Einzigartige Verknüpfung

© Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

faktor nahm Einblick in die Entstehung einer ganz besonderen Ausstellung, die wissenswerte 'Dinge' aus den Universitätssammlungen zeigt.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema 275 Jahre Georgia Augusta aus unseren Ausgaben 2012.

Die ehrwürdige Paulinerkirche erlebt im Alter von über 700 Jahren hektische Zeiten. 275 Jahre Georgia Augusta, das in diesem Jahr gefeierte Uni-Jubiläum, stellen für die Kirche nicht einmal die Hälfte ihrer eigenen ‚Lebenszeit‘ dar. Und doch – oder gerade deshalb – bietet sie den Schauplatz für die außergewöhnliche Ausstellung ‚Dinge des Wissens‘, die hier bis zum 7. Oktober zu sehen ist. Goldenes Pedellszepter aus dem Universitätsarchiv und Gauß‘ frühes Telegrafenalphabet sind hier geschickt mit lebenden Feuerkäfern aus Australien sowie einer Pedalharfe aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts vereint und fügen sich mit Exponaten aus der Cook-Forster-Sammlung oder einem neuen Projekt, für das Affenstimmen gesammelt werden, geschickt zusammen.

Anlass ist das Jubiläum, das für Göttingen besondere Bedeutung hat. Die Universität prägt das Stadtbild, macht die Leinestadt weltweit bekannt und lockt viele Menschen hierher. Wissenschaftler und Bürger begegnen sich in der historischen Altstadt, in den Parks und auf Veranstaltungen.

„Wir möchten die Menschen ansprechen.“

Auch die Ausstellung ‚Dinge des Wissens‘ soll die Verbindung zwischen universitärem und außeruniversitärem Leben vertiefen. „Sie soll ein Gesprächsthema in der Stadt sein, wir möchten möglichst viele Leute erreichen“, erklärt die für die Gesamtkonzeption Verantwortliche, Susanne Ude-Koeller. Die Kuratorin verdeutlicht, wie dieses Ziel in der Präsentation umgesetzt ist: Eine Zeitachse, beginnend mit der Gründung des Academischen Museums 1773 und endend mit dessen Auflösung 1840, läuft durch das Mittelschiff in Richtung eines imposanten Kirchenfensters.

Den freien Blick auf die Stadt Göttingen reichert eine Tafel mit skizziertem Stadtplan an, auf dem die Standorte aller Universitätssammlungen verzeichnet sind – und auch das Zukunftsprojekt ‚Wissenshaus‘. Eine interessante Idee und einprägender Eindruck, der dieser Jubiläumsausstellung nach einem nur einjährigen Konzeptionsprozess ihren Charakter verleiht.

„Es sind nicht einfach nur Vitrinen“

Die Art der Präsentation stellt für Ude-Koeller keine Selbstverständlichkeit dar: „Wir bieten keine Ausstellung der Universitätsgeschichte, wir zeigen den Leuten vielmehr, wie und woran in den einzelnen Fachbereichen gelehrt und geforscht wird.“ Möglich macht dies eine Zusammenarbeit der 30 universitären Sammlungsbetreuer, der sogenannten Kustoden. Sie beaufsichtigen die Fachbereichssammlungen, in denen Forschungs- und Lehrobjekte einer Wissenschaftsdisziplin aufbewahrt werden. Einige Fachbereiche boten bereits regelmäßige Einblicke in ihre Sammlungen. Vor zwei Jahren bildete sich schließlich ein Arbeitskreis zur Vernetzung. Das Ziel war eine Öffnung der Wissenschaftssammlungen für die Bevölkerung. Ude-Koeller gehörte ihm ebenfalls an: Sie betreute als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Ethik und Geschichte der Medizin die dortige Sammlung.

Die an der Universität neu eingerichtete Stelle zur Planung der Jubiläumsausstellung bedeutete einen „Wink des Schicksals“. Als Kuratorin und Projektleiterin startete sie in „ein sehr aufregendes Jahr“. Mit Unterstützung des Arbeitskreises und der Universitätsleitung begann sie die Ausstellung zu konzipieren. Eine Mammutaufgabe, die allein nicht zu bewältigen war. So bekam sie Unterstützung durch Projektassistentin Gabriele Weis und die Wissenschaftliche Volontärin Karin Gille-Linne. Das Dreierteam erstellte in viel- schichtiger Kleinstarbeit gemeinsam mit den 30 Kustoden das Konzept. Auch die Auswahl für die Exponate wurde gemeinsam mit ihnen getroffen. „Eine solche Vielfalt wäre anders gar nicht planbar gewesen“, blickt Gille-Linne begeistert auf die Exponate aus der musikalischen, geologischen, medizinischen und mathematischen Sammlung – um nur einige der 30 zu nennen.

Internationales Renomee für Göttingen

Jedoch erkannten die Macher schnell, dass die interessanten Sammlungsbestandteile und der sakrale Charakter der Paulinerkirche nicht automatisch zu einem überzeugenden Gestaltungskonzept führen. Sie engagierten die Stuttgarter Agentur SPACE4, die sich mit ihren Ausstellungen bereits ein internationales Renommee erarbeitet hat. Für ‚Dinge des Wissens‘ lautete der Auftrag an die Agentur, die Öffnung der Wissenschaft in Richtung Gesamtbevölkerung umzusetzen. Ude-Koeller, Weis und Gille-Linne zeigen sich beeindruckt von der professionellen Umsetzung durch SPACE4.

Den Hauptunterschied zu einer Museumsausstellung sieht Ude-Koeller darin, dass es sich um Exponate handelt, die nach wie vor regelmäßig in der aktuellen Forschung und Lehre eingesetzt werden: „Vom Floh bis zur Giraffe ist alles vorhanden. Die Öffentlichkeit erhält einen Einblick, wie Lehre funktioniert und woran geforscht wird.“ Vier Mottos – Lehren, Forschen, Ordnen, Sammeln – in Neonleuchtschrift strukturieren entsprechend den Mittelteil und machen die jeweilige Bedeutung im Zusammenhang mit Wissenschaft und Exponaten deutlich. So etwa beim Sammeln von Stücken der Cook-Forster-Sammlung. „Es sind auch nicht einfach nur Vitrinen mit Ausstellungsstücken“, sagt Ude-Koeller und freut sich über die faszinierten Besucher. Die Glaskästen, die Mittel- und Seitenschiffe der Paulinerkirche trennen, stehen symbolisch für je eine Sammlung – das Gründungsjahr ist neben den Namen verzeichnet, die Exponate stehen für die Bedeutung und geben Einblick in den Entstehungszusammenhang. So zum Beispiel die 1775 ins Leben gerufene Blumbach’sche Schädelsammlung.

Blick hinter die Kulissen

Besonders fasziniert Volontärin Gille-Linne das vermittelte Wissen über die Hintergründe der Objekte. So ist beispielsweise viel über die Geschichte eines mathematischen Modells und dessen Entdecker oder den Einsatz von Messgeräten zu erfahren. Für den ‚Blick hinter die Kulissen‘ sind die Seitenschiffe reserviert. Hier gilt es die enge Verknüpfung zwischen Wissenschaft, Technik und Hand- werk zu erkunden: Wer sorgte eigentlich mit Versuchsaufbauten oder Gerätepflege für einen sicheren Einsatz? Präparatoren, Gipsgießer und Restauratoren, Gartenmeister, Mechaniker und Instrumentebauer sind es, die für den reibungslosen akademischen Bwtrieb sorgen. Ihre Namen lauten zum Beispiel Friedrich Apel und Moritz Meyerstein, bei ihnen lernten Florenz Sartorius und Rudolf Winkel (später Winkel Werke, heute Zeiss).Eine Kurzbalkenwaage von 1820 aus dem Physicalischen Cabinett lässt kaum erahnen, dass sie den Weg für die Firma Sartorius ebnete, heute Marktführer unter anderem für das Handling von Kleinstmengen und Ultrafiltrierung.

Diese Liebe zum Detail fand auch am 2. Juni bei der feierlichen Eröffnung in den ehrwürdigen Hallen der Innenstadtkirche Anerkennung, bei der die Einzigartigkeit unterstrichen wurde. Nur einmal gab es seit dem 19. Jahrhundert, als die Sammlungen nach der Auflösung des Academischen Museums auf die Fakultäten verteilt wurden, eine gemeinsame Ausstellung – bei der sich aber nur vier Fachbereiche präsentierten. ‚Dinge des Wissens‘ ist darum ein großer Schritt für die geplante Öffnung sowie die Vertiefung der Verbindung zwischen Wissenschaft und den Bürgern Göttingens.

Zudem wagt Ude-Koeller einen optimistischen Ausblick: Das von der Stadt vorangetriebene Wissenshaus könne den Menschen künftig dauerhaft Einblicke in das reichhaltige Wissenschaftsleben der traditionsreichen Universität ermöglichen. „Es wird die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Universität und Stadt aufzeigen“, heißt es auf der großen Tafel unter dem Kirchenfenster. Die Plexiglas-Miniatur ragt zumindest hier schon dreidimensional nach Göttingen hinein.

Hintergrund: Academisches Museum

Mit ‚Dinge des Wissens‘ erhalten die wissenschaftlichen Sammlungen der Universität zum zweiten Mal eine würdige Plattform. Bereits 1773 bot sich der Bevölkerung auf dem Gelände der Paulinerkirche die Möglichkeit, Einblicke in den Forschungsalltag zu erhalten. Christian Gottlob Heyne und sein Assistent Johann Friedrich Blumenbach riefen damals das ‚Academische Museum‘ ins Leben – außergewöhnlich und innovativ für die damalige Zeit gestaltet. Mit dem Tod Blumenbachs 1840 und der Ausdifferenzierung der Sammlungen im 19. Jahrhundert verlor das Museum seine zentrale Bedeutung, das Gebäude wurde abgerissen.

Hintergrund: Öffnungszeiten und Eintrittspreise

‚Dinge des Wissens‘ in der Paulinerkirche
Historisches Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
Papendiek 14, 37073 Göttingen
ÖFFNUNGSZEITEN
Dienstag bis Sonntag, 11 – 18 Uhr
EINTRITT
Tageskarte 3,50 Euro, ermäßigt 1,50 Euro Kinder bis zum 12. Lebensjahr frei
FÜHRUNGEN
Kostenlose Führungen jeden Samstag von 15 – 16 Uhr und jeden 1. und 3. Donnerstag, 17 – 18 Uhr, Führungen für Schulklassen und andere Sonderführungen nach Anmeldung unter Telefon 055139-10238 oder per E-Mail an dinge.des.wissens@ uni-goettingen.de