Energie im Fluss

©Kurt Arrigo
Text von: Stefan Liebig

Seit Anbeginn der Zeit nutzt der Mensch die Kraft des Wassers. Die Möglichkeiten, wie die Energie- und Wasserwirtschaft heute davon profitieren kann, sind vielfältig und im stetigen Wandel.

 

Ohne Wasser kann der Mensch nicht leben. Seit Beginn der Siedlungsgeschichte suchen die Menschen die Nähe von Flüssen und Seen. Mit ihrer fortschreitenden Entwicklung lernen sie, die Kraft des Wassers für ihre Zwecke einzusetzen und dadurch Arbeitskraft einzusparen. Die ersten Belege für den Einsatz von Wasserkraft stammen bereits aus dem Jahre 3.000 vor Christus. Etwa eineinhalb Jahrtausende später machen sich fortschrittliche Kulturen an Nil, Euphrat, Tigris und Indus die Wasserkraft zunutze, indem sie Wasserschöpfräder zur Bewässerung ihrer Felder erfinden.

Die fortschrittlichen Römer und Griechen perfektionierten diese frühzeitlichen Technologien.

So wird die aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammende Archimedische Schraube – auch Schneckenpumpe genannt – noch heute in einigen Ländern als Förderanlage zur Be- und Entwässerung eingesetzt. Auch erste Mahlmühlen setzen die Römer bereits ein. Doch es dauert einige Jahrhunderte, bis sich diese neue Technik verbreitet. Eine erste Wassermühle in Deutschland ist für das 6. Jahrhundert nach Christus in einer alemannischen Siedlung bei Lauchheim nachgewiesen. Zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert breitet sich diese neue Form der Wasserkraftnutzung von Frankreich über Mitteleuropa rasant aus.

In der Ahnenreihe der technischen Innovationen besetzt auch Niedersachsen einen prominenten Platz. Der Oberharzer Bergbau liegt nach der schlimmen Pestepidemie von 1348 viele Jahre brach und nimmt erst im 16. Jahrhundert wieder an Fahrt auf – nicht ohne die technischen Neuerungen einzusetzen. Was dort mit einigen Wasserrädern beginnt, wächst bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf über 190 Wasserräder an. Schließlich folgt um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Einführung von Wasserturbinen zur Stromgewinnung für die neu aufkommende Elektrizität.

Zu den ältesten Wasserenergieerzeugern Niedersachsens gehören das an der Aller gelegene Kraftwerk von Hambühren und das Weserkraftwerk von Dörverden, die 1911 bzw. 1914 mit der Stromproduktion begannen. Inzwischen zählt allein Niedersachsen elf Wasserkraftwerke an Weser, Innerste, Oker, Söse und Aller.

An der Aller entsteht seit vergangenem Oktober eines der modernsten Projekte im Wasserkraftbereich.

Gemeinsam errichten die Salzgitter AG und die TU Braunschweig eine hochmoderne Forschungswasserkraftanlage bei Bannetze/ Hornbostel im Landkreis Celle. Das 11 Millionen Euro umfassende und vom Bund und vom Land Niedersachsen zu 50 Prozent geförderte Projekt soll den Nachweis der technischen Machbarkeit einer weltweit einzigartigen Wasserkrafttechnologie liefern. Bisher technisch und wirtschaftlich nicht nutzbare Wasserkraftpotenziale im Bereich der niederen Fallhöhen und großen Durchflussmengen sollen erschlossen werden.

Ziel ist die technische Umsetzung von universitärer Forschung zum Industriemaßstab. Gelingt dies, lässt sich langfristig eine CO2-freie Schlüsseltechnologie mit netzstabilisierender Funktion im Bereich der erneuerbaren Energien in Deutschland einführen. Die erwartete Jahresstromproduktion der Forschungswasserkraftanlage beläuft sich auf zweieinhalb Millionen Kilowattstunden. Damit könnten 1.000 Drei-Personen-Haushalte im Umland ganzjährig mit grünem Strom versorgt und so rund 2.500 Tonnen CO2 pro Jahr gegenüber Kohlestrom eingespart werden.

Also alles bestens an der Aller?

Sind die Weichen für eine nachhaltige Stromproduktion gestellt? Leider nicht ganz, denn der NABU bezweifelt, dass – wie es im Projektbericht heißt – die „ökologischen Randbedingungen, wie sie in dem Naturschutzgebiet Hornbosteler Hutweide gegeben sind, sowie die Fischdurchgängigkeit besondere Berücksichtigung“ finden. NABU-Pressereferent Rüdiger Wohlers bestätigt zwar, dass vor Baubeginn intensiv an der Umweltverträglichkeit des Riesenwasserrades gearbeitet wurde und dass dadurch viele negative Begleiterscheinungen minimiert wurden, aber Zweifel äußert er dennoch: „Wasserkraft ist im Vergleich zu anderen Energiegewinnungsformen wie Atom- oder Kohlekraft viel umweltschonender. Bei der Wasserkraftnutzung besteht jedoch ein erheblicher Zielkonflikt zwischen dem klimaverträglichen Ausbau der erneuerbaren Energiequelle und der Erhaltung naturnaher Gewässer.“

Er fordert die Aufstellung von Richtlinien zur Lösung dieses Zielkonfliktes zwischen „sachgerechter Entwicklung der Wasserkraftnutzung und berechtigten Interessen des Naturschutzes“.

Dieses Beispiel zeigt das Spannungsfeld, in dem Energieentwicklungen in der heutigen Zeit stehen. Probleme, die bei den Entwicklungen vor Tausenden von Jahren keine Rolle spielten, bestimmen und verzögern heute viele Projekte – führen häufig aber auch zu nachhaltigen Verbesserungen. Industrie, Politik, Forschung und Naturschutz müssen bei Innovationen einen gangbaren, zukunftsfähigen Kompromiss finden. Miteinander zu sprechen ist dabei sicher das Wichtigste. So lebt es zum Beispiel der Oldenburger Energiecluster OLEC e.V. (www.energiecluster.de) vor. Im November findet die OLEC-Jahrestagung unter dem Motto ,Crossing Sectors – Energie- und Wasserwirtschaft intelligent verknüpfen‘ statt.

Auf der Tagesordnung stehen zukunftsgerichtete Themen wie die Zusammenhänge von Wasserqualität und -menge und die verschiedenen Arten der Energieerzeugung wie etwa Fracking, Bioenergie oder Atomenergie. Klimawandel, die Zukunft der Wasser- und Abwasserentsorgung, Verunreinigungen von Wasser und die Entnahme für die Kühlanlagen sind weitere heiß diskutierte Konfliktpunkte. Alles in allem wird es also eine Netzwerkveranstaltung, die für die technologische Weiterentwicklung Niedersachsens in Sachen Wasserversorgung und Wasserenergiegewinnung Grundsteine legen soll.