt?

Vater: Das lässt sich nicht trennen, denn für mich ist die Firma mein Leben. Wir wohnen nebenan, und so war ich jeden Tag – auch am Wochenende – hier, um nach dem Rechten zu sehen. Irgendetwas war immer zu tun.

Und ganz ehrlich, so war ich auch ausgelastet genug, um mich nicht um den Haushalt oder die Kinder kümmern zu müssen. Ich habe nie Babys gewickelt oder gefüttert – das war eindeutig Sache der Frau. Mittlerweile hat sich die allgemeine Denkweise zum Glück gewandelt, und das finde ich gut.

Sohn: Ich sehe die Firma zwar auch als den Dreh- und Angelpunkt meines Lebens, aber ich nehme mir bewusst auch Zeiten des Rückzugs, um mich um meine Familie zu kümmern. Das ist aber auch nur möglich, weil sich die Struktur und der Organisationsgrad des Betriebes geändert haben.

Viele Dinge laufen heute wie von selbst, bedingt durch die Projektarbeit, die im Hintergrund das Geschehen steuert. Allerdings hatte ich noch nie Gelegenheit, mich um Kleinkinder zu kümmern, denn die Tochter meiner zweiten Frau war schon zwölf Jahre alt, als wir uns kennenlernten.

Aber das hole ich jetzt nach, denn nun haben wir eine Enkeltochter – für mich ist es quasi ein Neustart.

Sie sind ein technisch orientiertes Unternehmen – wie sieht es bei Ihnen mit dem Frauenanteil und der Familienfreundlichkeit aus?

Sohn: Wir haben zwölf Frauen im kaufmännischen Bereich, aber ich bin stolz sagen zu können, dass wir für einen Teil auch individuelle Arbeitszeiten anbieten, damit sie Beruf und Familie vereinbaren können. Im technischen Teil sind allerdings nur Männer beschäftigt. Einmal hatten wir eine Bewerberin, aber das hat nicht gepasst.

Vater: Und leider ist es so, dass wir in diesem Bereich auch keine Wunsch-Arbeitszeiten anbieten können. Ein Mitarbeiter fragte an, ob er von 8 bis 12 Uhr arbeiten kann. Aber wie soll das gehen?

Wir sind ein Drei-Schicht-Betrieb, die Maschinenlaufzeiten sind ab 6.30 Uhr morgens – da sind wir nicht flexibel.

Sohn: Wir konnten seiner Bitte nicht nachkommen. So gut wie die Einführung der Elternzeit und die Reduktion der Arbeitszeit gemeint sind, für uns kleine gewerbliche Unternehmen ist das ein Problem.Denn unser Geschäft ist durch den Lauf und die Auslastung der Produktionsanlagen bestimmt.

Hat sich das Rollenbild in den vergangenen Jahrzehnten für Sie geändert?

Sohn: Da sowohl meine Mutter als auch meine Frau immer gearbeitet haben und es hinbekommen haben, Beruf und Familie zu vereinbaren, ist dies für mich der Maßstab.

Vater: Ich habe die Schwierigkeit, es Rollenveränderung zu nennen. Ich würde sagen, der Rahmen hat sich geöffnet, erweitert. Die Vielfalt von nur Mutter bis nur Karrierefrau hat sich vergrößert. Sicher gibt es noch das klassische Rollenbild, aber man hört nicht mehr so viel davon.

Sohn: Ich würde sagen, dass sich nicht das Rollenbild, sondern die Gesellschaft insgesamt gewandelt hat. Der Beruf ist nicht mehr der Lebensmittelpunkt der gesamten Familie.

Früher hat man gesagt: Hier arbeitest du, hier baust du, das ist für die nächste Generation. Heute sind die Menschen viel mobiler, es gibt sehr viele Pendler – gerade hier in der Region.

Was ich jedoch feststelle, ist, dass dies auch Stress verursacht, denn viele Väter nehmen nach einem anstrengenden Arbeitstag noch einen langen Heimweg in Kauf und müssen, Zuhause angekommen, sofort für die Familie da sein. Das geht nicht immer gut.

Sie sagen, die Familie spielt – auch für Väter – eine immer größere Rolle?

Vater: Eindeutig. Früher bestimmte die Arbeit des Mannes den Lebensmittelpunkt, das hieß aber auch, dass die Loyalität zum Unternehmen größer war. In den letzten Jahren nimmt die Bereitschaft ab, für die Firma mehr zu leisten. Private Interessen rücken immer stärker in den Vordergrund, das merken wir schon.

Sohn: Es fehlen Leute, die sich beruflich engagieren und Verantwortung übernehmen. Finden Sie mal jemanden, der bereit ist, seine Freizeit für die Firma zu opfern und auch mal mit wenig Geld auszukommen, wenn die Zeiten schlecht sind. Viele wollen sich das nicht vorstellen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben? Ist er typisch männlich?

Sohn: Nun, ich würde sagen, er war und ist immer zeitgemäß. Mein Vater hatte einen eindeutig delegativen Führungsstil. Er hat es zeitgerecht geführt, und das war gut, sonst gäbe es den Betrieb ja nicht mehr.

Ich dagegen teile die Führung mit Mitarbeitern, muss aber dadurch auch mehr Kompromisse eingehen. Insgesamt gestaltet sich die Führung schon schwieriger, da sich nicht nur die gesellschaftlichen Umstände geändert haben, sondern auch der Markt in ständiger Bewegung ist.

Insofern musste ich mich recht früh von alten Schulweisheiten trennen und moderne Methoden lernen. Dies habe ich auf verschiedenen Managementkursen getan. Aber: Der eigene Erfahrungsschatz ist durch nichts zu ersetzen.

Wie sieht es in Ihrer Branche mit Frauen in Führungspositionen aus?

Vater: Zu meiner aktiven Zeit gab es nur wenige Frauen, die Unternehmen geleitet haben. Es waren nicht viele, aber es war für mich auch nichts Besonderes.

Sohn: Da hat sich schon einiges geändert. Heute treffe ich auf Veranstaltungen immer häufiger hoch qualifizierte Frauen, denen ich mit Respekt begegne. Am deutlichsten kann man den Wandel an der Ausrichtung des Bundesverbands der Branche festmachen. Waren früher die Veranstaltungen von Donnerstag bis Sonntag inklusive Begleitprogramm für die Damen, so trifft man sich heute nur noch Mittwoch bis Donnerstagabend, ohne Beiprogramm.

Es ist nicht mehr gewollt, dass die Partnerin respektive der Partner mitgebracht wird, es ist ein nur noch rein berufliches Treffen.

Vater: Und doch bleibt es bei fast typischen Tendenzen. Während es immer mehr Restaurateurinnen und Innenarchitektinnen gibt, sind Bauingenieurinnen und Bauleiterinnen nicht die Regel. Das scheint eine wohl reizlose Branche zu sein. In Süddeutschland allerdings gibt es in diesem Bereich doch viele, die ihren Familienbetrieb erfolgreich weiterführen.

Sohn: Ich finde es schön, dass sich das Handwerk ändert. Bei vielen Malerbetrieben steht schon eine Frau an der Spitze. Frauen als Kunden – ein Thema für Sie? R: Es ist sicherlich kein tagesfüllender Inhalt, aber ein gewichtiges Thema. Dazu gehören tragfähige Verpackungen und ein einfaches Handling der Ware.

Vater: Es gibt doch schon seit den achtziger Jahren Studien über die Frequenz von Kundenströmen in Baumärkten. Und es zeigt sich immer wieder, dass die Besucherfrequenz von Frauen höher ist. Und da müssen wir nicht nur mit der Verpackung, sondern auch mit dem Design punkten. Das ist eine eindeutige Sache, die man nicht ausblenden kann.

Herr Rüdiger Bartz, Ihr Vater ist mit 77 Jahren noch in der Firma, wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Sohn: Ich will vorher aufhören. Tägliche Entscheidungen und ein permanentes Bombardement an Anforderungen zehren irgendwann am Nervenkostüm. Außerdem habe ich viele Hobbys: Motorradfahren, Tauchen, Wandern, Städte bereisen, technikaffine Bücher lesen.

Sicherlich wird mich der Betrieb nie ganz loslassen können. Aber: Es gibt ein Leben nach der Arbeit.

Herr Volker Bartz, Herr Rüdiger Bartz, vielen Dank für das Gespräch!