„Einen Traum erfüllt“

Text von: redaktion

Der ehemalige Sartorius-Chef Utz Claassen über Wissenstransfer, seine Kontakte nach Göttingen und die neue Aufgabe.

Professor Claassen, Sie fördern mit dem Folkert-Claassen- Promotionsstipendium zwei Doktorandinnen. Wieso?

Einerseits aus der abstrakten Erkenntnis und andererseits aus der konkreten eigenen Lebenserfahrung sowie aus dem eigenen Lebensweg heraus. Eines der größten Defizite unserer Gesellschaft ist, dass wir viel zu wenig Ressourcen in die Bildung stecken. In alle Formen der Bildung, vom Kindergarten über sämtliche Schulformen bis hin zur Universität.

Wir sind ordentlich, aber wir geben dennoch in allen Bereichen zu wenig aus – sowohl in der Breite als auch in der Spitze. Wenn man sich mal anschaut, dass über 90 Prozent der deutschen Staatsausgaben der öffentlichen Haushalte letztlich vergangenheitsorientiert ausgegeben werden und nur weniger als 10 Prozent zukunftsorientiert, dann müssen wir uns fragen, was unsere Wettbewerbsvorteile und Wohlstandspotenziale in Zukunft wohl sein werden.

Es steht dabei völlig außer Frage, dass in einem rohstoffarmen Land – und dabei Hochlohnland – der Wettbewerbsvorteil und der Wohlstandsfaktor der Zukunft nur Bildung sein kann. Es gibt hier schon gute und wichtige Initiativen, zum Beispiel die Exzellenzinitiative, bei der die Göttinger auch sehr gut abgeschnitten haben. Die ehemalige Ministerin Bulmahn und die Ministerin Schavan haben sich in diesem Bereich auch bisher außerordentlich verdient gemacht.

Dennoch sind die Ressourcen immer noch nicht ausreichend. Um das mal deutlich zu machen: Der Gegenwert des Sicherheitszaunes um Heiligendamm entspricht dem, wovon eine „Elite-Universität“ als Zusatzmittel mehr als sechs Monate lang zehren muss, um den in 800 Jahren gewachsenen Rückstand auf Oxford und Cambridge aufzuholen.

Es ist eine ganz tolle Initiative, die aber finanziell noch nicht wirklich angemessen ausgestattet ist. Die zehn Top-US-Universitäten haben zusammen ein Stiftungsvermögen jenseits der 100-Milliarden-Dollar-Grenze, Harvard und Yale haben ein Stiftungsvermögen, welches größer ist als das gesamte deutsche Hochschulbudget eines Jahres. Wir haben da einen ungleichen Wettbewerb.

…und deswegen Ihr Engagement?

Ich habe immer wieder kritisiert, dass wir zu wenig in Bildung investieren. Wenn man etwas kritisiert, dann muss man sich darum bemühen, mit seinen kleinen Mosaiksteinchen ein wenig dazu beizutragen, dass es besser wird. Nun zu meinem konkreten Lebensweg und der gewonnenen Erfahrung: Ich habe selbst erlebt, dass mir Ausbildung, Bildung, universitäre Spitzenbildung sehr viel Gutes getan haben.

Ich schätze, die Erfahrungswelten, die mir in den letzten 20 Jahren offen standen, hätte ich niemals erleben können ohne meine Ausbildung. Deshalb finde ich es nur angemessen, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben. Ich war Stipendiat in Oxford – einer der besten Universitäten der Welt mit sehr hohen Studiengebühren und Lebenshaltungskosten.

Hätte ich kein Stipendium bekommen, wäre es für mich nicht möglich gewesen, dort als Post Graduate zu studieren und zu forschen. Diese Erfahrung hat mein Leben, meinen Lebensweg und auch meine eigene Wahrnehmung hinsichtlich dieses Themas nachhaltig beeinflusst. Nun kann ich anderen die Möglichkeit geben, etwas zu tun, das sie sonst vielleicht nicht hätten tun können.

Die Idee und die Ausgestaltung dieses Stipendiums ist über einen langen Zeitraum diskutiert und umgesetzt worden – mit Herrn Prof. von Figura, dem Präsidenten der Georgia Augusta, und mit Herrn Prof. Bizer.

Woher kommt der Name des Stipendiums?

Ich habe das Stipendium nach meinem Vater benannt, weil sein Lebensweg für mich ein Beispiel dafür ist, wie wichtig Toleranz und Chancengleichheit in einer Gesellschaft sind. Und wie entscheidend auch der Bildungsweg ist. Mein Vater hat im Alter von drei Jahren, im furchtbaren Kriegsjahr 1916, beide Eltern verloren. Er war somit als Dreijähriger in einer Welt Vollwaise, die wir uns heute so vielleicht gar nicht mehr vorstellen können. Die Mehrzahl der Geschwister hat diese Periode der Geschichte nicht überlebt.

Er war das einzige Kind aus dem Waisenhaus, das auf die höhere Schule in Emden gehen durfte – dies hat seinen Lebensweg sehr nachhaltig beeinflusst. Er hat sich dann hochgearbeitet zum Stadtdirektor und hat in verschiedenen Städten gearbeitet. Das ist ein Entwicklungssprung, den wahrscheinlich heutzutage kaum jemand mehr erreichen kann. Zum anderen ist es ein Zeichen, dass man diejenigen, die förderungswürdig und -bedürftig sind, unterstützen sollte, um ihnen damit ein Potenzial zu eröffnen.

Wirtschaft und Wissenschaft sind häufig zwei verschiedene Paar Schuhe – besonders in Göttingen. Wie kann das verbessert werden?

Wie müssen Unternehmen angesprochen werden? Ich glaube, dass die Schnittstelle und die Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft eines der größten Potenziale bieten, die eine Gesellschaft überhaupt hat. Ich habe als Manager und als Person mit Herrn Prof. Kern und Herrn Prof. von Figura in ihrer Funktion als Hochschulpräsidenten sehr gut zusammengearbeitet, und ich schätze beide außerordentlich.

Generell ist diese Dichotomie aber sicherlich vorhanden. Wenn man es mal etwas hart formuliert, dann wirkt das ein oder andere, was die Wissenschaft macht, aus Sicht der Wirtschaft manchmal vielleicht etwas weltfremd. Ich glaube aber, das ist eine unberechtigte Kritik, weil die Wissenschaft auch andere Aufgaben hat. Umgekehrt, aus Sicht der Wissenschaft, mag einiges, was in der Wirtschaft so passiert, methodisch leicht unterentwickelt wirken.

Ich habe immer sehr hohen Respekt vor wissenschaftlicher Arbeit gehabt. Gerade vor dem Hintergrund der Ressourcenknappheit in Deutschland in diesem Bereich habe ich höchsten Respekt davor, dass wir nach wie vor Forscher von Weltniveau und Nobelpreisträger hervorbringen, obwohl, wie schon erwähnt, in den USA in der Spitze zum Teil ein Vielfaches an Geld für diesen Bereich zu Verfügung steht.

Die ertrags- und wettbewerbsorientierte Welt der Wirtschaft wäre manchmal sehr gut beraten, sich etwas stärker an der methoden- und konzeptorientierten Welt der Wissenschaft zu orientieren; ebenso wie sich umgekehrt in Teilbereichen der akademischen Lehre der Praxisbezug noch spürbar erhöhen ließe. Alles, was den Diskurs zwischen Wirtschaft und Wissenschaft intensiviert, ist dabei hilfreich.

Welche Erfahrungen des Wissenstransfers haben Sie bei Sartorius, EnBW etc. gemacht?

Wissenstransfer ist ein Thema, das mich seit meiner Dissertation nun über 20 Jahre lang begleitet. Ich habe damals im empirischen Vergleich zwischen Großbritannien und Deutschland Mechanismen des Technologie- und Wissenstransfers zwischen Wissenschaft und Unternehmen beleuchtet. Heute begleitet mich das Thema Wissenstransfer in meiner Funktion als Vorsitzender der DI-Initiative „Innovationsstrategien und Wissensmanagement“.

Sartorius ist ein Unternehmen, das aus dem Wissenstransfer, aus der Universität heraus entstanden ist. Für Sartorius war zu meiner Zeit – und ich gehe davon aus, dass es heute auch noch so ist – die Nähe zur Uni von exorbitant hoher Bedeutung, neben den ganzen anderen universitätsnahen Einrichtungen natürlich.

Zum einen kann ein Unternehmen in unserer hochkomplexen Welt gar nicht alles wissen, was es eigentlich wissen müsste – schon diesbezüglich ist die Nähe sehr hilfreich; zudem macht das ungewöhnlich hohe Qualifikationsniveau bei Sartorius Göttingen zu einem perfekten Rekrutierungsstandort, an dem exzellente Mitarbeiter gewonnen werden können. Meine eigene Lehrtätigkeit als Honorarprofessor an der Universität Hannover hat mir auch sehr geholfen, geeignete Studierende gezielt anzusprechen.

Wie war das bei EnBW?

Bei EnBW ist das etwas anders, aber selbst ein Multimilliardenkonzern ist auf die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft angewiesen, da auch ein sehr großer Konzern gar nicht alles wissen kann, was er in der heutigen, sich schnell verändernden Zeit wissen müsste. Gerade in den Bereichen der erneuerbaren Energien, der Energiespeicherung und des Energietransportes gibt es vielfältige Entwicklungen, die man natürlich alle auf seinem Wissensradar haben muss.

Der Austausch mit der Wissenschaft ist generell verdienstvoll, er lohnt sich aber unter zwei Aspekten für die Wirtschaft besonders: wenn man es mit einem konkreten Themenbezug und einem intellektuellen Interesse wechselseitig sieht, und wenn man auch selbst bereit ist, in die Zusammenarbeit Zeit zu investieren. Wenn man selbst nur einen Scheck in die Hand nimmt und sagt, hier nehmt es und macht etwas, und vielleicht bekommt jemand aus unserem Unternehmen noch einen Ehrentitel verliehen, dann halte ich das eher für fragwürdig bis schlecht.

Nehmen wir auch noch mal das Verhältnis zu meinen Studierenden: Wenn man Vorstandschef ist, und man Pech hat, dann wird man belogen. Hat man Glück, wird einem die Wahrheit gesagt, allerdings nur der Teil der Wahrheit, von dem andere wollen, dass man ihn kennt. Soviel Glück, dass man freimütig die volle Wahrheit gesagt bekommt, wird man in aller Regel also nicht haben. Mit den Studierenden ist das etwas anderes, denn sie treten einem kritisch und völlig unbefangen gegenüber – so einen ehrlichen Austausch mit der Realität hat man als Unternehmenschef sonst nicht immer.

Verfolgen Sie den Weg von Sartorius?

Ich habe nach wie vor vielfältige Verbindungen nach Göttingen. Einmal über den Stiftungsrat, über den ich ja auch oft in Göttingen bin. Mit dem ehemaligen Arbeitsdirektor von Sartorius, Olaf Grothey, verbindet mich viel, und wir sehen uns auch häufig. Über Olaf Grothey war ich auch mit Thomas Oppermann, mit dem mich auch eine freundschaftliche Beziehung verbindet, mehrere Male bei der BG.

Mein hervorragender Familienanwalt Klaus Menge ist in Göttingen ansässig, auch das bringt viele Kontakte nach Göttingen. Aus Enthusiasmus für Klaus Menge in seiner Funktion als Präsident des Golfclubs bin ich dann auch in den Golfclub Hardenberg eingetreten. Ich bin – um auf Sartorius zu sprechen zu kommen – auch mit der Familie Sartorius-Herbst in Northeim persönlich befreundet. So bleibt es in der Summe nicht aus, dass ich immer mal etwas von Sartorius höre, zumal ich auch mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Professor Picot seit 28 Jahren persönlich gut bekannt bin und eine sehr vertrauensvolle Beziehung habe.

Aber es ist nicht so, dass ich in irgendeiner Weise systematisch oder mit hoher Aufmerksamkeit den Weg von Sartorius verfolge, etwa um Dinge zu bewerten oder zu kommentieren. Das gehört sich auch nicht für jemanden, der mal Chef war. Man soll mit Freude zur Kenntnis nehmen, wenn sich die Dinge positiv entwickeln, und ich freue mich immer dann, wenn ich etwas Gutes von Sartorius höre.

Sie arbeiten künftig für das Private-Equity-Unternehmen Cerberus? Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Cerberus bietet mir eine Rolle, die es mir ermöglicht, mit äußerst interessanten Menschen, an äußerst interessanten Themen zu arbeiten. Das ist für mich berufliche Selbstverwirklichung. Ich werde Teil der Ideen und Werte von Cerberus, nicht aber Teil der Organisation und Administration. Ich bin Principal Senior Advisor. Als solcher werde ich Cerberus dabei beraten, in Deutschland und anderswo das Geschäft weiter auszubauen und interessante Investitionsmöglichkeiten auszuloten und zu beurteilen. Der Moment könnte im Übrigen besser nicht sein.

Cerberus ist finanziell exzellent aufgestellt. Cerberus ist spezialisiert darauf, Unternehmen mit Problemen zu helfen. Cerberus ist deshalb hervorragend positioniert für diese Finanzkrise. Somit habe ich eine Aufgabe, in der ich ein Maximum an Zeit sinnvoll verwenden und in der ich meine Restrukturierungserfahrung sozusagen multiplizieren kann – über Unternehmen, Branchen, Grenzen, Kontinente hinweg. Mit dieser Aufgabe geht nun ein Traum in Erfüllung.