Faszination Flughafen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Der Flughafen Kassel-Calden startet seinen Betrieb – für Geschäftsführer Jörg Ries die Verwirklichung eines Jugendtraums.

Er kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Er steht an dem Flughafenzaun und sieht mit großen Augen den wenigen Propellerflugzeugen zu, die am Frankfurter Flughafen kreisförmig geparkt sind und deren metallene Körper in der Sonne glitzern. Passagiere laufen zu Fuß über das Rollfeld und besteigen eines der Flugzeuge, das schließlich mit ohrenbetäubendem Lärm auf die Startbahn rollt, abhebt und als kleiner Punkt am Himmel verschwindet.

Der 15-Jährige geht zurück in die kleine Abfertigungshalle mit nur einem Restaurantbetrieb, die für ihn der Inbegriff der großen weiten Welt ist. Mittendrin entdeckt er das Miniaturmodell, das den Plan für den großen Ausbau des Flughafens zeigt.
Und da packt sie ihn: die Faszination, die Jörg Ries ein Leben lang nicht mehr loslassen sollte.
Es ist dieser Tag im Jahr 1959, der den heutigen Sprecher der Geschäftsführung der Flughafen Kassel GmbH geprägt hat. Und auch erklärt, mit welcher Begeisterung und Zielstrebigkeit er den Flughafen Kassel-Calden zu dem gemacht hat, was er jetzt ist.
Es ist die Verwirklichung eines Traums, einen Flughafen nach seinen Vorstellungen gestalten zu können. „Damals in Frankfurt war der Wunsch geboren, irgendwo in eine Flughafengesellschaft einzusteigen“, beschreibt Ries, der in der DDR aufgewachsen war, dieses Schlüsselerlebnis.
Um dem Flughafen nahe zu sein, entscheidet er sich nach dem Abitur für eine Ausbildung bei der Flugsicherung der Bundeswehr, die auch damals einen Standort am Flughafen Frankfurt hatte, und startet 1974, ausgestattet mit Offiziersrang und guten Englischkenntnissen, sein Berufsleben bei der Frankfurter Flughafengesellschaft – die kurz zuvor die frühere kleine Abfertigungshalle durch das große Terminal 1 ersetzt hatte.
Ries ist da angekommen, wo er hinwollte. Er arbeitet sich ein, sammelt erste Erfahrungen, profiliert sich. Nur zwei Jahre später dann der Ruf in die wirklich große weite Welt: Er bekommt sein erstes ausländisches Managementprojekt – in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
„Ich sollte im Emirat Scharjah einen neuen Flughafen errichten und in Betrieb nehmen“, sagt er heute so, als würde ihn diese damalige Order immer noch in Staunen versetzen. Ries reizt die Herausforderung, und so siedelt er 1976 mit Frau und Kind ins ferne Land.
„Es war eine tolle Zeit“, lautet sein zunächst nüchterner Kommentar.
Ihn beeindruckt, dort eine Persönlichkeit zu sein: ,der‘ Leiter des Flughafens und später auch der Tourismusbehörde. Nur einem arabischen Vorgesetzten ist er in seiner Funktion untergeordnet: dem Scheich von Scharjah, mit dem ihn eine „gute Partnerschaft“ verbindet.
Ries Augen beginnen zu leuchten, als er sich daran erinnert, wie einfach dieser Flughafenbau ist.
„His Highness ist mit mir in seinem Jeep in die Wüste gefahren, hat irgendwo in der Weite gehalten und gesagt: ‚Hier kommt der Flughafen hin‘.“ Den Unmut der umliegenden Beduinenstämme habe „der Scheich klargezogen“.
Bis 1983 bleibt er in der Ferne. Dann ist für die mittlerweile vierköpfige Familie klar, dass die Söhne eine Schule in der Heimat besuchen sollen. Sie kehren zurück nach Frankfurt, wo Demonstranten die Errichtung der Startbahn West behindern. Ries erlebt die Verhandlungen mit, die erst durch eine Mediation beendet werden können. Ausgleichsmaßnahmen für die notwendige Waldrodung machen den Bau schließlich möglich.
Steigender Luftverkehr und höhere Passagierzahlen liefern dann die Argumente für ein neues Terminal 2, für dessen Inbetriebnahme Jörg Ries die Verantwortung trägt und das 1994 eröffnet wird.
Doch es entspricht nicht den Vorstellungen der Verantwortlichen für einen Flughafenbetrieb. „Es war kein funktionaler Bau“, sagt er und fügt kopfschüttelnd hinzu: „Leider hatten wir keinen Einfluss auf die Architektur.“
Fachliches Know-how, internationale Erfahrung sowie Einfühlungsvermögen und Hartnäckigkeit bei Verhandlungen prädestinieren ihn geradezu für sein folgendes Projekt: Sein Arbeitgeber bittet ihn,beim Bau und Betrieb des Flughafens in Athen seine Expertise einzubringen.
„Es war eine zwingende Notwendigkeit, der dortigen deutschen Firma Hochtief zu helfen, die von der griechischen Regierung beauftragt wurde, den neuen Flughafen zu errichten“, umschreibt Ries diesen Schritt, der ihn 1995 nach Griechenland führt.
Wieder findet er sich in eine andere Kultur ein, erlernt anderes Geschäftsgebaren. Was es für ihn einfach macht, ist, „dass die Strukturen eines Flughafens überall ähnlich sind“, sagt Ries.
Als sein Auftrag 2000 endet, ist Frankfurt zunächst wieder sein Arbeitsplatz.
Kassel-Calden. Provinz.
Als Ries 2001 gefragt wird, ob er bereit ist, den Flughafen in Nordhessen zu übernehmen, stutzt er.
Gerade aus Athen zurückgekehrt, entschließt sich seine Frau, nicht dorthin zu ziehen. Er fährt allein zu dem Fleckchen Erde, auf dem kleine Flugzeuge den Luftverkehr für Geschäftsreisende und Privatleute bedienen. Aus diesem Fleckchen soll ein Fleck werden, von dem aus Touristen in Passagiermaschinen ihre Urlaubsziele erreichen können.
Ein kurzer Blick genügt ihm, und seine Antwort lautet: „Ja.“ Endlich die Chance, seine eigenen Vorstellungen von einem Flughafen aktiv einbringen zu können.
Der Beschluss der Gesellschafter – das Land Hessen (68 Prozent), Stadt und Landkreis Kassel (je 13 Prozent) und die Gemeinde Calden (6 Prozent) – zum Ausbau des Flughafens ist bereits gefasst.
etzt müssen die nächsten Schritte getan werden. „Was haben wir zu tun, um das Projekt loszutreten?“, nennt Ries seine Aufgabe. „Es braucht eine fachmännische Leitung und eine Projektsteuerung, die alle Know-how- Träger bündelt.“
Know-how-Träger, das sind u.a. Gutachter, Projektexperten, Flughafenspezialisten, Rechtsanwälte, Techniker und Architekten. „Wir holen nur Fachleute, die genau wissen, was sie tun. Es ist eine sehr komplizierte Materie, und das Wichtigste ist, dass keine Fehler gemacht werden“, sagt Ries, der sich als Moderator bezeichnet. Probleme sind zu erwarten, das weiß er.
Schließlich war die Vergrößerung des Flughafens schon in den siebziger Jahren im Gespräch, Passagierflüge rollten schon. Doch die vorhandene Start- und Landebahn ist verkehrstechnisch falsch ausgerichtet, die Behinderung durch Dörnberg und Schreckenberg verlangt von den Piloten eine Spezialausbildung.
„Die vielen hohen Berge im Südwesten kann man nicht wegnehmen“, sagt Ries und schüttelt den Kopf über den von Anfang an falsch geplanten Verkehrslandeplatz. „Und das nur, weil der Grundbesitzer, auf dessen Land die richtige Bahn hätte gebaut werden können, damals 2 DM mehr für den Quadratmeter wollte.“
30 Jahre später, gilt es, alles richtig zu machen.
Ries sucht sich die besten Spezialisten und findet sie. Gemeinsam mit ihnen trotzt er den Angriffen, die in einem solchen Ausmaß für ihn nicht vorhersehbar waren. Politisch ist zwar alles in trockenen Tüchern, doch der Widerstand formiert sich.
Naturschützer begehren auf, Bürger der naheliegenden Gemeinden wollen keinen zusätzlichen Lärm, fürchten kerosinverseuchte Luft. Die verantwortlichen Minister und Ries wollen nicht die brutale politische Umsetzung, sondern setzen – wie in Frankfurt – auf die Mediation.
Diese bringt Politik, Kirchen, Vereine, Bürger und Landbesitzer mit den Verantwortlichen der Flughafen GmbH Kassel und dem Regierungspräsidium zusammen.
Ries nimmt als Verantwortlicher des Projektes an den moderierten Gesprächen teil. Warum die umliegenden Gemeinden Ängste haben, sei ihm schon klar. Er als „Kopf des Ausbaus“ gerät in die Schusslinie. „Das gehört dazu, das darf man nicht persönlich nehmen“, sagt er in sachlichem Ton.
Gesetzlich vorgeschriebene und juristische Auseinandersetzungen häufen sich, behindern die zügige Umsetzung. Erst 2009 bestätigt das Bundesverwaltungsgericht die Entscheidungen des Verwaltungsgerichtshofes (VGH) in Kassel, dass das Projekt umgesetzt werden kann.
„Alle Klagen wurden eindeutig abgewiesen und Beschwerden dagegen nicht zugelassen“, sagt Ries.
Doch nicht nur an der hessischen und bundesdeutschen Front gilt es, den Flughafenausbau zu platzieren. Auch die Europäische Kommission will ein Wort mitreden, geht es doch um die Verwendung von Steuergeldern. Verhandlungsgeschick auf internationalem Parkett ist gefragt.
„Wir mussten in Brüssel an verschiedenen Fronten kämpfen“, erinnert sich Ries. 2011 kommt endlich grünes Licht von der Europäischen Kommission. Nun soll alles ganz schnell gehen. Von der Ausschreibung profitieren auch regionale Firmen, die mit ihren günstigen Angeboten den Zuschlag bekommen. 6,3 Millionen Kubikmeter Erde werden bewegt, die größte Erdbaustelle Europas mit 220 Hektar Baufeld entsteht.
Eine funktionierende Infrastruktur aus Containerdörfern und Werkstätten für die Baufahrzeuge wird aus dem Boden gestampft. Nur keine Zeit verlieren. Terminal, Gebäude, Tower, Feuerwache, Tanklager und Parkplatz entstehen.
Mitarbeiter für den Betrieb werden schnell gefunden, geschult und eingearbeitet.
Ries freut, dass „viele Arbeitslose aus der Region nun engagierte Beschäftigte“ sind. Es ist Ende Februar 2013. Noch sind Wohncontainer vor Ort, noch arbeiten die Baufahrzeuge.
„Um das Gelände vollständig zu erschließen, Hallen und Firmengebäude zu erstellen, wird es hier bis Ende des Jahres noch Baustelle bleiben“, erklärt Ries. Mit Testpassagieren wird zweimal wöchentlich der ‚Ernstfall‘ geprobt. Ein- und Auschecken, Polizeikontrollen, Gepäckabfertigung, alles soll am Eröffnungstag ,wie am Schnürchen laufen‘.
Stolz verweist der mittlerweile 69-jährige Ries auf die „gelungene Architektur“ der Abfertigungshalle. „Keine Industriearchitektur“, wie er betont, sondern mit Holzdecke und Wohlfühl-Atmosphäre.
Es trägt auch seine Handschrift.
Hier durfte er das umsetzen, was ihm wichtig war. Seine Vision eines attraktiven und funktionierenden Flughafens öffnet am 4. April 2013. Seit 2012 verzeichnen Reisebüros Anfragen von Reisenden, die diesen Flughafen nutzen wollen.
Letztendlich bestimmen sie die Nachfrage und damit das Angebot. Viele Arbeitskräfte und die Gewerbeansiedlungen werden Steuereinnahmen in die öffentlichen Kassen spülen, die, so Ries, die Investitionen übertreffen.
Mit Starts und Landungen allein sei kein Geld zu verdienen, sagt er, es zählen die volkswirtschaftlichen Effekte. Ob sie positiv sind, bleibt abzuwarten. Ries wird erst in Ruhestand gehen, wenn er sieht, dass sein Projekt läuft.
Sollten nur sechs Passagiermaschinen pro Tag Kassel-Calden beleben, wäre er schon zufrieden. Egal wie viele es letztlich sein werden, Beschwerdeführer werden nicht verstummen, sich vielleicht wieder neu formieren.
Über den Sinn dieses Flughafens werden die Diskussionen nicht enden. Doch möglicherweise wird irgendwann auch dort ein junger Mensch stehen, staunen und eine Faszination spüren, die ihn ein Leben lang nicht mehr loslassen wird.