Erst zuhören, dann loslegen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Dies ist das Motto von Uwe Groß, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie. Er engagiert sich seit vielen Jahren für medizinische Projekte in Afrika und Asien. Eine Woche in Ghana, eineinhalb Wochen in Tansania, drei Wochen in Indonesien – Uwe Groß war in diesem Jahr viel im Ausland unterwegs.

Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Universitätsmedizin Göttingen findet es faszinierend, andere Kulturen kennenzulernen. Vor allem Afrika hat es ihm angetan. Seit vielen Jahren reist er regelmäßig dorthin, allerdings nicht als Tourist. „Ich mache höchstens zwei Wochen Urlaub im Jahr“, sagt Groß. Stattdessen nutzt er die vorlesungsfreie Zeit dazu, medizinische Projekte in Entwicklungsländern anzuschieben und zu betreuen.

Bereits seit 1999 ist er in Ghana aktiv. Dort unterstützt er den Aufbau diagnostischer Laboratorien in Missionskrankenhäusern und organisiert Veranstaltungsreihen über Tropenmedizin. „Es gab bis dahin überhaupt keine Bakteriologie in Afrika“, sagt Groß. Dank der Laborausstattung könnten die Kliniken nun Infektionskrankheiten sicher diagnostizieren. In einer Region, in der Malaria, Gelbfieber und andere Krankheiten weit verbreitet sind, bedeutet dies eine enorme Verbesserung in der Gesundheitsversorgung.

Inzwischen arbeitet die Universitätsmedizin Göttingen mit drei katholischen Missionskrankenhäusern in Ghana zusammen. Seit 2012 gibt es eine offizielle Kooperation mit dem ‚St. Martin de Porres‘-Krankenhaus in Eikwe. Die 175-Betten-Klinik liegt an der Grenze zur Elfenbeinküste, unmittelbar hinter der Grenze befindet sich ein UN-Flüchtlingscamp, in dem unter anderem Flüchtlinge aus Liberia untergebracht sind. Durch das Camp bestehe ein gewisses Risiko, dass dort Ebola-Erkrankungen auftreten könnten, sagt Uwe Groß. Als sich herausstellte, dass in ganz Ghana keinerlei Schutzausrüstung für den Umgang mit Ebola-infizierten Patienten aufzutreiben war, schrieb Groß einen Brief an den Vorstand der Göttinger Universitätsmedizin. „Ich habe darauf hingewiesen, dass zu einer Partnerschaft auch die Hilfeleistung im Notfall gehört“, sagt der Mikrobiologe. Die UMG sah dies auch so und sagte umgehend und unkompliziert die Anschaffung von Schutzanzügen für die Partnerklinik in Ghana zu.

Da man die Schutzanzüge schlecht in einem Paket schicken konnte, suchte Uwe Groß nach einer Lösung für das Transportproblem. Dank seiner vielen internationalen Kontakte fand er einen ebenso unkonventionellen wie unbürokratischen Weg: Kurz nachdem er seine Anfrage über sein weit verzweigtes digitales Netzwerk verbreitet hatte, meldete sich ein Mann bei ihm, der sich anbot, bei seinem anstehenden Flug in die ghanaische Hauptstadt Accra die Ausrüstung mitzunehmen. Auf diese Weise wurde daraus ein ausgesprochen internationales Projekt: „Ein Südamerikaner hat die Schutzanzüge aus Göttingen mit einer türkischen Fluglinie von Berlin nach Ghana gebracht“, erzählt Groß.

Der Mikrobiologe hat auch schon viele andere Aktionen organisiert, bei denen schnelles Handeln geboten war. „Es gibt immer eine Lösung“, meint er. Mit blindem Aktionismus sei allerdings niemandem geholfen. Vielmehr sei es immer wichtig, nachhaltige Lösungen zu finden und die Partner vor Ort eng mit einzubinden. „Hilfsprojekte funktionieren eigentlich nur dann richtig, wenn die Partner Mitspracherechte haben.“ Zum Beispiel in Ghana: Als Groß Ende der 1990er-Jahre in dem westafrikanischen Land die ersten Labore aufbaute, starben dort sehr viele Patienten nicht nur an Malaria, sondern auch an Typhus. Die Göttinger Mediziner fanden heraus, dass die Patienten gegen das Antibiotikum, das ihnen seinerzeit in der Klinik verabreicht wurde, resistent waren. Deshalb konnte die Therapie bei ihnen nicht anschlagen. Groß kontaktierte daraufhin eine Pharmafirma, die der Klinik gratis ein Alternativ-Antibiotikum lieferte. „Innerhalb weniger Tage konnte so sehr vielen Patienten geholfen werden“, erzählt er.

Bei seinem nächsten Aufenthalt in Ghana empfing ihn der örtliche Kardinal, um sich für die lebensrettende Unterstützung zu bedanken. „Mithilfe der Bischofskonferenz konnte erreicht werden, dass in Ghana die Leitlinien für die Typhus-Therapie geändert wurden“, erzählt Groß. Solche Erlebnisse sind es denn auch, die ihn motivieren.

„Unsere Aktivitäten in Afrika gehören nicht unbedingt zum Berufsbild des klassischen deutschen Mikrobiologen“, meint er. Als Mediziner komme es ihm aber nicht nur darauf an, möglichst viele wissenschaftliche Veröffentlichungen vorlegen zu können. „Man muss auch darüber hinaus denken.“

Seine Aufenthalte in Afrika sind nicht ohne Risiko. Theoretisch kann sich jeder dort durch Viren oder Parasiten infizieren und an einer Tropenkrankheit erkranken. Bislang hat sich der Mikrobiologe jedoch lediglich einmal eine Salmonellen-Infektion eingehandelt. „Eigentlich habe ich viel mehr Angst vor Kakerlaken“, sagt Groß. Auch wenn er schon unangenehme Erlebnisse mit Kakerlaken und Bettwanzen hatte, hat er sich davon nicht abschrecken lassen: „Da muss man eben durch.“

Seit zehn Jahren betreut er ein zweites großes Hilfsprojekt in Asien. Damals hatte ein verheerender Tsunami im Indischen Ozean mehrere Hunderttausend Menschen in den Tod gerissen. Die riesigen Flutwellen zerstörten unter anderem große Teile der Stadt Banda Aceh im Norden Sumatras. Kurz nach der Katastrophe startete die Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen ein Hilfsprojekt für die dortige Universität Syiah Kuala. Uwe Groß koordinierte die Hilfsmaßnahmen für die Medizinische Fakultät.

Der Göttinger Mediziner verschaffte sich zunächst vor Ort ein Bild von den Zerstörungen, um dann gemeinsam mit der Partneruniversität Konzepte für den Wiederaufbau zu entwickeln. „Wir haben gefragt, wo sie Hilfe brauchen. Und wir haben ihnen gesagt, wir sind auch noch da, wenn die Kamerateams verschwunden sind. „

Für die Fakultät in Banda Aceh waren vor allem die Themen Molekularbiologie, Infektiologie und Tropenmedizin wichtig. Mit Unterstützung aus Deutschland konnte die Universität schließlich die Entwicklung entsprechender Studiengänge vorantreiben. Die Uni bot Vorlesungen über Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Malaria, Vogelgrippe und Toxoplasmose an, organisierte Summer Schools und Workshops und veranstaltete Intensivkurse für Studenten. Die intensive Zusammenarbeit verschaffte der Medizinischen Fakultät in Banda Aceh ganz neue und langfristige Perspektiven.

In diesem Herbst war Groß wieder in Banda Aceh und war tief beeindruckt. Das Krankenhaus, das mit deutschen Geldern gebaut wurde, sei eine regelrechte Vorzeigeklinik geworden. „Das ist wirklich eine Erfolgsgeschichte.“ Groß kann sich noch aus einem anderen Grund freuen. Für sein langjähriges Engagement in Afrika wurde er Anfang Dezember mit der Ehrenplakette der Ärztekammer Niedersachsen ausgezeichnet. „An Afrika hängt mein Herzblut“, bekennt er.