Energieschub für die Stipendienkultur

Text von: Tobias Kintzel

Das Deutschlandstipendium hat in den letzten Jahren für viele Vorteile gesorgt – nicht nur für motivierte Studierende, sondern auch für regionale Unternehmen.

Am 30. September 2013 ist die zweite Förderperiode des Deutschlandstipendiums zu Ende gegangen. Ein Blick auf die nationale Bilanz dieses zwei Jahre alten Konzepts offenbart eine Erfolgsgeschichte: Die Zahl der geförderten Studenten hat sich innerhalb nur eines Jahres auf das Zweieinhalbfache erhöht. Auch regional hat sich dieses Stipendium als Förderinstrument bei Hochschulen und den unterstützenden Unternehmen nach so kurzer Zeit bereits etabliert.

Die Idee ist denkbar einfach: Von den 300 Euro, die Stipendiaten im Monat erhalten, werben teilnehmende Hochschulen 150 Euro aus privater Hand ein, der Bund stockt jede erfolgreiche Einwerbung um weitere 150 Euro auf. Und obwohl die Hochschulen nicht nur die Mitteleinwerbung, sondern auch das Auswahl- und Vergabeverfahren sowie die anschließende Ausgestaltung des Förderjahres eigenverantwortlich durchführen müssen, nehmen bereits zwei Drittel aller berechtigten Hochschulen in Deutschland teil. „Wir sehen uns in einem stetig stärker werdenden bundesweiten Wettbewerb um die überregionalen, aber auch die regionalen Stifter“, betont Jens M. Well brock, Leiter der Stabsstelle Universitätsförderung an der Universität Göttingen. „Immer mehr Hochschulen steigen ein, darunter größere Volluniversitäten genauso wie kleinere Fachhochschulen.“

In diesem Wettbewerb ist die Göttinger Universität durchaus erfolgreich. Für die dritte Förderperiode, die am 1. Oktober 2013 begonnen hat, konnten 116 Deutschlandstipendien vergeben werden, nach 101 im letzten und 71 im Jahr 2011. Auch das Ergebnis der HAWK Hochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen kann sich sehen lassen: An den drei Standorten konnten 65 Stipendien vergeben werden, 24 davon an Göttinger Studierende der beiden Fakultäten Naturwissenschaften und Technik sowie Ressourcenmanagement. Gemäß der aktuellen Förderquote der Bundesregierung hätte die HAWK in diesem Jahr bis zu 77 Stipendien vergeben können. „Wir sind sehr stolz darauf, unserem Ziel so nahe gekommen zu sein. Immerhin konnten 15 neue Förderer dafür gewonnen werden, Studierende finanziell zu unterstützen“, freut sich Wolfgang Viöl, HAWK-Vizepräsident und Ansprechpartner für die Stifter.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, welchen großen Effekt das Deutschlandstipendium hat: Mit dem Ziel angetreten, zum Aufbau einer Stipendienkultur in Deutschland beizutragen, ist es innerhalb von nur zwei Förderperioden zu einem wahren Energieschub für eben diese geworden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ermöglicht erst seit dem Sommersemester 2011, über das Stipendium begabte, gesellschaftlich engagierte Studierende zu fördern. Schon im Jahr 2012 erhielten rund 13.900 Studierende eine solche finanzielle Unterstützung. Damit hat sich die Zahl der Stipendiaten innerhalb nur eines Jahres auf das Zweieinhalbfache erhöht – und das Deutschlandstipendium macht 30 Prozent aller mit Beteiligung des Bundes vergebenen Stipendien in Deutschland aus. Dabei ist es das jüngste Stipendienprogramm im Rahmen des im Jahr 2005 begonnenen massiven Ausbaus der Förderinstrumente. Zuvor hatte der Bund im Jahr 2008 mit dem Aufstiegsstipendium eine Fördermöglichkeit für Menschen mit Berufserfahrung geschaffen, die ein Hochschulstudium beginnen wollen. Während die insgesamt zwölf arrivierten Begabtenförderungswerke für Studierende und Promovierende in den letzten Jahren kaum noch für steigende Stipendienzahlen sorgen konnten, brachte das Aufstiegsstipendium neue Impulse, konnte in nur fünf Jahren mit den Förderzahlen der Begabtenförderungswerke für Promovierende gleichziehen (jeweils rund 4.150 Stipendien).

Die fördernden regionalen Unternehmen haben den Wert des Instruments Deutschlandstipendium eindeutig erkannt – wenn auch Motivation und Zielsetzung hinter dem Engagement sehr unterschiedlich sind. Jürgen Hilbig, Geschäftsführer der Göttinger Concept Dental GmbH, erklärt, warum er mit seinem Unternehmen bereits zum zweiten Mal einen Stipendiaten an der Georg- August-Universität unterstützt: „Mein primäres Ziel war zunächst nicht unternehmerischer Natur. Ich war von der Idee angetan, als kleines Unternehmen mit kleinen Beträgen bei den Stipendiaten große Wirkung erzielen zu können. Auf den zweiten Blick habe ich realisiert, dass wir durch unser Engagement anders und als Teil eines erfolgreichen Netzwerks wahrgenommen werden.“

Die Bovender m3team AG, ein Beratungsunternehmen, das für Kunden erfolgreiche Problemlösungen in allen Fragen der Personalentwicklung und des Changemanagements umsetzt, vergibt schon zum dritten Mal ein Stipendium. „Mit dem Deutschlandstipendium können wir Menschen unterstützen, die Großes leisten können, wenn sie sich auf ihr Studium konzentrieren können, ohne Geld verdienen zu müssen“, führt Axel Görs, Vorstandsvorsitzender der m3team AG, aus. Darüber hinaus lade sein Unternehmen die Stipendiaten zu sich ein, um einen fruchtbaren Austausch in Gang zu bringen. „Wir profitieren als Beratungshaus davon, direkt von der künftigen Generation der Fachund Führungskräfte zu erfahren, welche Sicht sie auf die Arbeitswelt hat. Das inspiriert uns und eröffnet neue Perspektiven“, so Görs weiter. „Nur das Geld zu geben, reicht uns nicht. Man kann mit Leben füllen, sonst ist das aus meiner Sicht eine Fehlinvestition.“ Als Mittel zur Personalgewinnung sehe die m3team AG die Zusammenarbeit mit der Universität im Bereich des Stipendiums allerdings nicht, da eher berufs- und beratungserfahrene Mitarbeiter gesucht würden.

Bei dem weltweit aktiven Pflanzenzuchtunternehmen KWS SAAT AG aus Einbeck, das in der aktuellen Förderperiode zehn Studierende der Georg-August-Universität finanziell unterstützt, steht der Gedanke der Mitarbeitergewinnung dagegen im Vordergrund. „Wir haben uns bewusst für eine Kooperation mit der Universität entschieden“, macht Florian Bruhns aus dem Bereich Corporate Talent Sourcing klar. „In den vergangenen beiden Jahren haben wir beeindruckende Studenten kennengelernt, deren fachliches und auch persönliches Profil uns imponiert hat. Es freut uns zu sehen, dass wir hier Talente finden, die wir suchen und die es zu fördern gilt.“ Dazu bietet die KWS den Stipendiaten ein Programm, das den individuellen Erwerb fachlicher Zusatzqualifikationen und die persönliche Weiterentwicklung unterstützt.

Für die Kappa optronics GmbH, den Gleichener Experten für applikationsspezifische Kameras, ist das Deutschlandstipendium wiederum nur ein kleiner Baustein in der intensiven Zusammenarbeit mit der HAWK. Der geschäftsführende Gesellschafter Jürgen Haese betont: „Unser eigentliches Ziel ist neben der Förderung einzelner, talentierter Studenten, die HAWK als Hochschule zu unterstützen. Für uns ist es elementar wichtig, am Standort Göttingen eine attraktive Ingenieursausbildung zu haben. Ein großer Anteil unserer Nachwuchsentwickler kommt von der HAWK. Im letzten Jahr wurde mit ‚unserem‘ Stipendium ein Student gefördert, der im Praxisverbund Masterstudium bei uns fest angestellt ist. Hier haben wir einen hochqualifizierten Mitarbeiter gewonnen.“ So zielgerichtet wolle man das Deutschlandstipendium aber eigentlich nicht sehen. Kappa verstehe sich einfach als Förderer. Deshalb gebe es im Unternehmen auch kein eigenständiges ‚Deutschlandstipendium- Programm‘. „Wenn sich aus der reinen Förderung mehr entwickelt, freut uns das. Das ist aber keine Erwartung, die wir mit dem Deutschlandstipendium verknüpfen“, sagt Haese weiter.

Alle befragten Förderer haben eines gemeinsam: Sie betonen, wie unkompliziert die Kooperation mit den Hochschulen ist. Während Florian Bruhns von der KWS vor allem die offene und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Georg-August-Universität lobt, sieht der m3team-Vorstandsvorsitzende Axel Görs das Deutschlandstipendium als optimale Plattform, die Internationalität der Uni auszubauen. Concept-Dental- Geschäftsführer Jürgen Hilbig zeigt sich zufrieden: „Für mich ist besonders positiv, dass weniger die Größe des Unternehmens zu zählen scheint, sondern mehr die Identifikation mit der Idee des Stipendiums und die ideelle Verbundenheit.“

Dass die regionalen Förderer den Aufwand und das Engagement der Georg-August- Universität so wertschätzen, ist für Jens M. Wellbrock, Leiter der Stabsstelle Universitätsförderung, Bestätigung und Ansporn zugleich. „Wir freuen uns, dass wir eine hohe Quote von Unternehmen haben, die zum zweiten Mal Stipendien vergeben oder von Anfang an dabei sind. Wir haben uns über die gezielte Ansprache eine gute Mischung aus regionalen und überregionalen mittelständischen Unternehmen sowie Konzernen, Stiftungen, aber auch privaten Stiftern aufgebaut.“ Er sieht das Deutschlandstipendium als wichtigen Baustein bei der Schaffung einer neuen Stipendienkultur, die außerdem zu einem besseren Austausch zwischen Unternehmen und potentiellen Nachwuchskräften führt. Wellbrock ist sich darüber hinaus sicher, dass sich der Aufwand für die Deutschlandstipendien für jede Universität lohnt. „Das ist eine wunderbare Chance, sich über ein niedrigschwelliges Angebot stärker mit dem wirtschaftlichen Umfeld und neuen Partnern zu vernetzen. Sie können völlig neue Geldgeber für sich begeistern.“