©Alciro Theodoro da Silva
Text von: faktor

Susanne Heller und Robert Vogel, Vorstandsmitglieder von Pro City, kritisieren das fehlende Engagement mancher Einzelhändler, und sprechen über das Leiden der Anwohner sowie das ewige Problem fehlender Parkplätze in der Göttinger Innenstadt.

Innenstadthändler stehen allerorts vor vielfältigen Herausforderungen – so auch in Göttingen. Die Konkurrenz durch den Onlinehandel scheint nicht weiter zuzunehmen, doch ein geändertes Verbraucherverhalten zwingt die Händler dazu, auf Zack zu bleiben. Neue Konzepte und Professionalisierungen sind gefragt – ebenso wie ausreichend Parkplätze. Die Vorstandsmitglieder der Interessenvertretung Pro City, Susanne Heller und Robert Vogel, stellen sich dieser Aufgabe, um die Entwicklung der Innenstadt als Handelszentrum voranzutreiben.

Frau Heller, Herr Vogel, was ist das aktuell wichtigste Thema für die Göttinger Innenstadtgeschäfte?

Heller: Unsere große Herausforderung ist der Frequenzrückgang. Es kommen heute weniger Menschen als früher in die Innenstädte. Der Grund liegt im geänderten Einkaufsverhalten. Schuld ist nicht nur der Onlinehandel, sondern vielmehr das veränderte Einkaufsverhalten der Menschen und die größere Auswahl an Einkaufsstätten: online, in der Innenstadt, auf der grünen Wiese.

Haben Sie denn inzwischen das Gefühl, dass die Talsohle durch den Onlinehandel erreicht ist?

Vogel: Es hängt viel vom jeweiligen Inhaber ab, was er unternimmt. Wir haben in Göttingen eine Zahl von Geschäften, die stecken den Kopf in den Sand. Und wir haben welche, die suchen nach Verbesserungen. Das kann zum Beispiel eine Spezialisierung wie im Buchhandel sein. Oder die Mitarbeiter im Verkauf zu schulen, dass sie Kunden anders ansprechen. In vielen Köpfen ist das Internet der Feind, der das eigene Geschäft kaputt macht. Stattdessen sollte man sich fragen, wie man es selbst nutzen kann. Pro City organisiert genau dazu Veranstaltungen.

Heller: Aus meiner Erfahrung hilft der unbedingte Dienstleistungsgedanke, sich auf den Kunden einzustellen und dabei authentisch zu sein. Geschäfte, die ihren Kunden einen Mehrwert bieten, indem sie diese zu exklusiven Veranstaltungen einladen, aktiv an Ereignissen in der Stadt teilnehmen und sich mit Kollegen und Gleichgesinnten vernetzen, heben sich positiv vom anonymen Interneteinkauf ab. Dies wird durch eine persönliche Beratung flankiert. Ich kann dem Kunden in meinem Laden beispielsweise mit Tablets den Zugriff auf ein riesiges Sortiment bieten und ihn gleichzeitig an meiner Ware zum Beispiel den Stoff fühlen lassen.

Wenn man sich den Leerstand und die Fluktuation der Läden anschaut, kann man sich jedoch fragen, ob sich Einzelhandel überhaupt noch lohnt.

Heller: Für ein gutes Konzept und wenn man engagiert dabei ist, lohnt es sich immer. Man muss aber mit realistischen Erwartungen rangehen. Es ist kein Selbstläufer, das war es noch nie. Auch wenn die Kundenzahl zurückgeht, sind wir noch da. Es findet jedenfalls kein Ladensterben statt, sondern vielmehr eine Verschiebung zu neuen Konzepten. Wir arbeiten auch an einem besseren Wissenstransfer von der Uni in den Einzelhandel, um Ladeninhabern zu helfen. Die Uni ist demgegenüber sehr aufgeschlossen.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Vogel: Da gibt es viele Möglichkeiten. Wenn unsere Mitglieder Fragen haben, können wir sie gezielt an die besten Ansprechpartner in der Uni vermitteln. Es können aber auch konkrete Dienstleistungen sein, etwa, wenn es darum geht, die IT­-Infrastruktur eines kleinen Geschäfts zu modernisieren – das können zum Beispiel zwei Studenten mit vielleicht ganz einfachen Lösungen umsetzen. Das ist zwar nicht kostenlos, bietet aber für alle Parteien einen Mehrwert: schnelle Hilfe für den Händler, Praxiserfahrung und Honorar für die Studenten.

Heller: Wir präsentieren die Innenstadt auf der Praxisbörse oder bei der Erstsemesterbegrüßung der Uni. Man kann bei uns auch Praktika machen, nach einem Studienabbruch anfangen oder in einem Nebenjob arbeiten. Wir kooperieren mit der Uni aber auch beim Thema Forum Wissen, indem wir bei uns in den Geschäften dafür Werbung gemacht haben. Wir als Innenstadt und die Uni brauchen uns gegenseitig – einerseits als Kunden, andererseits als Standortvorteil. Unsere große Aufgabe ist jedoch, die Attraktivität der Innenstadt zu erhalten. Da geht es um Großveranstaltungen, Sauberkeit und das leidige Thema Erreichbarkeit. Wir müssen gewährleisten, dass die Menschen auch wirklich zu uns kommen können, also dass ausreichend Parkplätze zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen. Wir konkurrieren mit Kassel, Hannover oder Braunschweig. Wenn wir keinen angemessenen oder erschwinglichen Parkraum haben, schießen wir uns ein Eigentor.

Die Stadt vertritt den Standpunkt, dass es genug Park plätze gibt, diese nur zu bestimmten Stoßzeiten nicht ausreichen.

Heller: Das stimmt nach unserer Erfahrung leider. Nur ein Beispiel: In den Parkhäusern der Innenstadt wird ein Teil der Stellplätze an Dauerparker vermietet – zum Beispiel an Menschen, die in der Innenstadt wohnen und arbeiten. Es gibt eine Warteliste für diese Stellplätze, die jetzt geschlossen wurde, weil sie so lang ist und sich kaum etwas bewegt.
Vogel: Die Stadtplaner sagen, dass wir über 5.000 innenstadtnahe Parkplätze haben. Was ist innenstadtnah? In Braunschweig können Sie direkt an der Schlossgalerie parken. Das ist das Maß, das gilt. Als innenstadtnah gilt normalerweise der Bereich, der bei uns innerhalb des Walls ist. Da haben wir aber nur 1.900. Das ist insgesamt sehr wenig und reicht in Stoßzeiten nicht. Und diese Zahl hat in den letzten Jahren drastisch abgenommen. Beispiel Burgstraße. Da waren es mal um die 20 Parkplätze, nach dem Umbau der Straße sind es sechs. Die Stadt sagt, die Lebensqualität wurde erhöht und die Läden dort funktionieren weiterhin. Stimmt. Aber nebenan in der Roten Straße tun sie es nicht. Den pauschalen Versuch, die Straßenparkplätze zu reduzieren, finde ich falsch.

Sie sprachen davon, die Attraktivität der Innenstadt zu erhalten. Tragen weniger Autos nicht genau dazu bei?

Vogel: Ja, wenn wir vom Verkehr an sich sprechen. Wir schätzen, dass nur etwa 20 Prozent des Innenstadtverkehrs durch die Parkplatzsuche entsteht, der Rest ist Durchgangsverkehr. Wir haben damit ein echtes Problem in der Fußgängerzone. Durch die Jüdenstraße und den Papendiek fahren den ganzen Tag Autos, obwohl sie es nicht dürfen – das ist auch Fußgängerzone, wird aber nicht so wahrgenommen, weil dort ständig Verkehr fließt. Das betrifft im Übrigen auch den Lieferverkehr. Der darf in der Fußgängerzone zwischen fünf und elf sein, aber mittlerweile stehen dort bis in den Nachmittag hinein permanent Lieferwagen, sogar auf der Weender Straße. Wenn den Firmen die Zeit nicht ausreicht, müssen sie das anders lösen. Aber es kann nicht sein, dass die Fußgänger und die Anwohner darunter leiden. Wir diskutieren seit bald 20 Jahren über diese Dinge, ohne dass sich groß etwas tut.

Es fehlt also schlussendlich ein ganzheitliches Konzept der Stadt?

Vogel: Ein ganzheitliches Konzept ist in der Praxis nicht umzusetzen. Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger unter einen Hut zu bringen, wird man nicht schaffen. Jede Maßnahme hat Auswirkungen, von denen keiner weiß, wie sie aussehen. Wenn man beispielsweise mit Pollern die Zufahrt zur Innenstadt regelt, muss man erst einmal schauen, was dann passiert. Sinkt nur das Verkehrsaufkommen, oder nimmt auch die Frequenz in der Innenstadt plötzlich stark ab? Groningen hat an seiner autofreien Innenstadt rund 40 Jahre gearbeitet – an so etwas muss man sich sukzessive heranarbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!