Einfache Künstler

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Text von: redaktion

Zur documenta 12 hat sich faktor ein Bild von den regionalen Künstlern gemacht und dabei zahlreiche Eigenheiten entdeckt.

Es ist das Jahr 1979, als ein junger Fotograf aus Berlin auf der griechischen Insel Naxos zum ersten Mal Hammer und Meißel an einen Marmorblock setzt. Heute zeugen zahlreiche Steinkunstwerke davon, dass dieser Besuch auf Naxos nicht ohne Folgen blieb: Aus dem Fotografen wurde ein Bildhauer. Sein Name ist Wolf Bröll. Rund zwölf Kilometer hinter Northeim, in Mandelbeck, lebt und arbeitet der Künstler. Straßennamen gibt es dort nicht, und selbst ein Ortsschild sucht man vergeblich. Trotzdem: Wer Wolf Bröll besuchen will, muss einfach nur im nächsten Ort nach ihm fragen. Die Antwort lautet: „Das ist das Haus am Waldrand, wo so große Steindinger davor stehen.“ Groß sind die „Steindinger“ in der Tat: Über vier Meter hohe Obelisken stehen in Brölls Vorgarten, der dem Künstler quasi als „Open-Air-Werkstatt“ dient. Und spätestens, wenn der Besucher den Bildhauer im blauen Overall bei der Arbeit sieht, wird auch klar, warum Bröll die Abgeschiedenheit bevorzugt: Bei den Unmengen an Lärm und Staub, die der 57-Jährige täglich verursacht, ist es ratsam, keine Nachbarn zu haben.

Gerade das Archaische sei es, was ihn an seiner Arbeit so sehr fasziniere, sagt Bröll. Gleichzeitig sei sie aber auch ein sinnlich-meditatives Erlebnis. Und genau diese Mischung aus Rohheit und Sinnlichkeit spiegelt sich in Brölls Werken wider.

Besonders die vom Künstler bevorzugten Steintorsi sind Arbeiten, in denen starke Kontraste stecken. Sie wirken unfertig: polierte Körperteile, die in einem noch unbehauenen Block stecken und Figuren, die von schroffem Stein bewachsen scheinen. Mit Absicht, wie der Bildhauer erklärt: „Durch die Abwesenheit von gestalteter Form bekommt das, was zu sehen ist, mehr Bedeutung.“ Er wolle mit den Torsi einen „Werden-und-Vergehen“- Prozess darstellen, Verletzlichkeit und Schmerz ausdrücken. Mit Spaß habe seine Arbeit deshalb nichts zu tun, sagt Bröll. „Kunst wird gemacht, weil man etwas zu sagen hat. Wir Künstler legen den Finger in die Wunde, damit wir das Leben und die Schmerzen aushalten können. Kunst versteht keinen Spaß. Sonst würde sie auch lächerlich wirken.“ Gerade das Archaische fasziniert ihn bei seiner Arbeit – Wolf Bröll in seinem Vorgarten in Mandelbeck. „Kunst wird gemacht, weil man etwas zu sagen hat. Wir Künstler legen den Finger in die Wunde, damit wir das Leben und die Schmerzen aushalten können. Kunst versteht keinen Spaß. Sonst würde sie auch lächerlich wirken.“

Sich mitteilen, den Finger in die Wunde legen – das will auch Ute Gruenwald. Seit 15 Jahren wohnt die Malerin in Sattenhausen. Im Keller ihres Holzhauses verbirgt sich ihr Atelier. Es ist ein Raum mit hohen Decken, denn die Bilder der zierlichen Frau sind riesig: Eine Höhe von drei und eine Breite von vier Metern sind bei ihren Ölgemälden keine Seltenheit. Gruenwald malt scheinbar gegenständlich. „Scheinbar“ deshalb, weil der unbedarfte Betrachter zunächst nur matschige Äcker oder einen Berg aus Rüben erkennt. Doch Gruenwald malt immer in Metaphern, wie sie sagt.

Es sind häufig negative Eindrücke, die die Künstlerin dabei verarbeitet. Begonnen hat sie damit in den USA, wo sie 22 Jahre lang lebte. Als Gruenwald nach Deutschland zurückkehrte, war es eine Rückkehr zu ihren Wurzeln. „Ich hätte in Amerika nicht alt werden wollen“, erzählt die Künstlerin. Aber es sei auch eine Rückkehr in eine ihr fremd gewordene Gesellschaft gewesen. Mit jeder Ausstellung muss Gruenwald deshalb erneut den Mut beweisen, sich dieser Gesellschaft zu stellen. „Man setzt sich als Künstler immer stark der Kritik anderer aus“, sagt sie, „man weiß nie, wie die Dinge, die man tut, ankommen und ob verstanden wird, was man sagen will.“ Trotzdem geht die 64-Jährige dieses Risiko immer wieder ein. Und manchmal wird solch eine Mutprobe belohnt: Für die Ausstellung „Rübenberg“ erhielt Gruenwald den Kulturpreis des Landkreises Göttingen. Künstlern wird im Allgemeinen immer auch eine gewisse Spleenigkeit nachgesagt.

Ob man das Fehlen von Alltagskrempel auch dazu zählen möchte, bleibt wohl jedem selbst überlassen. Ute Gruenwalds Wohnzimmer ist bis auf die Bilder an den Wänden und einer Bücherwand kahl. Und auch Sabine Schmitt lebt „sehr minimalistisch“, wie sie es ausdrückt. Zurzeit stellt die 50-Jährige filigrane Papier-Installationen in der Saline Luisenhall aus. Weiß ist dabei die vorherrschende Farbe – „eine momentane Phase“, gibt Schmitt zu. „Die Schlichtheit ist einfach mein Ding“, sagt die Künstlerin über sich und ihre Arbeit. Ganz und gar nicht „ihr Ding“ war dagegen das Jura-Studium in Göttingen. Bis zum Ersten Staatsexamen kam sie, dann entschloss sie sich, mit der Kunst Ernst zu machen. Mit wenig viel auszusagen lernte sie in Asien. „Die Japaner haben eine sehr minimalistische, ausgefeilte Kunst“, sagt sie, „gerade das Asketische daran hat mich immer sehr beeindruckt.“ Neben der Herstellung von Installationen malt Schmitt auch immer wieder abstrakt. Natürlich in weiß.

Mit der Farbe Weiß hat Gabriele Küstner dagegen gar nichts am Hut. Das wäre bei der Glaskünstlerin auch eher von Nachteil, denn gerade bunte Farben zeichnen ihre Arbeiten aus. Was die 49-Jährige allerdings mit Sabine Schmitt verbindet, ist das Jura-Studium. Nur, dass Küstner bereits nach dem ersten Semester merkte, dass sie mit undurchsichtigen Paragraphen viel weniger anfangen konnte als mit durchsichtigem Glas. Küstner beschloss, Glasschleiferin zu werden, knüpfte Kontakte in die USA und machte sich schließlich mit einem Atelier im Künstlerhaus Göttingen selbständig. Fast immer ertönen dort Hörbuch-Geschichten oder Jazzmusik aus dem CD-Player. Nur wenn die Schleifmaschine kreischt, muss die Kunsthandwerkerin darauf verzichten. Das Glaskunst-Handwerk scheint Küstner übrigens im Blut zu liegen: „Erst kürzlich habe ich erfahren, dass meine Vorfahren mütterlicherseits auf der italienischen Insel Murano Glaskunst hergestellt haben.

Das war schon irgendwie komisch“, erzählt die zierliche Frau lachend. Ob es nun ein seltsames Glaskunst-Gen oder einfach ihre sichtbare Begeisterung für die Arbeit ist: Fakt ist, dass Küstner einen Preis nach dem anderen einheimst. Die meisten von Küstners Arbeiten haben mittlerweile ein neues Zuhause in den USA gefunden.Auswandern will sie deshalb trotzdem nicht. Hier in Göttingen lebt ihre Familie, hier kann sich Küstner ihre Bodenständigkeit bewahren. „Ich glaube, ich bin nicht abgehoben“, sagt sie grinsend, „ich bin einfach positiv und farbenfroh.“ Farbexperimente und minimalistische Strenge, handwerkliches Geschick und Aussagekraft – eine Künstlerin, die alles vereint, ist Ev Kaboth. Eigentlich gibt es kaum etwas, das sie nicht kann: Neben abstrakter Malerei und Grafik baut Kaboth Installationen aus Schrott und ist, ganz nebenbei, auch noch Kunsttherapeutin am Landeskrankenhaus in Göttingen.

Auf eine bestimmte Kunstrichtung festlegen will sich die Künstlerin nicht, „dazu verselbständigen sich die Arbeiten auch zu oft“, meint sie. Vielleicht gehören Wandelbarkeit und Experimentierfreude ja auch einfach zu ihrer Persönlichkeit, so wie die Gesellschaftskritik oder der Weltschmerz zu anderen. „Man kann auf jeden Fall von einer künstlerischen Arbeit immer viel über den Menschen dahinter lernen“, sagt Kaboth, „man muss nur genau hinschauen.“ Genau hinschauen ist mühsam. Weil die Botschaften häufig so gut versteckt sind. Kunst schaffen ist aber auch mühsam. Unter anderem, weil die Botschaft eben häufig nicht verstanden wird. Trotzdem: Alles in allem ist es doch gut, dass es die Kunst gibt. Sogar, wenn sie oft keinen Spaß versteht, diese Kunst. Denn ohne die Kunst wären alle Jura-Studentinnen jetzt Rechtsanwältinnen. Und Fotografen wären niemals Bildhauer.