Fest in Frauenhand

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

In der JVA Rosdorf – einem Männergefängnis – hat Regina-Christine Weichert-Pleuger die Schlüsselgewalt.

„Geben Sie mir bitte ihren Personalausweis, schließen Sie ihr Handy im Schließfach ein, und nehmen Sie im Warteraum Platz“, weist mich die Beamtin am Eingang der Justizvollzugsanstalt Rosdorf an und schiebt ihrerseits den Besucherausweis durch eine Luke im Panzerglas ihres Büros.

Ab jetzt überwachen Kameras jeden meiner Schritte, und mich überkommt ein mulmiges Gefühl. Ich bin im Gefängnis. Gleich treffe ich Anstaltsleiterin Regina- Christine Weichert-Pleuger, die täglich diese Sicherheitsschleuse passiert.

Der Weg zu ihr führt durch breite Gänge und schwere Türen in den nächsten Gebäudetrakt, wo mich ihre Assistentin empfängt.

Ein Aufzug fährt uns in den dritten Stock, und als sich die Türen öffnen, staune ich nicht schlecht, denn ich befinde mich in ganz normal erscheinenden Geschäftsräumen: Blauer Teppichboden dämpft die Schritte im Flur, klassische Zimmertüren führen in die Büros, und durch ein Fenster am Ende des Ganges fällt helles Tageslicht und – ja, irgendwas fehlt.

„Ist das nicht toll hier? Keine Gitter versperren uns die Sicht auf die Landschaft“, sagt Weichert-Pleuger mit einer ausladenden Geste Richtung Fenster, als sie zu mir in den Konferenzraum kommt.

„Es ist einer der schönsten Arbeitsplätze, den man sich denken kann“, ergänzt sie und nimmt auf einem Stuhl direkt gegenüber dem Fenster Platz.

Groß, schlank, Hosenanzug, ungeschminkt, kurze dunkle Haare und mit einem ansteckenden Lächeln – das ist also die Frau, die für knapp 250 männliche Gefangene und 40 Schwerverbrecher in Sicherungsverwahrung sowie circa 200 Mitarbeiter zuständig ist.

„Ich sehe mich wie die Bürgermeisterin einer Kleinstadt“, beschreibt die 50-Jährige ihren Job. „Mit den Gefangenen und deren Resozialisierung habe ich weniger zu tun. Aber ich schaffe Rahmenbedingungen für die Beschäftigten, die im Gefängnis arbeiten.“

Sie sorgt für perfekte Organisation, qualifiziertes Personal sowie finanziell ausreichende Mittel und ist verantwortlich für alle Vollzugsentscheidungen. Ihre Aufgaben sind vielschichtiger, als sie es sich vorgestellt hat – und das findet sie gut so.

Weichert-Pleuger hat, so sagt sie, ihr berufliches Ziel erreicht. Zufrieden lehnt sie sich zurück. Dass sie Jura studieren will, wusste die Tochter eines Handwerkers und einer Lehrerin schon während der Schulzeit.

Jugendrichterin wollte sie werden und fand dann doch noch ein größeres Interesse am Strafvollzug. „Als Verteidigerin, Staatsanwältin oder Richterin kommt man ja kaum raus. Und ich bin kein Typ, der überwiegend im Büro sitzen und Akten wälzen kann. Lieber habe ich mit den Menschen direkt zu tun“, argumentiert sie.

Als diese Stelle in Rosdorf ausgeschrieben war, hat sie sich sofort beworben. „Mein Mann hat mich voll unterstützt und ist stolz auf meine Position“, sagt sie.

Dass sie dennoch in ihrem Wohnort Hameln bleiben würden, stand für beide fest. „Mein Traumberuf ist es mir wert, täglich vier Stunden mit der Bahn zu fahren.“

Außerdem nutze sie die Zeit zum Lesen und abends, wenn sie um 20 Uhr nach Hause kommt, kochen beide, essen, und „wir machen auch gemeinsam den Abwasch“.

Ihre Ehe ist kinderlos und natürlich, so gibt sie zu, wäre es als Mutter wesentlich schwieriger, einen solchen Alltag zu organisieren. Sie selbst hat einen jüngeren Bruder, den sie als Schülerin aus dem Kindergarten abholte, da ihre Eltern gearbeitet haben.

Sie versteht nur schwer, warum noch heute der Begriff ‚Rabenmutter‘ für Frauen, die ihr Kind betreuen lassen, überhaupt existiert. „Es tut jedem Kind gut, wenn es in Gemeinschaft aufwächst“, erregt sie sich.

Aber auch der Begriff ‚Übermutter‘ gehöre verbannt, denn jede Frau habe das Recht, ihren Familienalltag selbst zu bestimmen.

„Überhaupt: Die Ansicht, dass es eine Rollenverteilung geben muss, kann ich nicht teilen“, fährt sie fort. „Jeder sollte akzeptiert werden mit dem, was er kann oder eben nicht kann. Und auch ich will nicht anders behandelt werden, nur weil ich eine Frau bin.“

Klare Sache, dass sie strikt gegen die Frauenquote sei: „Nicht mit mir.“ Schließlich sei sie selbst keine Quotenfrau – in den Landesbehörden seien Frauen als Führungskräfte längst keine Seltenheit mehr. Weichert-Pleuger überlegt kurz: „Aber eine Männerquote könnte ich befürworten.“

Sie sieht mein Stirnrunzeln und schmunzelt.

Naja, klärt sie mich auf, zumindest in den Fachdiensten ihrer JVA, in denen Sozialarbeiter, Psychologen und Psychiater beschäftigt sind. Dort seien momentan Frauen in der Mehrheit, „aufgrund ihrer besseren Qualifizierung“.

Dabei wäre es nicht schlecht, mehr Männer zu haben, weil sie beim Umgang mit männlichen Straftätern einen anderen Zugang haben. Im Vollzugsdienst dagegen gebe es hauptsächlich männliche Beamte, da für Personenkontrollen gleichgeschlechtliches Personal gefragt ist.

„Hier liegt das Ende der Frauenquote in der Natur der Sache“, beschreibt es die Anstaltsleiterin – daran kann auch die eingestellte Gleichstellungsbeauftragte nichts ändern.

Männliche Gefangene – weibliche Chefin.

„Ach“, winkt Weichert-Pleuger ab, „Ablehnung erfahre ich schon. Aber weniger wegen meines Geschlechts als viel mehr wegen meiner Entscheidungen“, hinter denen sie immer konsequent stehe, und das wissen die Gefangenen auch. Gerade in der Kommunikation bevorzuge sie sogar den Umgang mit Männern.

„Sie sind direkter, brüllen auch mal, wenn sie sauer sind. Damit kann ich besser umgehen als mit Frauen, die öfter mal einstecken und sich zurückziehen.“

Ja, sie fühlt sich hier am richtigen Platz, sie hat ihre ‚Kleinstadt‘ im Griff.

„Frauen, die bereit sind, solche Positionen zu besetzen, schaffen das auch“, erklärt sie. „Und wenn nicht, dann liegt es daran, dass sie ihre eigene Stärke nicht erkannt und das falsche Berufsfeld gewählt haben“, sagt sie überzeugt.

Ihr Tipp für einen erfolgreichen Karriereweg: Sich nicht distanziert zurücklehnen. Sich nicht zu schade zu sein, Dinge zu tun, die nicht zum Aufgabengebiet gehören. Sondern zupacken!