©Dorothea Heise
Text von: redaktion

Das Junge Theater ist in Göttingen dafür bekannt, auch mal andere Wege zu gehen und experimentierfreudig zu sein. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Ensemble sich schnell auf die neue Situation einstellte – was ihnen mit Bettpfannenapplaus gedankt wurde.

Die Italiener haben es vorgemacht und die Herzen der Menschen weit über die Landesgrenzen hinaus berührt: Alte und Junge, Kinder und Greise in Quarantäne öffnen ihre Fenster und singen – von einem Balkon zum nächsten wird der Ton weitergereicht. Musiker geben Konzerte von ihrem Zuhause hinaus auf die leeren Straßen der Städte. Musik und Kunst, so kann man es überall auf der Welt sehen, verbinden die Menschen in dieser schweren Zeit und geben ihnen Hoffnung – oder lassen sie zumindest für einen Moment vergessen, was sie gerade am meisten belastet.

Von der Idee der Fensterkonzerte begeistert, beschloss das Junge Theater in Göttingen, einfach den Spieß umzudrehen. „Wir wollten natürlich weiter spielen, aber die Frage war: Wenn wir Theater machen – für wen machen wir das denn?“, sagt Nico Dietrich, Intendant des Jungen Theaters. Die Antwort fand das Ensemble schnell. Es wollte für diejenigen spielen, die von den Einschränkungen der Corona-Krise am schlimmsten betroffen waren: für Senioren, für kranke Menschen und für die Pflegekräfte in den Krankenhäusern und Pflegeheimen. Durch seine Vorstellungen auf der Freilichtbühne Bremke hatte das JT bereits in den Jahren zuvor Erfahrungen gesammelt, wie es sich unter freiem Himmel spielt – und führte daher routiniert Passagen aus seiner Musikshow ‚Wild Thing‘ vor den Fenstern der UMG, des GDA und anderer Pflegeeinrichtungen in der Region auf. „Wir bekamen Bettpfannenapplaus, und das Krankenhauspersonal hat handbemalte Banner aus Bettlaken aus den Fenstern gehängt. – Das war so berührend, das vergisst man nicht“, erzählt Dietrich.

Große Freilichtbühnen bespielten die Schauspieler auch beim Autokino am Schützenplatz und am Kaufpark. Doch so schön es ist, weiterhin spielen zu können – es ist nicht dasselbe wie ein gut gefüllter Theatersaal. Das Publikum sitzt hinter Autoscheiben, und die Schauspieler halten Abstandsregelungen ein. „Wir mussten die Stücke völlig neu inszenieren. Alle Berührungen fallen weg, und auch Knutschen geht nicht mehr“, sagt der Intendant mit wiederum viel Bewegung in seiner Stimme. „Emotionen, Wut, Liebe, Leidenschaft – das muss alles auf Distanz stattfinden.“ Und das ist vermutlich die größte Herausforderung, der sich die Schauspieler auf der Bühne stellen müssen.

Dennoch ist das JT mit seinen Aktivitäten eine wahre Mutmachergeschichte. Als städtisch geförderte Kultureinrichtung beschäftigt das JT neben fest angestellten Schauspielern auch 15 Soloselbstständige. „Wir wollten eben diesen Künstlern Mut machen und haben keinen der Verträge für diese Spielzeit aufgelöst, sondern ein fiktives Benefizkonzert veranstaltet“, sagt Dietrich. Viele Bürger der Stadt haben dabei für ‚ihr‘ JT gespendet, sodass die Soloselbstständigen 60 Prozent ihrer Gage bezahlt bekamen.

Auch für die kommende Spielzeit werden bereits Pläne geschmiedet, es anders zu machen. „Flexibel zu denken, das sind wir gewohnt“, sagt der 40-Jährige und erzählt voll Begeisterung von geplanten ‚coronafreundlichen‘ Premieren auf dem Hof des JT: Dann wird das Publikum vom Wall aus auf die Fenster des neuen Domizils blicken, und ähnlich der Muppet-Show erscheinen die Schauspieler an den Fenstern des Hauses. Ein spannender Perspektivwechsel, den es unter anderen Umständen vielleicht nie gegeben hätte.

Mutmachertipp von Nico Dietrich
» Man sollte diese besondere Zeit nutzen, wach bleiben und aufmerksam immer wieder nach rechts und links schauen. Jeder kann jetzt Dinge tun, die er vielleicht lange nicht getan hat. Wie wäre es, mal wieder das eigene Telefon herauszuholen und Freunde anzurufen, von denen man lange nichts gehört hat, oder in der Nachbarschaft zu helfen? «