Energiekosten im Griff

© Christian Mühlhausen
Text von: Christian Mühlhausen

Um sich unabhängiger zu machen, stellen viele Unternehmen ihre Energieversorgung um. Erneuerbare Energien sorgen vor allem für Verlässlichkeit.

Wärme aus Mais, Gülle, Sonnenkraft und Holz – die Umstellung der Energieversorgung auf regenerative Quellen ist längst nicht mehr allein Sache von ambitionierten Projekten wie dem Bioenergiedorf Jühnde: Das Dorf nahe Göttingen versorgt sich nahezu autark mit erneuerbaren Energien und ist dadurch weitestgehend unabhängig von den Preisen fossiler Energie.

Auch viele Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und stellen ihre Energieversorgung um. Denn auch wenn der Rohölpreis gegenüber seinen Höchstständen wieder um zwei Drittel gesunken ist und dadurch auch die daran gekoppelten Gaspreise demnächst sinken werden, ist den meisten Unternehmern klar: Mit der nächsten wirtschaftlichen Erholung werden auch die Preise wieder zu ihren alten Höhen zurückkehren.

So weit wollte es beckers bester nicht kommen lassen. Der Lütgenroder Fruchtsafthersteller benötigt ganzjährig große Mengen an heißem Dampf, um damit unter anderem Tanklager und Rohrleitungen zu sterilisieren, Flaschen zu reinigen und den Saft zu erhitzen. Die Energie kam bislang aus jährlich 14 Millionen Kilowattstunden Erdgas. Immerhin ein Zehntel aller Kosten des Unternehmens sind Energiekosten. Nachdem beckers bester 2003 bereits an seinem Standort Eisleben die Versorgung von Gas auf Holzhackschnitzel umstellte und dabei gute Erfahrungen sammelte, wurden auch die Energieerzeugungsanlagen in Lütgenrode im Herbst 2008 erneuert und eine 2,5 Megawatt leistende Hackschnitzel-Heizanlage installiert: „Uns ging es dabei in erster Linie nicht darum einzusparen. Vielmehr stand die Planungssicherheit im Vordergrund“, konstatiert Geschäftsführer Ernst Becker.

Auch wenn die Investition von 1,2 Millionen Euro von beckers bester gestemmt wurde, hat das Unternehmen mit dem laufenden Betrieb nur wenig zu tun: Im Rahmen eines Wärmecontractings hat ein Dienstleister den Betrieb, die Steuerung und die Wartung übernommen. „Wirkaufen nicht den Energieträger ein, sondern die erzeugte Kilowattstunde Wärme“, sagt Sebastian Koeppel, zweiter Geschäftsführer bei beckers bester.

Trotz der gesunkenen Preise für fossile Energie fahre man mit Holz derzeit immer noch günstiger, ergänzt Ernst Becker. Außerdem habe man die Preise für fünf Jahre fixiert. Auch wenn betriebswirtschaftliche Überlegungen zur Umstellung der Heizung geführt haben, profitiert auch die Umwelt: Die Heizanlage, die den Wärmebedarf von 700 Einfamilienhäusern decken würde, verringert den jährlichen Ausstoß von Kohlendioxid um 2.200 Tonnen.

Um Verlässlichkeit und Planungssicherheit geht es auch Olaf Feuerstein, Geschäftsführer und Gesellschafter des Göttinger Tagungshotels Freizeit In. Die Wärme für Hotelkomplex und den Fitnessbereich „Vital Spa“ wird ab dem Frühjahr 2009 zu einem Großteil aus Biomasse gewonnen. Nur 650 Meter vom Freizeit In entfernt hat Landwirt Ralf Bartens aus Groß Ellershausen in den vergangenen Monaten eine 500 Kilowatt leistende Biogasanlage errichtet, in der jährlich 7.000 Tonnen Mais sowie 3.000 Tonnen Gülle und Mist zu Biogas und schließlich zu Strom und Wärme verarbeitet werden. Während Bartens den Öko-Strom ins öffentliche Netz einspeist, wird die bei der Verstromung anfallende Wärme ans Freizeit In verkauft. Davon profitieren beide Seiten: Hotel-Chef Feuerstein kann der weiteren Entwicklung an den Energiemärkten relativ gelassen entgegen sehen, und Landwirt Bartens verfügt mit dem Freizeit In über einen Kunden, der ganzjährig einen Wärmebedarf hat.

Auch der Medizintechnik-Hersteller Otto Bock HealthCare setzt auf die erneuerbaren Energien: Neben einer Holzheizanlage, in der Holzreste aus dem Produktionsprozess energetisch genutzt werden, arbeitet am Rande des Firmengeländes eine 500-KW-Biogasanlage, die von 14 Landwirten zusammen mit dem Maschinenring Kommunalservice sowie der Otto Bock HealthCare gebaut wurde. In Duderstadt wird nicht nur der Strom verkauft, sondern die Wärme vollständig genutzt. Denn Otto Bock braucht die Wärme für die Produktionsanlage ganzjährig – im Winter zum Heizen, im Sommer wird sie technisch umgewandelt und wirkt dann als Kühlung. Im Mittelpunkt der Überlegungen von Otto Bock stand dabei, bei insgesamt steigenden Energiepreisen die Kosten für Energie langfristig planen zu können.

Das war auch das Ziel von Jörg Wieland, geschäftsführender Vorstand des Gemeinnützigen Bauvereins Münden. In den vergangenen Jahren widmete sich die Genossenschaft besonders der energetischen Sanierung ihrer Wohnungen – auch um für die Bewohner die Mietkosten stabil zu halten bzw. die „zweite Miete“ zu senken. So wurde etwa ein 80 Jahre altes Gebäude in Hann. Münden-Hermannshagen nach Plänen von Karl Emde vom Ingenieurbüros InnovaTec aus Niedernjesa energetisch komplett saniert: Das Haus wurde gedämmt, Isolierfenster eingebaut und die alten Gasthermen durch eine Zentralheizung auf Basis von Holzpellets ersetzt. Auf dem Dach des Gebäudes fand eine Solarthermieanlage Platz, die aus Sonnenenergie allein 15 Prozent des Energiebedarfes gewinnt – das reicht für die Warmwasserversorgung im Sommer. Den Rest liefert die Holzpelletsheizung. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Nach Angaben von Jörg Wieland sparen die Mieter nun zwischen 30 und 40 Prozent an Heizkosten.

Besonders das Produzierende Gewerbe leidet unter gestiegenen Energiekosten – in einigen energieintensiven Betrieben machen Strom oder Wärme sogar einen wesentlichenTeil der Produktionskosten aus. Aber auch andere Betriebe haben erkannt, dass Energie eine wichtige Schraube ist, an der man – zum Wohle von Umwelt und Geldbeutel – drehen kann.

„Auch wenn der Rohölpreis jetzt gesunken ist: Die meisten Unternehmen gehen davon aus, dass die Preise bald wieder deutlich steigen werden“, sagt Alexander Witthohn von der IHK in Hannover. Zwar sei der Anteil der Betriebe, die gezielt und aktiv am Energiekostenmanagement arbeiten würden, bislang noch gering – jedoch mit steigender Tendenz in den vergangenen beiden Jahren.

Witthohn sieht sich für die IHK-Mitgliedsbetriebe in Sachen Energie vor allem als Vermittler. „Das Unternehmen sagt, wo der Schuh drückt, und wir versuchen, kompetente Ansprechpartner zu finden.“ Wer kann die Wärmedämmpotenziale an den veralteten Fertigungshallen untersuchen, wer installiert eine Solarstromanlage, und wie ist eine Umstellung auf den Wärmeträger Holz zu organisieren? Bei der Recherche hilft übrigens auch die kostenlose IHK-Umweltfirmendatenbank www.umfis.de.

Betriebe, die sich entschließen, aktiv Energie einsparen zu wollen, können mit Unterstützung rechnen. Die KfW-Bankengruppe hat einen Sonderfonds „Energieeffizienz in mittleren und kleinen Unternehmen“ aufgelegt, aus dem beispielsweise die energetische Bestandsaufnahme und Erstberatung durch einen Energieberater bezuschusst werden. Derzeit nutzen rund 50 Mitgliedsunternehmen der IHK Hannover diesen Sonderfonds. Etliche von ihnen auch aus Südniedersachsen – etwa Börner-Eisenacher oder Michel Verpackung aus Göttingen, Kurth-Holz aus Seeburg, Dr. Demuth aus Northeim und Hahnemühle aus Dassel.

Die Energiekosten in den Griff bekommen – dabei soll auch ein Workshop der IHK am 24. April in Hannover helfen, der gemeinsam mit Energieexperten ausgerichtet wird. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem Wärmecontracting, das „Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz“, das seit Jahresbeginn für Neubauten alternative Energien vorschreibt, sowie Praxisbeispiele für den Einsatz von Biomasse, Erdwärme, Solarthermie und Erdgas-BHKW in den Betrieben.