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Text von: redaktion

Die geplante Ikea-Ansiedlung in Göttingen erregt die Gemüter. Während die Stadt das schwedische Möbelhaus begrüßt, gibt es Mahner, die die Dimension kritisieren.

Göttinger, die mit „Billy“-Regalen ihre Wohnung aufhübschen möchten oder „Köttbullar“-Frikadellen auf dem Speiseplan wünschen, kommen bislang um eine längere Autofahrt nicht herum. Eine Spritztour an den Stadtrand könnte genügen, wenn die Pläne von Ikea Realität werden. Demnach soll voraussichtlich im Jahr 2009 eine Filiale des schwedischen Möbelkonzerns nahe der Autobahn 7 eröffnen. Was noch in weiter Ferne liegt, erregt jetzt schon die Gemüter. Viele Händler und Politiker beunruhigen vor allem die Dimensionen des von der Göttinger Stadtverwaltung eifrig vorangetriebenen Vorhabens. Denn direkt neben dem eigenen Haus plant Ikea im großen Stil zusätzlich ein komplettes Einkaufszentrum rund um das Thema Einrichtung. Unerwünschte Nebenwirkungen auf die bestehende Einzelhandelsstruktur in Stadt und Region werden befürchtet.

Für Verunsicherung sorgt die Tatsache, dass Ikea den meisten Umsatz nicht mitMöbeln erzielt, sondern mit so genannten Möbelrandsortimenten, also Wohnaccessoires, Haushaltswaren, Geschenkartikeln, Beleuchtung und vielem mehr. Alles Waren, die eine so genannte „Göttinger Liste“ als „innenstadtrelevant“ deklariert und die vornehmlich innerhalb des Walls verkauft werden sollen, beschloss der Stadtrat vor weniger als zwei Jahren und rief dort quasi eine Einzelhandels-Schutzzone aus. Außerdem dürfen sich großflächige Einzelhandelsprojekte seitdem nur an zwei weiteren Standorten ansiedeln: am Lutteranger und an der Kasseler Landstraße. Das sieht zumindest das 2005 verabschiedete Kommunale Einzelhandelskonzept der Stadt vor. Das scheint nun offenbar überholt.

Ikea als Chance

„Ikea kann eine Chance für Göttingen darstellen. Das Konzept sollte daher nicht statisch sein“, sagt Fritz Güntzler, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat. „Aber das darf nicht so weit gehen, dass wir bestehende Handelsstandorte gefährden“, so Güntzler, dem vor allem das vorgesehene Einrichtungseinkaufszentrum Sorgen bereitet. „Mit Ikea und dem FCC würde ein vierter Handelsstandort neben der Innenstadt, dem Lutteranger und dem Kaufpark aufgemacht. Eine Zergliederung wäre negativ für die hiesige Einzelhandelsstruktur“, befürchtet Holger Henschel vom Kaufpark-Betreiber cmm und Mitglied im örtlichen Fachbeirat Einzelhandel.

FCC ist die Abkürzung für „Furniture Competence Center“ – so nennt der schwedische Konzern sein Einkaufszentrumskonzept, das auf einem Grundstück im Bereich der Hermann- Kolbe-Straße Platz finden soll. Nicht von Pappe: Rund 25 000 Quadratmeter für die Ikea-Niederlassung und 15 000 Quadratmeter für weitere Geschäfte aus der Einrichtungsbranche sehen die Pläne vor – die Mieter sind noch unbekannt. Damit entspräche das FCC einer Größe von zehn Fußballfeldern. Zum jetzigen Zeitpunkt würde es zu den 35 größten „Möbelpalästen“ bundesweit zählen.

Das Konzept des „Möbelkompetenzzentrums“, bei dem Ikea selbst als Investor und Vermieter auftritt, ist relativ neu. Eine höhere Kundenfrequenz, die Möglichkeit koordinierten Marketings und vor allem Kopplungsgeschäfte nennt die Fachzeitschrift „möbel kultur“ (Ausgabe 1/07) als Vorteile. Das erste FCC wird der Ikea-Konzern Ende März in Koblenz eröffnen. Es könne als gutes Beispiel dafür genommen werden, wie sich das Unternehmen das FCC auch in Göttingen vorstellt, so ein Ikea-Sprecher. In Koblenz stehen als Mieter die Geschäfte Saturn, Vesta Küchen, Polster Aktuell und rooms fest.

Der Oberbürgermeister begrüßt die Ikea-Ansiedlung als Stärkung der Zentralität Göttingens

Einher mit diesem neuen Konzept geht die Strategie Ikeas, künftig vor allem in der Fläche expandieren zu wollen. Kunden sollen demnach bald nicht mehr länger als eine Autostunde zurücklegen müssen, heißt es bei Ikea. Bisher ist das schwedischstämmige Unternehmen vor allem in Ballungszentren präsent und genießt daher so etwas wie „Großstadtflair“. Jede Filialeröffnung kann daher auch als eine „gefühlte“ Standortaufwertung betrachtet werden. Oberbürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) ist folglich „sehr an einer Ikea-Ansiedlung interessiert“. Sie bedeute eine „Stärkung der Attraktivität und der ZentralitätGöttingens als Einkaufsstandort“, argumentiert er. Und an der Nachfrage bestehe kein Zweifel. Schließlich habe ein Gutachten der Gesellschaft für Konsumforschung 2004 ergeben, dass die Stadt einen überregional zugkräftigen Möbelanbieter durchaus noch vertragen könne. Neben erheblichen Bauinvestitionen für Südniedersachsen erhofft sich das Stadtoberhaupt viele neue Arbeitsplätze: 400 Stellen bei rund 60 Millionen Euro Umsatz – hofft Ikea. Dem Möbelkompetenzzentrum wird eine Rolle als Belebungsfaktor beigemessen.

Dies könnte seinen Preis haben. „Auf dem Einrichtungsmarkt herrscht ein Konzentrationsprozess“, sagt ein Möbelhändler aus dem Landkreis Göttingen, der nicht genannt werden möchte. Wenn irgendwo neue Verkaufsflächen entstehen, verschwinden welche an anderer Stelle. Die FCC-Ansiedlung würde einen massiven Verdrängungswettkampf auslösen, prognostiziert der als Branchenkenner bekannte Kaufmann. „Ikea hat eine große Sogwirkung. Eine Ansiedlung wird einen Großteil der regionalen Möbelkaufkraft in Göttingen konzentrieren und aus der Region abziehen.“ Zu spüren bekämen dies Fachgeschäfte, die von den Möbelrandsortimenten leben, und Einrichtungshäuser, die wie Ikea im Geschäft mit Mitnahmemöbeln aktiv sind. Auch dem Gaststättengewerbe stehe Konkurrenz ins Haus, da der schwedische Konzern einen großen Marktanteil in der Gastronomie verbuche. Konventionelle Einrichter, die ihre Kunden beliefern und bei ihnen aufbauen, wären hingegen kaum betroffen, sagen verschiedene Möbelhändler aus der Region übereinstimmend.

Kritiker fürchten eine deutliche Zunahme der Geschäftspleiten in der Innenstadt

Eine ähnliche Meinung vertreten auch Göttingens Innenstadthändler. „Ikea ist aus Sicht der Stadt mit Sicherheit ein interessanter Handelspartner“, sagt Christian Glantz, kürzlich ausgeschiedener Geschäftsführer der Interessenvertretung „Pro City“. Die Innenstadtkaufleute würden jedoch nicht profitieren. Erfahrungsgemäß würden nur rund 1,5 Prozent der Kunden nach ihrem Einkauf bei Ikea noch in die Innenstadt fahren. Glantz prognostiziert einen Rückgang der Kundenfrequenz und einen Umsatzverlust, da damit auch die für den Handel wichtigen Spontankäufe ausbleiben würden. In der mit Göttingen in etwa vergleichbaren nordrhein-westfälischen Stadt Siegen hätten Händler allein in den ersten zwölf Monaten nach der dortigen Ikea-Eröffnung im Jahr 2005 sieben Millionen Euro weniger umgesetzt, erklärt Glantz.

Langfristig schließt Christian Glantz auch eine deutliche Zunahme der Geschäftspleiten in der Innenstadt nicht aus, die jüngere Projekte wie den Bau des Kaufland-Warenhauses und die Kaufpark-Erweiterung noch nicht verkraftet hätten. „Das ist ein schleichender Prozess“, sagt er und verweist auf die Situation in Kassel. Dort führte die Interessenvertretung „City-Kaufleute“ in einem Rundschreiben im Februar mehrere Dutzend leer stehende Innenstadt- Geschäfte allein in einer Straße auf eine Ansiedlungspolitik zurück, die in den vergangenen zehn Jahren vor allem Großmärkte auf der grünen Wiese gefördert habe. Dabei wird auch die Erweiterung des Ikea-Hauses beklagt, bei der rund 70 Prozent der Fläche für innenstadtrelevante Waren reserviert seien.

Die Höhe dieses Anteils ist auch bei der geplanten Ansiedlung in Göttingen ein Knackpunkt. Im FCC sollen zwar weitestgehend Möbel verkauft werden, wie die Stadt jetzt bekannt gab. Etwa 1 500 Quadratmeter sind dennoch für innenstadtrelevante Ware vorgesehen. Auf Anfrage bestätigte Oberbürgermeister Meyer, dass Ikea sich zusätzlich für sein eigenes Möbelhaus rund 5 800 Quadratmeter Fläche für innenstadtrelevante Ware wünscht. Das niedersächsische Baurecht erlaubt bislang weit weniger – höchstens zehn Prozent der Gesamtfläche oder maximal 800 Quadratmeter. Eine landesweite Aufweichung dieser Regelung ist in der Diskussion. Doch in der Praxis sind Ausnahmen schon jetzt möglich, und genau dies könnte auch in diesem Fall geschehen, befürchten Kritiker.

Sollten die Wünsche der FCC-Planer genehmigt werden, käme dies in Handelskreisen schlecht an. „Es wäre ein negatives Signal, die übliche Sortimentsbeschränkung außerhalb der Stadt zu kippen. Das FCC ist nur verträglich, wenn wirklich nur Möbel verkauft werden“, sagt Einzelhandelsexperte Christian Glantz. Auch beim Management des Kaufparks stößt dies auf Unverständnis – allerdings aus einem anderen Grund. „Wir müssen mit dieser Beschränkung leben und fordern eine Gleichberechtigung aller Marktteilnehmer“, so Holger Henschel vom Kaufpark-Betreiber cmm.

Mit einheitlichen Öffnungszeiten wäre die Innenstadt das größte Ikea oder der größte Kaufpark.

Der vermeintliche Niedergang der Innenstädte aufgrund von Märkten auf der grünen Wiese ist keine neue Diskussion. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssten die Innenstadthändler jedoch auch an eigenen Versäumnissen arbeiten, sagt Christoph Langer, Vorsitzender des Bundes Junger Unternehmer (BJU) in Südniedersachsen und Inhaber der Galerie Nottbohm. „Kunden wollen verlässliche Öffnungszeiten. Ließe sich das in Göttingen endlich vereinheitlichen, hätten wir das größte Ikea und den größten Kaufpark – bei uns in der Innenstadt.“ Ikea fürchtet er nicht. „Märkte vor den Stadttoren sind für die Masse. Den individuellen Bedarf werden weiter wir Fachgeschäfte abdecken. Das ergänzt sich. Göttingens Innenstadt ist nicht austauschbar wie andere“, so Einzelhändler Langer.

Auch andere Marktbeobachter sehen die geplante FCC-Ansiedlung nicht von vornherein negativ. Osterodes Landrat Bernhard Reuter will die weitere Entwicklung abwarten. „Es ist zu früh, den Alarmzustand auszurufen.“ Doch er weiß auch: „Die Ansiedlung wird nicht jeden hier freuen.“ Stellt sich heraus, dass das FCC die Mittelzentren in der Region beeinträchtigen würde, würde dies auf massive Kritik bei uns stoßen, sagt Bernhard Reuter.

„Wer gern bei Ikea einkauft, fährt bis jetzt in die Ferne. Eine Ansiedlung in Göttingen würde den Umsatz in der Region halten“, argumentiert Frank Priebe, Nörten- Hardenbergs Bürgermeister und Sprecher des Interkommunalen Arbeitskreises Einzelhandel. Seit 2004 stimmen sich 13 Kommunen aus der Region Südniedersachsen bei großen Einzelhandelsprojekten ab.

So wurde etwa gemeinsam mit Vertretern der Region und dem städtischen Fachbeirat Einzelhandel ein Fragenkatalog für ein Einzelhandelsgutachten erstellt. Dieses soll nun klären, welche konkreten Auswirkungen die Ansiedlung des geplanten Möbelzentrums für Stadt und Region haben wird, was vielerorts auf Zustimmung stößt. „Eine Ansiedlung ohne Überprüfung möglicher Folgen wäre fahrlässig“, sagt etwa CDU-Politiker Güntzler.

Eine Balance zwischen Innenstadteinzelhandel und den Standorten vor den Stadttoren hält Göttingens Oberbürgermeister Meyer grundsätzlich für möglich, „sonst würden wir das Vorhaben gar nicht angehen“. Die Ansiedlung solle aufjeden Fall „verträglich“ für den Einzelhandel realisiert werden. Gerüchten, die Filialen von Media Markt und real würden vom Lutteranger ins FCC umziehen, erteilt Wolfgang Meyer eine Absage und entschärft damit schon einmal ein paar Bedenken. Um die Sortimente würde genauso hart verhandelt wie bei jedem anderen Großeinzelhandelsprojekt auch. „Eine Sonderbehandlung für Ikea gibt es nicht“, so Meyer, der einräumt, dass ihm eine solitäre Lösung – ein Ikea ohne FCC – generell lieber wäre. Doch das scheint ausgeschlossen. Nur im Doppelpack möchte der Möbelkonzern Einzug in Göttingen halten, erklärte ein Ikea-Sprecher. Oder gar nicht könnte man hinzufügen.

Text: BERTI KOLBOW Foto: PHOTOCASE.COM