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Text von: Stefan Liebig

Gemeinwohl-Ökonomen und Anhänger des Bedingungslosen Grundeinkommens in Südniedersachsen treiben gemeinsam den Wertewandel in unserer Gesellschaft voran.

Während die einen die Klimakatastrophe auf uns einstürzen sehen, prophezeien die anderen die weltweite Wirtschaftskrise. Manche sehen zwischen den beiden Horrorszenarien keinen Zusammenhang, manche machen die ressourcenverbrauchende und profitorientierte Wirtschaft und Finanzwelt für alle Probleme verantwortlich. Die Lösungsvorschläge, um dieser gigantischen Probleme Herr zu werden, sind höchst unterschiedlich und reichen vom einfachen ,Weiter so‘ über viel kritisierte Klimakonferenzen und -pakete bis hin zu kaum greifbaren Maßnahmenkatalogen und Rettungsschirmen für Banken. Die nächste Generation scheint mit dieser Herangehensweise nicht einverstanden und geht freitags demonstrieren. Stellt sich die Frage, worauf dies alles hinauslaufen soll – besser, man stellt es sich nicht allzu genau vor …

Dies behaupten zumindest sowohl die Anhänger der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) als auch die des Bedingungslosen Grundeinkommens. Beide vereint das Ziel einer fairen Gesellschaft, die Platz für Entfaltung bietet und Rücksicht auf die endlichen Ressourcen unseres Planeten nimmt.

Aktiv in Erscheinung getreten ist in den vergangenen Monaten im südniedersächsischen Raum insbesondere die Göttinger Regionalgruppe der in Österreich gegründeten und inzwischen weltweit tätigen Gemeinwohl-Ökonomie. Mitglieder und Interessierte treffen sich regelmäßig zu Arbeitskreisen, die zunächst anhand des GWÖ-Buchs von Christian Felber die von ihm erarbeiteten Grundgedanken ausarbeiten. Mit öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen konnten die Mitglieder unter der Koordination von Erwin Wobbe die Idee einer faireren Wirtschaftsordnung verbreiten. Neben einer Neuordnung der Ökonomie, die auf Kooperation statt Konkurrenz, Mitarbeiterzufriedenheit und auf Nachhaltigkeit statt Ressourcenerschöpfung setzt, geht es der Gruppe besonders um die Stärkung demokratischer Prozesse.

Im Neuen Rathaus berichtete beispielsweise der ehemalige Bürgermeister Michael Pelzer der bayerischen Gemeinde Weyarn über ein preisgekröntes Konzept für aktive Bürgerbeteiligung in seiner Heimat (eine weitere Veranstaltung dieser Art ist am 8. Februar geplant). „Wir haben uns so sehr an die aktuelle Wirtschaftsweise gewöhnt, dass wir glauben, Wirtschaft muss auf Egoismus aufbauen. Stattdessen will die GWÖ den Gedanken des Gemeinwohls in den Vordergrund stellen“, sagt GWÖ-Mitglied Johannes Willms. Er will dieses Thema aktiv in die Öffentlichkeit bringen und die Aufmerksamkeit auf die Schnittmenge von verantwortungsvoller Unternehmensführung und gelebter Demokratie lenken.

Aspekte, die bei den Göttingern Entscheidern durchaus auf Interesse stoßen. Beim Logistikunternehmen Zufall beispielsweise leitet Gunnar Heunisch seit fünf Jahren den damals neu gegründeten Zentralen Bereich Qualität, Umwelt und Arbeitsschutzsysteme. Er verzichtete für diesen Job auf die Abschlussprüfung seiner fast beendeten Weiterbildung zum GWÖ-Berater und arbeitet seither daran, Teile der Matrix (siehe Abbildung), die zur Bilanzierung von GWÖ-Mitgliedern dient, in das international tätige Unternehmen einzubringen. „Wenn ethische Rahmenbedingungen angepasst werden, müssen solche Änderungen natürlich mehrere Hierarchiestufen passieren“, sagt Heunisch. Doch er stieß mit seinen Ideen zu Work-Life-Balance-Projekten und zur Energieeinsparung bereits auf viel Interesse. Ihm sei aber auch klar, „dass es eine große Herausforderung für ein Logistikunternehmen ist, sich in Richtung einer GWÖ-Bilanzierung zu bewegen“.

Ein Schritt, der für Johannes Loxen, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Sernet, eher nicht infrage kommt. Für die Ziele der GWÖ kann er sich zwar durchaus erwärmen, allerdings setzt er auf eine individuelle Umsetzung von Gemeinwohlaspekten. „Wir tun viel, um unseren ökologischen Fußabdruck möglichst gering zu halten: Wir verzichten auf große Firmenwagen zugunsten öffentlicher Verkehrsmittel, veranstalten Umweltwochen für unsere Auszubildenden, Ernährungsworkshops für alle Mitarbeiter und setzen auf LED-Beleuchtung. Und vor allem dient schon unser Geschäftszweck der Ressourceneinsparung“, sagt der Sernet-Chef, der sich selbst schmunzelnd als ‚Altgrüner‘ bezeichnet. Er führt aus, dass die Open-Source-Lösungen seines IT-Unternehmens im Internet frei verfügbar sind und somit verhindert wird, dass ganze Teams dieselben Probleme noch einmal in langer Entwicklungsarbeit lösen müssen.

Während bei den beiden genannten Unternehmen aufgrund ihrer Branchenzugehörigkeit vielleicht nicht jeder davon ausgeht, dass die GWÖ eine große Rolle spielt, liegt dies beim Bio-Lieferservice Lotta Karotta quasi auf der Hand. „Es bewegt sich im Moment sehr viel im Bewusstsein der Menschen. Wir merken dies auch an unserer Auftragslage“, sagt Inhaberin Katrin Schlick. Seit Jahren ist der Gleichener Betrieb im Verband Ökokiste und im Energieeffizienznetzwerk der Energieagentur Göttingen, und selbst der Schritt zur Zertifizierung per GWÖ-Matrix ist für die Inhaber Katrin Schlick und Andreas Backfisch gedanklich schon vorbereitet. „Im Moment fehlt etwas die Zeit. Aber bei einem Anstoß von außen wären wir wohl dabei“, sagt Schlick überzeugt. Da unbedingt etwas passieren müsse in der Gesellschaft, will sich Lotta Karotta als Vorreiter in Richtung ökologischer Gesellschaft bewegen.

Eine Überzeugung, die auch Ralph Wüstefeld teilt. Der Geschäftsführer des Göttinger Handelsunternehmens Contigo ist sogar schon den Schritt zur Bilanzierung gegangen. Das Ergebnis steht zwar noch aus, er ist aber dennoch zu einem durchaus zwiegespaltenen Zwischenfazit bereit. Nachdem er intensiv, aber vergeblich versuchte, ihm bekannte hiesige Unternehmen von der Teilnahme an einer sogenannten Bilanzierungs-Peer-Group zu überzeugen, nahm er schließlich gemeinsam mit zwei hannoverschen Unternehmen an der GWÖ-Beurteilung teil. „Das Erschütterndste ist eigentlich, dass unser Unternehmenszweck, nämlich der Fairtrade-Handel, wegen der damit verbundenen Transportwege negativ beurteilt wurde“, so Wüstefeld. Auch die Zusammensetzung seiner Peer-Group – ein Physiotherapeut und ein Bio-Lieferdienst – erscheint ihm im Rückblick seltsam. „Wie sollen so unterschiedliche Unternehmen ein so komplexes Verfahren gemeinsam bewältigen?“, fragt er und beschreibt, dass die Matrix-Punkte nicht etwa vom GWÖ-Berater vergeben wurden, sondern die Teilnehmer sich gegenseitig bewerteten. Dies gilt nun als Grundlage für die Bilanzierung durch die GWÖ-Vertreter. Weder die Unterstützung vieler Betriebe in Entwicklungsländern noch die positiven Arbeitsbedingungen in den Contigo-Filialen und der Göttinger Zentrale seien berücksichtigt worden, so Wüstefeld. Doch seine Motivation ließ er sich nicht nehmen. Wenn er auch unzufrieden mit dem bestehenden Prozess ist, blickt er dennoch ambitioniert in die Zukunft: „Die GWÖ ist eine junge Bewegung. Man muss ihr Zeit geben. Ich wurde in die Matrix-Entwicklungsgruppe eingeladen und möchte nun selbst daran mitwirken, die Kriterien zu überarbeiten.“ Neben der Weiterentwicklung auf dieser Ebene wünscht er sich auch eine Intensivierung der Zusammenarbeit der GWÖ-Gruppe Göttingen mit den hiesigen Unternehmen. Aufgrund der noch geringen Mitgliederzahl ist man für diesbezügliche Verstärkung offen. Bisher setzte man vorwiegend an der theoretischen Basis an und veranstaltete Diskussionsforen, die auch anderen Bewegungen ein Forum boten.

Neben der Plattform Start-up Göttingen, die im vergangenen Februar eine gemeinsame Veranstaltung mit der GWÖ machte, nutzte auch Joachim Winters die Gelegenheit, den Mitgliedern seine Aktivitäten zu präsentieren. Der regionale Ansprechpartner für das BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen) setzt sich für die Einführung eines Grundeinkommens ohne Gegenleistung ein. Im Sinne der GWÖ erwartet er, dass viele Menschen dadurch neue Kapazitäten bekommen, um sich weiterzubilden oder im Sinne des Gemeinwohls zu arbeiten. „Wir werden in dieses System hineingeboren: Als Baby bekommen wir quasi ein BGE von unseren Eltern, um diesem dann Schritt für Schritt immer weiter entfremdet zu werden. Bereits in der Schule herrscht dann totaler Konkurrenzkampf“, sagt Winters beklagend. Er ist überzeugt, dass die Menschen mit BGE kreativer und effektiver beschäftigt wären und Millionen überflüssige Jobs einfach wegfallen und durch sinnvollere ersetzt würden. Natürlich könnten mit dem BGE nicht alle Bedürfnisse abgedeckt werden, doch ähnlich wie bei der GWÖ sieht Winters auch mit dem BGE eine Reduzierung der menschlichen Gier, die jedoch im Unterschied auf freiwilligerer Basis erreicht würde. Er hofft auf weitere Gesprächsbereitschaft seitens der Gemeinwohlbewegung, denn man solle Gemeinsamkeiten weiterentwickeln.

Ein Anspruch, der eigentlich beiden Philosophien entgegenkommt. Denn nur im demokratischen Austausch scheint es möglich, solche neuen Ideen in der Praxis weiterzuentwickeln. Ein Prozess, der für GWÖ und BGE sicher noch viele Anstrengungen erfordert. Der Gegenwind scheint gewiss. Doch ebenso sicher scheint, dass die Gesellschaft auf innovative Zukunftsmodelle angewiesen ist.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist:
… auf wirtschaftlicher Ebene eine lebbare, konkret umsetzbare Alternative für Unternehmen verschiedener Größen und Rechtsformen. Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von Unternehmenserfolg werden anhand gemeinwohlorientierter Werte definiert.
… auf politischer Ebene ein Motor für rechtliche Veränderung. Ziel des Engagements ist ein gutes Leben für alle Lebewesen und den Planeten, unterstützt durch ein gemeinwohlorientiertes Wirtschaftssystem. Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sind dabei die zentralen Werte.
… auf gesellschaftlicher Ebene eine Initiative der Bewusstseinsbildung für Systemwandel, die auf dem gemeinsamen, wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen beruht. Die Bewegung gibt Hoffnung und Mut und sucht die Vernetzung mit anderen Initiativen. Sie versteht sich als ergebnisoffener, partizipativer, lokal wachsender Prozess mit globaler Ausstrahlung – symbolisch dargestellt durch die Löwenzahn-Sämchen im Logo.

Das Bedingungslose Grundeinkommen
Experimente sowie weltweite Feldversuche (u. a. in Kanada, Kenia, Finnland) zum Bedingungslosen Grundeinkommen – oder auch Bündnis Grundeinkommen –, die zunehmende Medienberichterstattung und die Gespräche auf den Straßen machen deutlich: Das Grundeinkommen wird zwar überall diskutiert nur nicht dort, wo es entschieden wird. Das 2016 gegründete Bündnis Grundeinkommen (BGE) tritt daher als Ein-Themen-Partei zu Wahlen an, um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) in die Parlamente zu bringen. O-Ton BGE: „Bei der Bundestagswahl sowie bei Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, dem Saarland und Hessen schenkten bereits über 100.000 Menschen ihre Stimme dem BGE. Ein Zeichen für alle, die sich vornehmen, unsere Zukunft zu gestalten.“