Text von: Marisa Müller

Ernährungsexpertin Vivien Faustin erklärt, was zum gesunden Essverhalten dazu gehört, welche Rolle unser Gehirn dabei spielt und wieso der ‚Schweinehund‘ vielen im Weg steht.

Die Lieblingsgerichte der Deutschen sind oft traditionell deftig. Kartoffelgerichte, Braten, Rouladen, Frikadellen und Schnitzel erfreuen sich großer Beliebtheit. Und diese Palette schließt noch nicht einmal die ebenfalls sehr beliebten Fast-Food-Produkte mit ein. In der Mittagspause mal eben zum Hähnchengrill oder Dönerimbiss um die Ecke, wochenends wird der Standard-Lieferservice bemüht – das kommt vielen sicherlich bekannt vor.

„Zu fett- und kalorienreich“, kommentiert Vivien Faustin dieses Essverhalten, das nicht nur relativ einseitig sei, sondern vor allem auf lange Sicht krank machen könne. Die Ernährungsexpertin hat täglich mit Übergewicht und Krankheit zu tun. In die Interdisziplinäre Adipositas-Ambulanz der Universitätsmedizin Göttingen kommen Patienten, die Hilfe beim Abnehmen benötigen. Oft ist das Problem der „innere Schweinehund“.

Sehr häufig kämen Patienten, die schon viel ausprobiert haben. „Sie wissen, was sie tun sollten, schaffen es aber nicht“, erzählt Faustin. Gewohnheiten zu wandeln ist mit viel Training verbunden. Das Ziel muss klar und attraktiv sein. Faustin erklärt dazu das Prinzip vom kleinen und großen Glück: „Das kleine Glück ist die leckere Bratwurst ,to go‘ im Hier und Jetzt, das große Glück ist es, leichter, fitter, beweglicher und eventuell sogar schmerzfreier in der Zukunft zu sein.“ Aber wieso ist Vernunft hier so schwierig?

Neurologisch begründet liegt das Schweinehund-Phänomen im limbischen System. Dies ist die Machtzentrale des Gehirns – unserer Emotionen. Der Konflikt zwischen der Pizza-Burger-Eiscreme-Ecke und der Haferflocken-Rettich-Hüttenkäse-Fraktion wird dort entschieden. Rationalität hat absolut keine Chance. Das limbische System befriedigt nämlich Bedürfnisse im Hier und Jetzt und denkt nicht an Konsequenzen. Verhaltensänderungen müssen deshalb mit positiven Emotionen verknüpft werden, damit sie Spaß machen. Der glückliche Gedanke an die Zeit, in der Bewegung im Grünen unbeschwert und schmerzfrei möglich ist oder Treppensteigen problemlos zum Alltag gehört, kann helfen, um das langfristige Ziel zu erreichen. Ein motivierender Gedanke könnte sein: „Jede Treppen bringt mich meinem längeren und gesünderen Leben näher!“ Außerdem ist es wichtig, das schlechte Verhalten mit negativen Assoziationen zu verknüpfen, so wie das Sprichwort schon sagt: „Wer rastet, der rostet!“ Das Gehirn wird so mehr oder weniger wissentlich manipuliert und ausgetrickst.

Es ist überall bekannt: Traditionelle Mittelmeerküche ist per se sehr empfehlenswert und damit ist nicht die Pizza gemeint! Das Wissen, dass viel frisches Gemüse, Rohkostsalate, Hülsenfrüchte, Obst, Käse, wöchentlich Fisch, Meeresfrüchte, Getreideprodukte und Olivenöl in Maßen optimal für eine gesunde Essweise sind, haben die meisten Menschen, erklärt Faustin. Aber die Umsetzung, sich die Zeit dazu zu nehmen, ist für viele schwierig. Manche lassen sogar Mahlzeiten ausfallen. Somit sagt ihnen das Gehirn: „Du hast heute noch nicht viel gegessen!“ Dann werden Leckereien, süße oder deftige Snacks nebenbei verzehrt. Dass diese aber oft viel mehr Energie liefern, ist den wenigsten bewusst: Vier Kekse entsprechen einem belegten Brötchen, eine 300 Gramm Tüte Fruchtgummi über den Tag verteilt gegessen, hat knapp 1.000 Kalorien!

Wenn der Griff zu den Süßigkeiten und Snacks aufhören soll, gibt es verschiedene Ansätze. Umweltkontrolle: Das Reduzieren oder Einsparen fängt beim kontrollierten Einkaufen schon an. Manche Patienten von uns verstauen auch ihre Süßigkeiten wie den Wein weit hinten im Keller, um den Weg dorthin zu erschweren, berichtet Faustin. Ablenkungsmanöver: Den Kopf mit allen Sinnen durch beispielsweise Telefonieren, Spazierengehen, PC-Spiele oder Hobbys vom Süßhunger ablenken.

Das Belohnungssystem im Gehirn sollte aber dennoch stets angesprochen werden. Sich auch mal etwas zu gönnen ist für den Gemütszustand wichtig. Allerdings sei es passender, sich mit etwas zu belohnen, das nichts mit dem ursprünglich negativen Verhalten zu tun habe, so Faustin – lieber mit einer Wärmflasche und guter Musik aufs Sofa kuscheln oder mit Freunden Bowlen statt ins Restaurant gehen. Das, was es häufig so schwer mache, ist der zu starke Druck. Zu hohe Ziele, zu unrealistische Anforderungen an sich selbst – „Dabei sind wir doch alle nur Menschen und keine Maschinen“, sagt Faustin. Wichtiger sei es, Situationen realistisch und fair zu sich selbst zu bewerten und sich Etappenziele zu stecken. „Kleine Schritte“, sagt die Expertin, „und dabei einfach Spaß haben, dann wird es gelingen.“