Etwas mehr Hirn bitte

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Hirnforscher Gerald Hüther hat ein neues Buch geschrieben. In 'Etwas mehr Hirn, bitte' gibt der Autor auch eine Menge von sich selbst preis. Im Interview verrät der Neurobiologe, worum es ihm in seinem Werk geht.

Guten Tag, lieber Herr Hüther, schön, dass Sie da sind! Wieder da, muss man sagen: Ein Jahr lang haben wir wenig von Ihnen gesehen oder gehört; ein Jahr lang hatten Sie sich aus allen öffentlichen Aktivitäten zurückgezogen. Wie haben Sie das letzte Jahr verbracht?

Ich kam mir in all diesen öffentlichen Aktivitäten ein bisschen wie in einem Hamsterrad vor. Deshalb die Auszeit, ich wollte endlich wieder einmal einigen Fragen auf den Grund gehen, wirklich eintauchen statt oben herumzuschwimmen. Dass ein Buch dabei entsteht, war nicht beabsichtigt. Aber ich bin froh, dass ich es geschrieben habe.

Sie bezeichnen dieses Buch als „das schwierigste“, das Sie je geschrieben haben. Warum?

Weil ich darin nicht auf der Ebene der Beschreibung stehengeblieben bin, sondern nach den Ursachen gesucht habe, die all die vielen Missstände hervorbringen, die auch in Büchern immer wieder beklagt werden. Und weil ich auch gemerkt habe, dass es nichts nützt, den Lesern zu sagen, was sie anders machen sollen, damit es zu Hause, in Schulen, an Universitäten oder in anderen Lebensbereichen besser wird. Bevor jemand etwas in seinem Leben oder im Zusammenleben mit anderen verändern kann, müsste sie oder er doch zunächst einmal verstanden haben, weshalb es so geworden ist, wie es ist. Und das hat eben immer sehr viel mit uns selbst zu tun, mit unseren Gewohnheiten, unseren Überzeugungen, unseren Vorstellungen, unseren Selbst- und Weltbildern. Die sitzen sehr tief und an die wagen wir uns alle nicht so gern heran. Deshalb ist es sehr schwer, Leser dazu einzuladen, sich selber anzuschauen, über sich selbst nachzudenken und zu erkunden, wo »der Hase im Pfeffer liegt«, wie es so schön heißt. Es geht in diesem Buch um zentrale Fragen unseres Selbstverständnisses und unseres gegenwärtigen Zusammenlebens. Das alles liebevoll zu beschreiben, war nicht leicht.

Könnte man also so weit gehen zu sagen, dieses Buch ist ‚die Essenz‘ ihres gesamten bisherigen Wirkens?

Weniger meines bisherigen Wirkens, eher meines bisherigen Nachdenkens. Ja, das stimmt schon. Aber es geht ja weiter. Ich habe noch nicht die Absicht, mit dem Nachdenken aufzuhören.

Zugleich ist es Ihr vielleicht persönlichstes Buch, scheint mir. Wir erfahren darin etwas über Gerald Hüther, wie er als Baby die Welt erlebt hat, über Gerald Hüther und warum er Biologie studiert hat, etwas über Gerald Hüther, den Hirnforscher und warum er sich heute zuweilen von seinen Fachkollegen distanziert – und schlussendlich auch etwas über Gerald Hüther, wer er heute ist. Ihren Lesern geben Sie folgende Leitfragen mit auf den Weg: Wofür will ich leben? Wie wollen wir unser Zusammenleben künftig gestaltet? Haben Sie diese Fragen für sich im Lauf Ihres Lebens beantworten können?

Wie soll ich meinen Lesern etwas sehr kompliziertes verständlich machen, ohne mich dabei selbst zu zeigen. Wenn ich nur etwas beschreibe, also beispielsweise wie das Gehirn aufgebaut ist und wie es funktioniert, brauche ich das nicht. Auch nicht, wenn es darum geht, gute Ratschläge zu erteilen. Aber wenn ich Lesern helfen will, sich selbst und unsere Art des Zusammenlebens zu verstehen, muss ich mich auch selbst zeigen. Anders geht es nicht.

‚Etwas mehr Hirn, bitte‘ ist ein provokanter Titel. Sie waren Mitte der 90er Jahre ja einer der ersten Neurowissenschaftler in Deutschland, die sich aus ihrem Elfenbeinturm herausgewagt haben, um ihre Forschungsergebnisse in allgemein verständlicher Form einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und immer wieder auch gesellschaftliche Debatten anzustoßen. Dem sind Sie sich treu geblieben, bis hin zu diesem Buch. Phänomene wie ‚kognitive Kohärenz‘ oder ‚erfahrungsabhängige Neuroplastizität‘ erklären Sie Ihren Lesern auch darin wieder mit Leichtigkeit ganz nebenbei. Insofern sind Sie sicher nicht als jemand bekannt, der für eine fortschreitende Akademisierung und eine Anhäufung von Wissen eintreten würde. Dass nun ausgerechnet von Ihnen der Appell ergeht ‚Etwas mehr Hirn, bitte!‘ macht neugierig: Wie ist es zu verstehen?

Die fortschreitende Akademisierung und die Anhäufung von Wissen sind ja auch wieder nur Phänomene. Weshalb machen wir das? Wozu führt das alles und was nützt es uns? Das sind die für mich entscheidenden Fragen als Wissenschaftler. Bisher habe ich versucht, neurobiologische Erkenntnisse so darzustellen, dass sie ein normaler Mensch begreifen kann. Jetzt möchte ich die Leserinnen und Leser einladen, darüber nachzudenken, was das alles für sie und für unser Zusammenleben bedeutet. Das kann niemand allein, dazu muss man sich mit anderen austauschen, Erfahrungen teilen; sich gemeinsam auf den Weg machen. Wenn nur zwei Menschen all ihr Wissen und ihre Erfahrungen zusammenführten, hätten sie bereits doppelt so viel Gehirn wie jeder allein. Je mehr sich daran beteiligen, desto riesiger wird das Potential, das diese Art des miteinander Denkens und voneinander Lernens hervorbringt. Wie das innerhalb einer Gemeinschaft gelingen kann, davon handelt dieses Buch. Und das ist mit dem Titel »Etwas mehr Hirn bitte« gemeint.

Sie werben in Ihrem Buch für eine neue Beziehungskultur – und dafür, bei sich selbst und in seinen eigenen kleinen Gemeinschaften damit anzufangen. Können Sie uns das ein oder andere Beispiel erzählen, wo sich Menschen gemeinsam auf den Weg gemacht haben und vielleicht auch, ob und wo sie heute angekommen sind? Gibt es schon Erfolgsgeschichten?

Wenn es keine solchen ermutigenden Beispiele gäbe, hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen beispielsweise hat es geschafft, sich zu solch einer Potentialentfaltungsgemeinschaft zu entwickeln. Die machen nicht nur weltweit ausgezeichnete Beethoven- Einspielungen. Die können auch ohne Dirigenten sehr gut zusammenspielen. Und die kümmern sich auch noch um benachteiligte Schulen und Stadtteile, betreiben sogar ein Zukunftslabor für innovative Bildungsprojekte.

Das macht Mut. Der Untertitel des Buches lautet: ‚Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten‘. Lieber Herr Hüther, vielen Dank für die Einladung! Und für dieses Gespräch.

Bitte sehr. Das habe ich gern gemacht.