Einen Schritt voraus

© Fagus
Text von: Belinda Helm

Carl Benscheidt hat vor 100 Jahren das Fagus-Werk in Alfeld gebaut und dafür den damals noch unbekannten Architekten Walter Gropius engagiert. faktor warf einen Blick zurück.

Eigentlich ist das Fagus-Werk in Alfeld ein „ganz schön alter Herr“. Immerhin kann es im Jahr 2011 auf stolze 100 Jahre Unternehmensgeschichte seit Gründung zurückblicken. Und eigentlich wäre es nur allzu nachvollziehbar, ja sozusagen logisch, wenn man ihm das auch ansehen würde.

Aber weit gefehlt. Keine Spur von dem damals so angesagten architektonischen Pomp der wilhelminischen Kunst. Stattdessen: klare Linien, viel Glas und Stahl. Nach 100 Jahren wirkt die Schuhleistenfabrik an der Leine so modern, als sei sie der Zeichenfeder eines Öko-Architekten in diesem Jahrtausend entsprungen.

Zu verdanken ist das der Vorliebe für zeitlose Ästhetik von Bauhausbegründer Walter Gropius, seinem Mut, architektonisch neue Wege zu beschreiten, und der Abenteuerlust des Bauherrn und Fagus-Firmenbegründers Carl Benscheidt.

Sowohl der 28-jährige Gropius als auch Benscheidt wagten 1910 den Schritt in die Selbständigkeit, um endlich eigene Ideen umsetzen zu können. Ein Jahr später verwirklichten sie zusammen ihre Version einer modernen Fabrik. Walter Gropius, Schwager des damaligen Alfelder Landrats, und Kollege Adolf Meyer legten Benscheidt einen Entwurf vor, der eine großflächige Öffnung der Fassaden und Glasecken vorsah.

Mit dem Fagus-Werk erhielten die jungen Architekten das erste Mal die Gelegenheit, ihren eigenen Vorstellungen ein Gesicht zu verleihen.

Benscheidt kamen diese freigeistigen Ideen entgegen: Er selbst orientierte sich am fortschrittlichen amerikanischen Markt und wollte mit seiner Fabrik unternehmerisches Selbstbewusstsein und Modernität ausstrahlen. „Er ließ die Fabrik extra so bauen, dass sie von der Bahnstrecke Göttingen-Hannover gut zu sehen war, um Werbung zu machen“, berichtet Unternehmenssprecher Karl Schünemann heute. „Aus verschiedenen Erzählungen wissen wir außerdem, dass der außergewöhnliche Bau bei den Alfeldern zunächst Skepsis hervorgerufen hat.“ Und das ließen sie den Unternehmer spüren: „Benscheidt musste sich wegen der schlichten Architektur Hänseleien gefallen lassen, man unterstellte ihm, er habe sich aus Geldmangel für den spartanischen Stil entschieden.“ Der damalige Bauamtsleiter wollte die ungewöhnlichen Pläne angeblich erst gar nicht genehmigen.

Corporate Identity in seiner frühen Form.

Doch Benscheidt hielt an seiner Idee fest. In jeder Unternehmensmitteilung veröffentlichte er ein Bild des Werkes, warb für die Fabrik auch immer mit dem Gropiusbau: Corporate Identity in seiner frühen Form. Und die konsequente Linie zahlte sich aus: Heute ist das Unternehmen Marktführer bei der Herstellung und Entwicklung von Messtechnik und Brandschutzsystemen für die Holzwerkstoffindustrie. Geschäftsführer ist Benscheidts Urenkel Ernst Greten (siehe Interview) zusammen mit seinem Neffen Kai Greten und Uwe Kahmann.

Und was würde Benscheidt zur Entwicklung seines Unternehmens sagen? „Wenn Benscheidt das Fagus-Werk heute sehen könnte, wäre er zufrieden und vielleicht sogar ein bisschen stolz“, sagt Schünemann. „Schließlich wurde das Unternermen erhalten, gepflegt und um neue Produktbereiche ergänzt.“ Dabei habe man sich immer an der mutigen Ursprungsidee des Gründers orientiert. Ähnlich sieht das auch Urenkel Greten: „Wir haben den großen Vorteil, dass wir von Urgroßvater Benscheidt geprägt, eine so fortschrittliche Tradition geerbt haben.“ Auch mit
der wirtschaftlichen Entwicklung ist man im Unternehmen zufrieden. „Nach einem sehr starken Jahr 2007 fielen die Jahre 2008 und 2009 zwar deutlich ab“, erläutert der Unternehmenssprecher. 2010 könne man aber mit einem positiven Ergebnis aufwarten.

Seit dem 2. Februar 2010 ist die Fabrik als Unesco-Welterbe nominiert, der schriftliche Antrag wurde bereits genehmigt, eine Unesco-Delegation hat das Gebäude im Herbst besichtigt. Im Juli 2011 soll die Entscheidung bekanntgegeben werden. „Nun heißt es, dran bleiben und alle Kräfte bündeln, um dieses Ziel zu erreichen“, sagt Schünemann. Wenn das Fagus-Werk pünktlich zum 100-jährigen Bestehen wirklich zum Weltkulturerbe ernannt werden sollte, wäre es die weltweit einzige Kulturerbe-Stätte, in der noch produziert wird. Und damit auch auf seine alten Tage einen Schritt voraus.

Nachgefragt:
GreCon-Geschäftsführer und Benscheidts Urenkel Ernst Greten über Schuhmacher-Roboter und fortschrittliche Tradition

Ernst Greten ist der Urenkel von Fagus-Gründer Carl Benscheidt. Der 65-Jährige ist seit 1974 Geschäftsführer von Fagus, zunächst zusammen mit Bruder Gerd Greten, mittlerweile mit seinem Neffen Kai Greten. Ernst Greten ist verheiratet, hat vier Töchter und verbringt seine Freizeit gern auf dem Wasser: Greten übt seit über 50 Jahren aktives Regatta-Segeln in der Flying-Dutchman-Klasse aus.

Herr Greten, Ihr Urgroßvater, Carl Benscheidt, hat gesagt: „Unser Reichtum sind nicht unsere Maschinen und Gebäude, sondern das Wissen und das können und die Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiter.“ Teilen Sie diese Meinung?
Greten: „Ja, uneingeschränkt. Unsere Tradition ist es unter anderem, eine überdurchschnittlich gute Ausbildungswerkstatt zu haben. Dazu ist mittlerweile auch noch eine GreCon-Akademie gekommen. Und nicht zuletzt legen wir Wert auf ein gutes Arbeitsklima, das für eine
hohe Motivation und Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter sorgt.“

Haben Sie das Interesse für Architektur von Ihrem Urgroßvater geerbt?
Greten: „Nein, eigentlich nicht. Mein Vater war ja Pionier und Erfinder im Maschinenbau-Bereich. Erst als junger Geschäftsführer bei Fagus bin ich mit der Architektur in Berührung gekommen. In Gesprächen und durch Kontakte mit vielen Besuchern habe ich dann die Bedeutung und Schönheit des Gebäudes schätzen gelernt. Erst als dann die gesamte Fabrik schrittweise restauriert worden ist, habe ich auch das Gebäude im Detail kennengelernt. Und damit ist dann auch das Interesse für die Architektur – zunächst Bauhaus-Architektur und dann grundsätzlich Industriearchitektur – gewachsen.“

Wo soll es mit Fagus in Zukunft hingehen?
Greten: „In unseren Unternehmensgrundsätzen haben wir für uns festgelegt, dass wir die Besten sein wollen. Dafür müssen wir natürlich neue Entwicklungen fördern und zulassen. Ungeachtet dessen wollen wir aber auch das bisherige Gute erhalten. Was bedeutet das konkret? Die Entwicklung von Schuhleisten wird weiter in Alfeld bleiben können. Dazu wollen wir aber die Produktionsabläufe von Handwerk und maschineller Fertigung besser aufeinander abstimmen. Außerdem wollen wir die Produktion von Hochgenauigkeits-Leisten zum roboterunterstützten Schuhmachen aus- bauen. Intensiver ausgebaut werden soll auch die „Shoe Alliance“. Wir arbeiten dafür bereits mit Einzelfirmen aus den Bereichen Formenbau, Schuhdesign und -technik zusammen.

Im Bereich GreCon-Mess- und Brandschutzsysteme sind die Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Energieeffizienz und Materialeinsparung sind Trends, bei denen unsere Systeme zur Produktionsoptimierung weiterhelfen. Bei Grecon Dimter liegen wir im Trend. Holz wird im Bauwesen noch mehr an Bedeutung gewinnen. Insofern gehe ich sehr beruhigt in das 100. Jubiläumsjahr.“

Zum Unternehmen

Seit Ende der 1940er-Jahre steht die Fabrik unter Denkmalschutz und wurde von 1982 an komplett restauriert, ist aber auch heute mindestens so lebendig wie vor 100 Jahren. Noch immer produziert die Fagus-GreCon Greten GmbH & Co. KG mit ihren rund 350 Mitarbeitern Schuhleisten für die internationale Schuhindustrie, lediglich der Rohstoff Holz musste dem Kunststoff weichen.

Außerdem ist das Unternehmen Marktführer bei der Herstellung und Entwicklung von Messtechnik und Brandschutzsystemen für die Holzwerkstoffindustrie. Eine weitere Produktionsstätte befindet sich im Maschinenbau auf dem Werksgelände. Dort stellt die Firma GreCon Dimter Keilzinkenanlagen für die Massivholzverarbeitung her.