Energie aus der Natur

Text von: Redaktion

Die energetische Zukunft hat hier bereits begonnen: Aus einer klassischen Ackerbauregion ist die „Bioenergieregion Südniedersachsen“ entstanden.

Rekordhitze im April, Frühjahrsdürre, kein Schnee imHarz: Kaum ein Thema ging in den vergangenen Monaten so sehr durch die Medien wie der Klimawandel.

Eine wichtige Ursache für die klimatischen Veränderungen ist nach Ansicht vieler Wissenschaftler der Verbrauch an Erdöl und Erdgas, mit dem vor Jahrmillionen gespeichertes Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen wird. Nicht erst seitdem der UNKlimabericht die zu erwartenden Auswirkungen aufgezeigt hat, bemüht sich die Politik um Abhilfe, will weg von Öl und Gas – und stattdessen die erneuerbaren Energien kräftig ausbauen. Und die ist mittlerweile ihren Kinderschuhen entwachsen. Statt ideologisch geprägter Weltverbesserer basteln heute Konzerne an Technologien zur Energieversorgung der Zukunft. Dabei hat sich Deutschland längst zum technischen Weltmarktführer entwickelt: Windkraftanlagen aus Norddeutschland, Wechselrichter von SMA aus Kassel und Photovoltaikkomponenten aus den neuen Bundesländern sind beliebt in aller Welt und treiben den deutschen Exportmotor an. Doch es bleibt beileibe nicht bei der Entwicklung und beim Bau der Anlagen. Deutschland fördert massiv auch den Einsatz der Technik. Besonders das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das den Betreibern von Solar-, Windkraft-, Wasserkraft- und Biogasanlagen auf 20 Jahre garantierte Stromeinspeiseerlöse zusichert, katapultierte die ganze Branche nach vorn. So geographisch verschieden Deutschland ist, so unterschiedlich ist dabei auch die eingesetzte Technik: Im stürmischen Norddeutschland prägen Windräder die Landschaft, das sonnenreiche Süddeutschland setzt auf Solarenergie, und im Osten entstehen Anlagen zur Produktion von Bio-Treibstoff.

Und in Südniedersachsen? Gewiss, auch hier drehen sich einige kleinere Windräder, auch hier sammeln Solaranlagen auf Dächern das Son enlicht ein, um daraus Strom zu produzieren oder

Wärme zu gewinnen. Und nahe Hann. Münden setzt man an Werra und Fulda auf Wasserkraft. Doch in diesen bestehenden Anlagen wird nur ein Bruchteil der in der Region benötigten Energie

gewonnen.Und doch hat in Südniedersachsen die energetische Zukunft längst begonnen: Die Region setzt auf Bioenergie – also Energie, die aus Pflanzen gewonnen wird. Besonders auffällig, dass die Region mit ihrem universitären Umfeld dabei häufig Neuland betritt, etwa mit der weltweit ersten güllefreien Biogasanlage in Obernjesa oder dem Bioenergiedorf in Jühnde, das sich als erster Ort in Deutschland selbständig mit Strom und Wärme versorgt und dadurch weltweit bekannt wurde. Bei Förste (Osterode) plant ein Finanzinvestor eines der weltweit größten Biogasprojekte mit einem Investitionsvolumen von bis zu 50 Millionen Euro. Auch auf dem Versuchsgut der Uni Göttingen in Relliehausen wurde eine Biogasanlage gebaut. Und Hillerse (bei Northeim) will seine Wärmeversorgung auf Stroh umstellen. Die „Bioenergieoffensive Südniedersachsen“, ausgestattet mit 250.000 Euro unter anderem von der NBank, soll weitere Projekte in den

Landkreisen Northeim, Göttingen sowie Osterode begleiten und Netzwerke zwischen allen Beteiligten knüpfen. Fast keine Gemeinde zwischen Weser und Harz, zwischen hessischer

Landesgrenze und Solling, die nicht mit Stolz darauf verweisen kann, Bioenergie in irgendeiner Form zu nutzen. Die Beweggründe haben dabei nur selten etwas mit der Rettung des Weltklimas zu tun, sondern sind meist wirtschaftlicher Art. Denn längst sind nachwachsende Energieträger auch finanziell eine echte Alternative.

So haben schon vor Jahren viele Besitzer von Immobilien im ländlichen Raum den Brennstoff Holz wiederentdeckt: Brennholz erlebt seit Jahren einen Nachfrageboom. Wie selbstverständlich ziehen heute auch Häuslebauer das Holz mit in die Planung ihrer Energie- versorgung ein: Der Kachelofen findet dort ebenso seinen Platz wie die Zentralheizung, die mit Holzpellets befeuert wird. Größere Immobilien wie Bauernhöfe, Gärtnereien, aber auch Schulen werden mit so genannten Hackschnitzeln (klein gehackte Baumstämme und Äste) vollautomatisch und kostengünstig befeuert. Hackschnitzel-Heizanlagen laufen etwa im Hann. Mündener Grotefend-Gymnasium, in der Berufsschule Northeim und auf dem Rittergut Besenhausen.

Die Bioenergie bietet zudem Unternehmen die Chance, ihre Energieversorgung auf kalkulierbare Füße zu stellen. Darauf hat sich etwa die Hans-Jürgen Helbig GmbH aus Nörten-Hardenberg

spezialisiert, die ihr Geschäft vor 25 Jahren mit dem Vertrieb von Absaug- und Filteranlagen für die Industrie begann. Seit 1999 entwickelt, plant und vertreibt das Unternehmen auch Biomasse-Feuerungen und hat mittlerweile in ganz Deutschland 1 850 Anlagen nicht nur für Einfamilienhäuser gebaut, sondern auch für Firmen, Schulen und Krankenhäuser – bis hin zu ganzen Gewerbeparks.

„Versorgungssicherheit und kalkulierbare Energiekosten ist für viele Betriebe ein großes Thema. Wir haben derzeit eine besonders große Nachfrage aus der Landwirtschaft und aus dem energieintensiven Gewerbe und Dienstleistungssektor“, sagt Vertriebsleiter Nils Helbig. Auch in der Region gibt es etliche Kunden: Eine Seniorenpflegeeinrichtung in Rhumspringe stattete das Unternehmen etwa mit einer Pelletheizung aus, bei einem Göttinger Abbruchunternehmen wurde auf Hackschnitzel umgestellt. Die Investition in eine Holzheizanlage sei zwar deutlich teurer – so muss bei einer klassischen 90 Kilowatt-Holzheizanlage mit 15.000 Euro Mehrkosten gerechnet werden –, mache sich aber über den preiswerten Energieträger Holz nach wenigen Jahren bezahlt.

Dabei muss es nicht immer Holz sein, das für die Energieversorgung zum Einsatz kommt – auch Biogas bietet Potenzial. In Duderstadt wird derzeit ein Projekt für die künftige Versorgung des

Otto-Bock-Areals realisiert, das im weiten Umkreis seinesgleichen sucht: 14 Landwirte bauen dort mit den Unternehmen Maschinenring Kommunalservice und Otto Bock HealthCare gemeinsam eine Biogasanlage, die pro Stunde 500 Kilowatt Strom produziert. Das Besondere im Gegensatz zu den meisten anderen Biogasanlagen: In Duderstadt soll nicht nur der Strom verkauft, sondern auch die Wärme vollständig genutzt werden. Otto Bock braucht die Wärme für die Produktionsanlage ganzjährig: im Winter zum Heizen, im Sommer wird sie technisch umgewandelt und wirkt dann als Kühlung. Im Mittelpunkt der Überlegungen von Otto Bock stand dabei, bei insgesamt steigenden Energiepreisen die Kosten für Energie langfristig planen zu können. „Sollten sich die Strompreise entsprechend entwickeln, könnten wir zum Beispiel den Strom aus dem Biogas direkt nutzen, statt ihn einzuspeisen“, sagt Harry Wertz, Finanz-Chef der Otto-Bock-Firmengruppe. Das Blockheizkraftwerk, in dem das Biogas verbrannt wird, ist bereits vorhanden und arbeitet mit Erdgas. Durch die Um-stellung der Energieversorgung auf Biogas werden nach Firmenangaben pro Jahr 4 000 Tonnen weniger Kohlendioxid freigesetzt. Beim Bau der Anlage wird auf Zukunftsfähigkeit gesetzt: Sie ist dafür ausgelegt, dass sie später erweitert und beispielsweise künftig das nahe gelegene Gelände der Bundespolizei mit beheizen könnte. Das Unternehmen Otto Bock ist in Sachen erneuerbare Energien übrigens ein alter Hase: Seit 30 Jahren verrichtet ein Heizwerk seinen Dienst, das mit dem Ökobrennstoff Holz betrieben wird. Jährlich wird aus 2 500 Tonnen Holz – unter anderem unbehandelte Resthölzer aus der Produktion – Wärme gewonnen.

Ob bei Otto Bock oder anderen Projekten: Landwirte, die auf ihren Äckern die Pflanzen für die Biogasanlagen anbauen, profitieren von der Bioenergie. Ein Projekt wie in Duderstadt, bei dem Landwirte Mitbetreiber der Anlage sind, freut Achim Hübner, Geschäftsführer des Göttinger Bauernverbandes Landvolk, besonders: „Die Bedeutung der Bioenergieproduktion nimmt in unserer Region zu und entwickelt sich zu einem weiteren Standbein der Betriebe. Wichtig ist aber, dass die Landwirte mit in die Wertschöpfungskette einsteigen und die Biogasanlagen mit betreiben, anstatt nur Rohstofflieferanten zu sein.“ Dass demnächst aus allen Bauern Energiewirte werden, glaubt Hübner indes nicht: „Wir sind eine klassische Ackerbauregion, in der wir vor allem hochwertige Lebensmittel produzieren – der weitere Ausbau der tierischen Veredelung eröffnet uns zusätzliche Chancen. Der Marktpreis wird bestimmen, was künftig hier angebaut wird. Letztendlich produzieren wir aber immer Energie – als Nahrungsmittel, als Viehfutter oder als Energie für Motoren.“

Jahrelang von der Gesellschaft eher nur am Rande wahrgenommen, entwickelt sich die Landwirtschaft zur Schlüsselbranche, wenn es um das Thema Energie geht. Das bekommt auch der Landkreis Göttingen zu spüren, der acht neue Bioenergiedörfer nach dem Vorbild Jühndes mit Machbarkeitsstudien auf ihrem Weg unterstützen will. Die ausgewählten Dörfer stehen fest, in den Orten engagieren sich Bürger und gründen Gesellschaften, tüfteln an Leitungsnetzen und leisten an jeder Haustür Überzeugungsarbeit. „Da ist mit einem enormen Pensum unglaublich viel gearbeitet worden“, sagt Hartmut Berndt vom Regionalmanagement des Landkreises Göttingen. Allein der Zeitpunkt der Aktivität ist ungünstig, fällt er doch gerade in eine Zeit, in der die Agrarmärkte brummen: Durch steigende Getreidepreise und insgesamt gute Branchenaussichten zieren sich nunmehr viele Landwirte der Region, sich vertraglich über mehrere Jahre und zu festgelegten Preisen zu verpflichten, Biomasse für die geplanten Anlagen zu liefern. „Wir müssen aufpassen, dass nicht der Eindruck entsteht: Erdöl ist versorgungssicherer als Biomasse“, so Berndt.

Ähnliche Rahmenbedingungen betreffen auch ein weiteres Vorhaben: Im Gewerbepark Hardegsen plant der Energieversorger E.ON-Mitte, in einem Pilotprojekt erzeugtes Biogas von Kohlendioxid, Kondensat und Schwefel zu reinigen, zu verdichten und ins Erdgasnetz einzuspeisen. Landwirte aus der Region sollen die 2,5 Megawatt-Biogasanlage bauen, betreiben und die jährlich benötigte Biomasse – etwa 60 000 Tonnen, die auf knapp 1 000 Hektar angebaut werden sollen – produzieren. Auch hier ziehen sich die Verhandlungen wegen der derzeit guten Getreidepreise in die Länge. Dass das 10-Millionen-Euro-Projekt dennoch etwas wird, dessen ist sich Norbert Nordmeyer, Leiter „Energieprojekte“ bei E.ON, sicher: „Wir sind da optimistisch, weil wir mit den Landwirten, dem Maschinenring und dem Landvolk alle beteiligten Partner mit an einem Tisch sitzen haben. Und wir glauben, dass die Landwirte die Chance nutzen und sich nicht nur auf das risikoreiche Getreidegeschäft, sondern auch auf den verlässlichen Energiepflanzenanbau setzen. Das ist wie mit Aktien und Rentenfonds.“ Wenn alles klappt, soll der Betrieb 2008 anlaufen. Wenn nicht, müsse man sich über Plan B – einen anderen Standort – Gedanken machen. Denn eine einmalige Angelegenheit soll Hardegsen für E.ON nicht bleiben: „Wir sehen das als ein interessantes Geschäftsfeld und möchten mittelfristig weitere Projekte in diesem Bereich realisieren.“