„…sie machen Strom aus Kacke“

Eckhardt Fangmeier und das Bioenergiedorf Jühnde
Text von: redaktion

Erfolgreicher Dauerbetrieb – jetzt will Jühnde Chancen der Flexibilisierung nutzen. Ein Rückblick auf zehn erfolgreiche Jahre Bioenergiedorf Jühnde.

„…sie machen Strom aus Kacke“

Zehn Jahre erfolgreicher Dauerbetrieb – jetzt will Jühnde Chancen der Flexibilisierung nutzen. 

Text & Fotografie: Christian Mühlhausen

Ein Griff an den Türknopf, den Schlüssel herumgedreht, drücken, eintreten – wie viele Male Eckhard Fangmeier in den vergangenen Jahren schon die Metallpforte zur Bionergieanlage in Jühn­de aufgedrückt hat, vermag er nicht zu sagen. Seit zehn Jahren produziert die Anlage, betrieben von einer dorfeigenen Genossenschaft, unentwegt sauberen Ökostrom und versorgt die Jühnder Bürger mit Nahwärme. Die damals frisch gepflanzten Büsche und Sträucher rund um das Gelände am Jühnder Koppelweg sind mittlerweile zu einem kleinen Wäldchen herangewachsen.

Mit raschen Schritten geht Fangmeier übers Gelände. Wie fast kein anderer kennt er hier jeden Winkel, kennt die Entstehung, die Technik, die Zusammenhänge dieses Pilotprojektes, das bundes- und sogar weltweit das Interesse auf sich zog und wie wohl kein anderes für eine gelungene ,Energiewende von unten und vor Ort‘ steht. „Das Bio­energiedorf Jühnde, das begeistert mich, das ist auch ein Stück weit mein Baby“, sagt Fangmeier, der hauptberuflich beim Göttinger Unternehmen Mahr für das Qualitäts- und Energiemanagement verantwortlich ist, mit einem spitzbübischem Lächeln und einem Funkeln in seinen Augen. Dieses Funkeln, es lässt nicht nach, während der 56-Jährige voranschreitet und erläutert, was in den nächsten Wochen und Monaten hier entstehen wird. Motivation und Begeisterung pur.

„Das Bio­energiedorf Jühnde, das begeistert mich, das ist auch ein Stück weit mein Baby“

Motivieren und begeistern können, ohne dabei den Realitätssinn und die Bodenhaftung zu verlieren – vielleicht ist das eine der wichtigsten Eigenschaften, die Fangmeier mitbringt. Ein Mann der ersten Stunde im Bioenergiedorf Jühnde. Mit Ausdauer, einer hohen Leistungsbereitschaft, dem Rückhalt der Familie, Ruhe, dem Mut zur absoluten Transparenz, natürlich der nötigen Portion technischen Fachwissens – Fangmeier ist studierter Physiker – sowie der Gabe, Menschen zuhören zu können, ihre Probleme ernst zu nehmen und Lösungen zu finden, verfügt er offenbar über die ideale Mischung. Die Mischung, um ein eigentlich unmögliches Projekt mit Vorbildcharakter auf die Beine zu stellen und dieses anschließend kontinuierlich weiterzuentwickeln. „Die Jühnder haben eine Macke – sie machen Strom aus Kacke“, spottete man damals noch auf einem Festwagen beim Kirmesumzug.

Heute sind alle Jühnder froh, dass die Extremente von Rind und Schwein, kombiniert mit Mais und geschredderten Getreidepflanzen, ihnen warme Stuben und einen niedrigen Wärmepreis bescheren. Jühnde geht vom Netz – so kündigte Anne Will im September 2005 in den Tagesthemen einen Beitrag übers Bioenergiedorf Jühnde an – dem ersten Bioenergiedorf in Deutschland, das sich als Bioenergiegenossenschaft autark mit Strom und Wärme aus Biogas und Holzhackschnitzeln versorgen konnte. Ein fünf Kilometer langes Nahwärmenetz transportiert die Wärme in die Haushalte, der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist.

Seitdem ist viel passiert, erklärt Fangmeier: Rund 35.000 Besucher aus Deutschland, Europa, Korea, Japan, den USA, Südafrika, aus aller Welt kamen seither nach Jühnde, um sich darüber zu informieren, wie die Energiewende vor Ort gelingen kann. Ein eigener Wirtschaftszweig – die Bioenergiedorf-Gäs­teführer – ist daraus entstanden, und inspiriert vom Erfolgsmodell Jühnde schickten sich viele Besucher an, ebenfalls Bioenergiedörfer auf den Weg zu bringen. Mit Erfolg. Wie viele Projekte es weltweit gibt, ist unbekannt – in Deutschland aber sind allein rund 160 Bioenergiedörfer entstanden – über 110 bereits umgesetzt, manche noch in Planung. Anlässlich der Tagung „Zehn Jahre Bioenergiedörfer“, die kürzlich in Jühnde stattfand, ehrte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel stellvertretend einige der Gründungsaktivisten und bescheinigte dem Dorf: „Das, was in Jühn­de passiert ist, ist etwas ganz Besonderes.“ Und Festredner Hans-Josef Fell machte deutlich, was Jühnde so eindrucksvoll präsentiert: Die erneuerbaren Energien hätten zu einer Demokratisierung der Energieversorgung geführt.

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