Eine Region zeigt Verantwortung

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Text von: Stefan Liebig, redaktion

... damit die Energiewende kein Kampf gegen Windmühlen wird.

Sonnige Sandstrände, badende Familien, blaues Meer – ein idyllisches Sommerbild? Nur solange man nicht weiß, dass es sich um einen Strand in der Nähe von Fukushima handelt.

Wie ist das möglich, hier zu baden – nur gut eineinhalb Jahre nach dem Atomunglück? Beklemmung macht sich breit. Es scheint, als hätte der 11.März 2011 und seine katastrophalen Folgen mehr Auswirkungen auf Deutschland als auf das Unglücksland.

Seit der verheerenden Naturkatastrophe und den schlimmen Folgen für die Atomanlage in Fukushima spielt das Thema Energiewende fast täglich eine Hauptrolle in der Medienberichterstattung.

faktor befragte die Entscheider der Region zu Problemen, Projekten und Zielen für eine neue Energieinfrastruktur.

,Unser Dorf spart Strom‘

„Die beste Energie ist die, die gar nicht erst verbraucht wird“, sagt Doreen Fragel. Die Geschäftsführerin der Energieagentur Region Göttingen e.V. sieht sich und ihre Kollegen als zentrale Anlaufstelle für alle Fragen, die die Themen Energieeinsparung, Energieeffizienz und regenerative Energien betreffen.

Doch das Angebot des Vereins mit 84 Mitgliedern – Einzelpersonen, Unternehmen, Kommunen, Verbände und Institutionen – geht weit darüber hinaus. Mit Beratungsleistungen und Wettbewerben geht er in die Öffentlichkeit und zu den Menschen: So läuft bis zum Januar noch der landkreisübergreifende Wettstreit ,Unser Dorf spart Strom‘.

Von Heckenbeck bis Hedemünden kämpfen 23 Dörfer darum, wer im Vergleich zum Referenzwert im Juli den geringsten Stromverbrauch vorweisen kann. Die drei sparsamsten Dorfgemeinschaften erhalten jeweils eine Photovoltaikanlage.

Gewinner sind aber ohnehin alle teilnehmenden Bewohner, denn sie erhalten eine individuelle Haushalts-Energieberatung. Ein Angebot, das von allen Verbrauchern und Hausbesitzern wahrgenommen werden kann.

Zudem bietet es sechs beratenden sogenannten Bürgerarbeitern aus einem Berufswiedereingliederungsprogramm für Langzeitarbeitslose – an dem Göttingen als Optionskommune teilnimmt – einen Weg in den Arbeitsmarkt.

Fragel verweist außerdem exemplarisch auf das von der Energieagentur angebotene Solarportal. Das Online-Angebot informiert umfassend über alle nötigen Schritte – von der Idee der Solarnutzung bis zur Inbetriebnahme von Anlagen.

Ein Service über den in ähnlicher Form auch der Landkreis Osterode seit Ende Juni verfügt. Das Energieportal vermittelt kreiseigene Dächer und brachliegende Industrieflächen für die Installation von Photovoltaikanlagen und berät fachkundig und kostenfrei rund um das Themenfeld erneuerbare Energien.

Weiterführende Adressen kann sich der Nutzer auf der interaktiven Landkreiskarte des Portals anzeigen lassen.

„Die Besucherzahl explodiert geradezu. Eine tolle Bestätigung für unser Projekt“, zeigt sich Hubert Tiller, Sachbearbeiter für das Geografische Informationssystem, hochzufrieden.

Vorzeigeobjekte

Eines der Vorzeigeobjekte im Sinne des Energieportals entstand in den vergangen Monaten auf dem zuvor seit 2004 brachliegenden Gewerbegebiet in Gittelde.

Die Peiner Investoren von GW Energytec errichteten hier eine Solar-Großanlage mit einer Kapazität von bis zu 3,5 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Etwa 1.000 Haushalte können so versorgt werden. Der Solarpark ging vor wenigen Wochen ans Netz.

Mit 1.550 Haushalten versorgt der in Nörten-Hardenberg entstandene Photovoltaik-Park als größter im Landkreis Northeim sogar noch mehr Verbraucher. Seit Ende August ist die von der Schüco Solar Projekt GmbH umgesetzte und auf dem Grund des Gräflichen Landsitzes Hardenberg errichtete Anlage in Betrieb.

Gezielt wurde bei der Partnerwahl auf ein deutsches Unternehmen gesetzt, das die 55.000 Module installiert. Auch für die leistungsstärkste Anlage des Landkreises Göttingen in Adelebsen fiel der Startschuss erst vor einigen Wochen.

Sie kann zurzeit etwa 4,6 Megawatt (MW) Strom einspeisen. Sollte das Stromnetz ausgebaut werden, kann die große Solarfläche des Marburger Investors 3U Holding ihre Kapazität auf 10,1 MW erhöhen.

Die sieben Fußballfelder große Installation ist ein wahrer Glücksfall für den Ort. So löste sie das Problem der Geländenutzung des ehemaligen Klausner-Sägewerks. Doch vor dem Netzanschluss waren viele Hürden zu meistern. Um bestimmte Einspeisevergütungen zu bekommen, mussten die Planer den Stichtag 31. Dezember 2011 für die Installation der ersten 1-Megawattanlage einhalten.

Daher herrschte im Dezember und auch nach der folgenden EEG-Änderung im Frühjahr wochenlang rund um die Uhr Hektik auf der Baustelle. Denn alles sollte fertig sein, bevor die kurzfristig vom Gesetzgeber beschlossene Solarförderungskürzung in Kraft tritt.

Die Unverbildlichkeit der Politik

Thomas Heinrich, Leiter der Projektplanung, blickt zurück: „Es ist Wahnsinn, dass wir das alles pünktlich geschafft haben. Doch auch wenn ich die Kürzung der Förderungssätze prinzipiell verstehen kann, darf die Politik nicht derart unverbindlich handeln.“

Durch diese unklare Situation für die gesamte Branche habe das Vertrauen sehr gelitten, so Heinrich, der mit seinem elfköpfigen Beratungsteam mit Büros in Dransfeld und Marburg monatelang bis zur Erschöpfung gearbeitet hat.

Susanne Henkel, Manager Corporate Press bei der SMA Solar Technology AG in Niestetal, sieht unter diesen Rahmenbedingungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit ihres Unternehmens gefährdet: „Die Solarstromförderung soll trotz Kompromiss jährlich bis zu 29 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig sind wir mit den mittleren Anlagen und den Großanlagen noch nicht wettbewerbsfähig.“

Auch für Alexander Pape, Geschäftsführender Gesellschafter bei Bode 24, türmten sich mit der Kürzungsdebatte im Frühjahr die Probleme. „Sechs Wochen gab es keine Entscheidung – wir erhielten in dieser Zeit keinen einzigen Neuauftrag“, beschreibt er die orientierungslose Marktlage.

Eine Marktveränderung, die fatale Auswirkungen auf den Bovender Solarproduzenten Pairan hatte. Der massive Preisverfall konnte nicht aufgefangen werden. Der Markt für mittlere und kleine Anlagen brach dem in sechs europäischen Ländern produzierenden Unternehmen durch die von der Bundesregierung angekündigten Vergütungskürzungen nahezu komplett weg. Im Mai stellte die Geschäftsleitung einen Insolvenzantrag.

Wie es bei Pairan weitergeht, ist noch offen.

Neue Rahmenbedingungen

Vor dem Hintergrund dieser neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen erwartet Pape eine Verschiebung seines Geschäfts in Richtung gewerblicher Kunden, da sich die Investition für Privatkunden nicht mehr rentiere.

Ähnlich sieht auch Heinrich eine Entwicklung in Richtung dezentraler Stromproduktion vor Ort. „Wir brauchen eine Dezentralisierung der Stromerzeugung. Genossenschaftliche Modelle und kommunale Investitionen sollten den Bedarf mit einem Mix aus Solar-, Wind- und Biogasstrom erzeugung zum großen Teil decken“, skizziert der Planer des Solarparks Adelebsen seine Zukunftsvision.

Wie erfolgreich solche Ideen umgesetzt werden können, zeigt das Beispiel Hardegsen mit seinem ersten Platz in der ,Bioenergie-Bundesliga‘. Mit zwei Biogasanlagen, einem Biomasseheizkraftwerk, einem Bioenergie-Nahwärmenetz und vielen kleinen Holzheizungen erreichte Hardegsen die höchste Zahl an ,Bioenergiepunkten‘ pro Einwohner und gewann den vom Bundesumweltministerium gestifteten Preis.

Für Caroline Werner vom Netzwerkmanagement Bioenergie des Landkreises Northeim stellen solche erfolgreichen Projekte einen wichtigen Bestandteil im künftigen Energiemix dar.

Sie hält es aber – ganz im Sinne des kreiseigenen Gebäudemanagements – für ebenso wichtig, die Energieeinsparungsbemühungen zu forcieren. Eines der aktuellen ambitionierten Ziele ist, den Heizenergiebedarf der kreiseigenen Wilhelm- Bendow-Schule in Einbeck durch Sanierungsmaßnahmen um mindestens 50 Prozent zu senken – 30 Prozent wurden im letzten Jahr bereits erreicht.

Ziele auch für Unternehmen

Werner empfiehlt solche Einsparziele auch für Unternehmen. Regine Albert vom Regionalmanagement des Landkreises Northeim möchte vor allem das Bewusstsein für Elektromobilität in der Bevölkerung steigern.

Gemeinsam mit mehreren Autohäusern und Hotels der Region sowie MMS Concept, der Agentur für E-Mobilität aus Förste und der Tourist- Information in Northeim, startet zurzeit das Projekt für CO2-freie Touren durch die Region.

Mit Elektrofahrzeugen können Menschen in ihrem Urlaub oder ihrer Freizeit die Region erkunden und Erfahrungen mit erneuerbaren Energien sammeln.

Mobilität stellt auch für die Göttinger Stadtwerke ein wichtiges Thema dar. Seit vielen Jahren investiert der Versorger in Erdgastankstellen und -fahrzeuge und trägt so zur CO2-Reduzierung bei. Zudem spielt der Solarbereich eine wichtige Rolle in seinem Energiekonzept.

So steuern inzwischen mehrere Anlagen auf Stadtwerke-Gebäuden sowie den Dächern der Göttinger Verkehrsbetriebe und der Sparkassen-Arena sauberen Strom zum Göttinger Energiemix bei. Allerdings mussten aufgrund der oben beschriebenen Änderungen bei den Förderungsvergütungen zwei geplante Projekte abgebrochen werden.

Doch neue Ideen gibt es bereits. So läuft nach Aussage des Stadtwerke-Pressesprechers, Klaus Plaisir, die Suche nach neuen Windparkstandorten ,auf Hochtouren‘.

Darüber hinaus kooperieren die Stadtwerke mit der Stadt Göttingen und der Georg-August-Universität, um für den Energie- und Verkehrsbereich den ,Masterplan 100% Klimaschutz‘ zu erstellen. Alle Bürger sind dazu aufgefordert, Vorschläge für Klimaschutz-Projekte einzureichen.

Ausgewählte Projekte werden bis März 2013 in Klima-Werkstätten ausgearbeitet.

Langfristige Ziele und Projekte

„Langfristig hat die Stadt Göttingen das Ziel, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 fast vollständig auf Null zu reduzieren, also klimaneutral zu werden“, sagt Pressesprecher Detlef Johannson. Dies soll erreicht werden, indem der Energiebedarf mindestens halbiert und der Rest-Energiebedarf durch erneuerbare Energien abgedeckt wird.

Die Energiewende initiiert viele neue und interessante Projekte in unserer Region. Und es gibt bereits zählbare Erfolge: Laut E.ON Mitte speisten im vergangenen Jahr 34.000 Erneuerbare Energie-Anlagen 1,2 Milliarden Kilowattstunden in ihr Netz ein, und 2011 gingen 7.300 neue Anlagen ans Netz.

Für weitere Windanlagen laufen Vorgespräche. Vorstandsmitglied Thomas Weber bilanziert, dass die „Entwicklung zu einer verstärkt dezentralen Stromerzeugung durch die Energiewende noch einmal deutlich dynamischer geworden“ sei.

Eine Entwicklung, die laut SMA-Sprecherin Susanne Henkel noch weiter gefördert werden sollte, da dies langfristig die Kosten für die Verbraucher senke. Und dass vor allem die Verbraucher gefordert sind, mit Energieeinsparungen ihren Beitrag zu leisten und auch im eigenen Interesse ihre Stromrechnung niedriger zu halten, darüber sind sich alle Befragten einig – ebenso darüber, dass die Bürger noch intensiver eingebunden werden müssen.

Beispiele dafür sind die vielen Projekte an hiesigen Schulen. Die dort installierten Energieanlagen lassen sich didaktisch nutzen und wecken so ein Bewusstsein bei der Generation, die die Energiewende maßgeblich betrifft.

Einen gemeinsamen Schritt in diese Richtung gehen auch die Sparkasse Göttingen und die Stadtwerke mit dem Göttinger Klima Sparbrief. Die dort zu einem festen Zinssatz auf sechs Jahre angelegten Gelder vergibt die Sparkasse zweckgebunden als Kredit für den Ausbau erneuerbarer Energien an die Stadtwerke Göttingen.

Das große Interesse der Bevölkerung an diesem Investment zeigt, wie wichtig sie die gemeinsamen Anstrengungen zur Energiewende einstuft. Eine gute Basis, um zukünftig Strandbilder wieder ohne unangenehme Hintergedanken genießen zu können.