Erste Adresse: Pflegestützpunkt

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Text von: Stefan Liebig

Die Diagnose Demenz bedeutet einen neuen Lebensabschnitt –  nicht nur für den Patienten, auch für seine Angehörigen.

Die Folgen der Demenz für Patienten sind schlimm und werden nach und nach auch für Außen stehende sichtbar. Was jedoch dieser – häufig schleichende – Abbau der Leistungsfähigkeit für die betreuenden Angehörigen bedeutet, ist kaum fassbar, wenn man es nicht selbst miterlebt hat. Denn neben dem zeitlichen Aufwand und den körperlichen Anstrengungen, die die Pflege mit sich bringt, wird die psychische Beanspruchung der Pflegenden oft nicht beachtet. Ein geliebter, einem seit Langem nahestehender Mensch verliert mehr und mehr seine Selbstständigkeit und schließlich auch die Charakterzüge, die ihn Jahrzehnte ausgemacht haben.

Zunächst muss man ihn beim Aufrechterhalten seiner sozialen Kontakte unterstützen oder ihm beim Einkaufen helfen. Später fallen ihm das Anziehen und das Waschen schwer. Zu Arztbesuchen muss die Person mehr oder weniger sanft überredet werden, und selbst das Trinken, Essen und Einnehmen von Medikamenten kann zu Diskussionen führen. Alltagshandlungen können so zu zeit­- und kraftraubenden sowie immer wiederkehrenden Herausforderungen werden. Zudem müssen diese anspruchsvollen Pflegeleistungen häufig auch noch mit den eigenen Arbeitszeiten oder mit anderen familiären Verpflichtungen in Einklang gebracht werden.

„Pflegende können diesem Druck nicht dauerhaft standhalten“, sagt Ulrike Stahmann. Die Mitarbeiterin des Pflegestützpunktes in Osterode hat die Situation in der eigenen Familie hautnah miterlebt. „Leider kommen die Menschen meistens zu spät: Dann haben sie sich schon ausgepowert und bereits die ersten eigenen gesundheitlichen Schäden davongetragen“, beklagt die Pflegeexpertin. Sie appelliert an die Betroffenen, frühzeitig in ihr Büro zu kommen und den Service zu nutzen. Ein Service, der vom bloßen Zuhören über die Hilfe beim Ausfüllen von Formularen bis zur Herstellung von Kontakten zu Pflegeeinrichtungen oder anderen Betroffenen reicht. Unter dem Motto ,Es gibt wenig, was wir nicht machen‘ berät Stahmann mit ihrem Team kostenlos und neutral. Bei Problemen mit den Krankenkassen oder Fragen zu Ansprüchen entsprechend der Pflegegesetze können Rat suchen de hier auf kompetente Hilfe durch das Team bauen.

Inzwischen verfügen alle Landkreise und größeren Städte über entsprechende Pflegestützpunkte (zu finden auf den jeweiligen Internetseiten), die im Rahmen der Pflegegesetzgebung von der Politik als erste Anlaufpunkte installiert wurden. Sie stellen eine Art Schaltstation dar und bieten in dem ansonsten nahe zu unüberschaubaren Dickicht von Bürokratie, kommerziellen und medizinischen Angeboten eine dauerhafte Orientierung.

Eine goldene, wenn auch kräftezehrende Regel sollten sich Betroffene – wenn sie gut beraten sind – aber auch merken: Bleiben Vorgänge im Ämterwirrwarr stecken, hilft nur massives Drängeln und einen langen Atem beweisen. Bei zu Unrecht abgelehnten Anträgen, zum Beispiel zur Pflegeeinstufung oder Ähnlichem, lohnt es sich, Widerspruch einzulegen, denn die Neutralität eines ,Medizinischen Dienstes der Krankenkassen‘ kann wohl allein schon ob seines Namens durchaus infrage gestellt werden. Auch bei der Bewilligung von pflege unterstützenden Maßnahmen oder Hilfsmitteln gilt es, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Hier sind nämlich – was längst nicht jeder weiß – mitunter auch die Sozialhilfeträger zuschusspflichtig. Stahmanns Fazit zur aktuellen Situation der Demenzbetroffenen fällt gemischt aus: Einerseits sieht sie gerade in ihrem Bereich Osterode – der Altkreis ist die vom Durchschnittsalter her gesehen älteste Region Deutschlands – eine gute medizinische Versorgung gewährleistet, das von ihr über Jahrzehnte gepflegte Netzwerk funktioniert im Sinne der Betroffenen. Andererseits sieht sie trotz vieler Fortschritte des Anfang des Jahres in Kraft getretenen Pflegegesetzes die Politik nach wie vor in der Pflicht: „Wir brauchen mehr Unterstützung für Kranke und Pflegende im psychischen Bereich, dort sind die Belastungen enorm.“ Auch der Missstand, dass Kranke kaum noch Krankentransporte genehmigt bekommen und somit häufig bis zum Notfall warten, stößt der Pflegestützpunktmitarbeiterin bitter auf.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und den damit  voraus zusehenden Engpässen auf dem Arbeitsmarkt im Pflegebereich können einem beim Blick in die Zukunft schon größere Bedenken kommen. Umso wichtiger sollte es für alle Betroffenen sein, schnell und effektiv zu handeln:  Prävention, Vorsorgeuntersuchung, Beratung, Inanspruchnahme aller Hilfsangebote und koordiniertes Handeln können zwar die Problematik nicht beseitigen, aber immerhin eine spürbare Verminderung der Belastung bewirken.