Faszinierende Technologie

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Seit 2007 leitet Professor Hans Hoerauf nun die Augenklinik der Universitätsmedizin Göttingen. Zuvor praktizierte er 16 Jahre am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Seine Spezialgebiete sind neben der Diagnostik die medikamentöse und chirurgische Therapie von Netzhaut und Glaskörpererkrankungen.

Mit seinem Team von Spezialisten – 27 Ärzte und über 70 Mitarbeiter – deckt er das breite Spektrum von Augenerkrankungen ab. Etwa 21.000 ambulante und 4.000 stationäre Patienten erhalten jährlich Hilfe in der Universitätsaugenklinik. Zudem ist der 49-jährige Ingolstädter Mitinhaber einer Augenarztpraxis am Göttinger Theaterplatz. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen und den neuesten technischen Errungenschaften.

Herr Professor Hoerauf, ist – wie häufig behauptet wird – Bildschirmarbeit schädlich für die Augen?

Arbeiten am Bildschirm kann den Augen zwar nicht dauerhaft schaden. Die Augen können durch verminderten Lidschlag aber trocken werden und schmerzen oder rot werden. Kontrastsprünge und Reflexe auf dem Bildschirm können stören. Unbewusste Ausweichbewegungen führen nicht selten zu Fehlhaltungen und können Kopfschmerzen verursachen. Brechungsfehler des Auges oder eine beginnende Alterssichtigkeit sollten optimal ausgeglichen werden, um ermüdungsfreies Sehen und Arbeiten am Bildschirm zu erreichen. Auch die Auswahl der richtigen Beleuchtungsstärke ist sinnvoll. Daher ist eine Vorsorgeuntersuchung für Beschäftigte an Bildschirmarbeitsplätzen beim Augenarzt zu empfehlen.

Immer mehr Menschen leiden unter trockenen Augen im Büroalltag, dem sogenannten Office- Eye-Syndrom – was können Betroffene dagegen machen?

Nicht jedes trockene Auge ist gleichbedeutend mit dem Office-Eye-Syndrom. Wer ernstzunehmende Probleme hat, sollte untersuchen lassen, warum der Tränenfilm nicht intakt ist. Häufig helfen Präparate mit Hyaluronsäure in Tropfen- oder Gelform oder liposomale Sprays.

Ein weiteres typisches Alltagsproblem ist die Alterssichtigkeit. Empfehlen Sie Brille, Kontaktlinsen oder sogar einen Lasereingriff?

Da gibt es bislang leider keine Ideallösung. Entscheidend ist der individuelle Leidensdruck. Den meisten ist mit einer oder mehreren Brillen geholfen. Eine weitere Möglichkeit sind multifokale Kontaktlinsen. Mit solchen Linsen kann übrigens auch die Sehfähigkeit nach einer Grauen-Star-Operation simuliert werden. So erkennt der Patient, ob er von einer Operation profitieren oder eher Probleme haben wird. Die Forschung beschäftigt sich außerdem mit der Implantation eines Ringes in die Hornhaut, und auch die immer effektiveren Lasereingriffe dürfen nicht unerwähnt bleiben. Eine umfassende, patientenorientierte Beratung ist in jedem Falle unerlässlich.

Wie schätzen Sie die rasante Entwicklung Ihres Fachgebietes ein?

Kollegen aus anderen Bereichen klagen oft: ,Bei uns tut sich seit Jahren nichts.‘ Die Augenheilkunde ist faszinierend. Es ist viel Musik in der technischen Entwicklung. Wir können heute oft helfen, wo es früher nicht möglich war. Insbesondere im Bereich der Behandlung der Netzhauterkrankungen hat sich während meiner Berufslaufbahn sehr viel zum Positiven geändert, gerade bei der altersbedingten Makuladegeneration oder der diabetischen Netzhautveränderung. Aufgrund der demografischen Entwicklung und der notwendigen regelmäßigen Therapie stehen dem leider manchmal sehr lange Wartezeiten für die Patienten entgegen. Minimalinvasive Techniken haben bei der Operation des grünen Stars und des Glaskörpers und der Hornhauttransplantation Einzug gehalten. Die technische Entwicklung in der Diagnostik ist rasant, wir verfügen heute über eine Bildgebung im Mikrometerbereich, an die vor zehn Jahren nicht zu denken war.

Apropos Forschung: Wie wichtig ist Ihnen dieser Teil Ihrer Aufgabe?

In der Augenklinik der UMG leitet Professor Gollisch ein Grundlagenlabor, das in Zusammenarbeit mit unseren hervorragenden Forschungsinstituten in Göttingen eine weltweit führende Rolle in der Erforschung der Signalübertragung in der Netzhaut spielt. Mir persönlich macht Lehre schon immer sehr viel Spaß! Zusammen mit Fort- und Weiterbildung nimmt sie etwa ein Viertel meiner Tätigkeit ein. Auch hier gibt es enorme Fortschritte, wie digitale Lernprogramme oder unsere beiden sehr teuren Simulatoren, an denen künftige Augenärzte die Untersuchung des Augenhintergrundes täuschend echt üben können oder junge Chirurgen erste Operationserfahrungen sammeln können.

Vielen Dank für das Gespräch!