Eine Frage der Verantwortung

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Text von: Stefan Liebig

Betriebliches Gesundheitsmanagement ist auch in Südniedersachsen auf dem Vormarsch. Regionale Unternehmen zeigen, wo es lang geht.

Wer schlägt nicht gerne zwei Fliegen mit einer Klappe? Gerade, wenn es um das Thema Gesundheit geht, klingt es für Betriebe besonders verlockend, den Krankenstand zu senken und gleichzeitig das Teambuilding zu fördern. Gerade Unternehmen mit größerer Beleg schaft, wie zum Beispiel die Göttinger Verkehrsbetriebe (GöVB), die rund 350 Mitarbeiter beschäftigen, räumen dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) daher immer mehr Bedeutung ein.

„Wir haben mit Betriebsrat Peter Wolter einen Gesundheitsmanager, der einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitszeit für die Organisation und Verbesserung unserer BGM-Angebote aufwendet“, erklärt der GöVB-Geschäftsführer Michael Neugebauer.

Das professionelle Engagement zeigt sich dabei nicht nur im sinkenden Krankenstand, der von zwölf Prozent im Jahr 2011 auf aktuell neun Prozent gesunken ist, sondern auch in einer gestiegenen Zufriedenheit der Mitarbeiter. Kein Wunder, dass das Gesundheitspaket aus Zuschüssen zu Fitnessstudios, einem aktiven Pausenraum für Busfahrer, frischem Obst für alle Mitarbeiter und einigen weiteren Angeboten auch bei Wettbewerbsjurys gut ankommt: Die Verkehrsbetriebe konnten sich bei der von der Gesundheitsregion Göttingen und dem KaufPark veranstalteten Gesundheitswoche den ersten Platz sichern, weil sie mit ihrem Gesamtkonzept überzeugten – noch vor der Bäckerei Thiele, den Göttinger Werkstätten und dem Asklepios Fachklinikum Göttingen.

Wie sich am Beispiel des Gewinnerbetriebes leicht erkennen lässt, machen sich Investitionen im Gesundheitsbereich schnell bezahlt. Ein Rückgang des Krankenstandes, eine verbesserte Grundstimmung im Betrieb sowie leistungsfähigere Mitarbeiter gleichen die entstehenden Kosten für Schulungen, Umbauten oder Möbelanschaffungen sowie Ausgaben für Gesundheitskurse wieder aus. Zudem stellen sie einen nicht zu unterschätzenden Vorteil bei der Mitarbeiter suche dar.

„Wir werden von Bewerbern immer häufiger auch nach Gesundheitsangeboten gefragt“, erzählt Melanie Gödeke, Personalleiterin bei Fagus-GreCon.

Das Alfelder Unternehmen nutzt das Betriebliche Gesundheitsmanagement nicht nur zur Stabilisierung des „mit 2,6 Prozent ohnehin sehr geringen Krankenstandes“, sondern auch für das eigene Arbeitgebermarketing. Hautscreenings, gemeinsame Sportaktivitäten, Massagen und Sportgeräte gehören unter anderem zu den Angeboten, die von den 270 Mitarbeitern rege genutzt werden – alleine 90 von ihnen gehen regelmäßig ins Fitnessstudio und erhalten dafür eine finanzielle Unterstützung vom Arbeitgeber.

Um bei den Unternehmen noch mehr Bewusstsein für die zunehmende Bedeutung von Vorsorge zu schaffen, erließ das Bundeskabinett 2014 das Präventionsgesetz. Dies war sicher auch eine Reaktion auf die seit 2007 stetig steigenden Krankentage der bundesdeutschen Beschäftigten: So ,feierte‘ im Jahr 2015 jeder Arbeitnehmer im Schnitt zehn Tage krank. Neben neuen Bestimmungen für Schulen und Kindertagesstätten bildete daher das BGM einen der Kernpunkte des Gesetzespakets, um die Anzahl der Krankentage zu senken. Insbesondere Sozialversicherungsträger wie gesetzliche Krankenkassen, Rentenversicherungsträger, soziale Pflegeversicherungen und Berufsgenossenschaften werden damit in die Pflicht genommen, die Zusammenarbeit in der Gesundheitsvorsorge zu optimieren und so die volkswirtschaftlichen Belastungen zu minimieren. Für die Unternehmen bedeutet dies, dass sie insbesondere auf vielseitige Förderprogramme der Kranken- und Rentenkassen zugreifen können. Gerade kleine Betriebe können so auf die für sie kaum zu bewältigende Installation eines Gesundheitsmanagers nach dem Beispiel der GöVB verzichten. Mit dieser Unterstützung in Verbindung mit einem regionalen Gesundheitsanbieter können effektive Wege für die Verbesserung von Arbeitsabläufen und -umfeldern für das Wohlbefinden aller entwickelt werden.

„Heben und Bücken gehört bei uns zum Arbeitsalltag. Bei diesen Bewegungen wurden unsere Mitarbeiter gefilmt. Die anschließende Analyse zeigte eindrucksvoll, wo Optimierungsbedarf besteht“, berichtet Axel Artmann.

Er ist Geschäftsführer von ,Das Backhaus‘ in Gleichen und freut sich über das große Interesse seiner 30 Mitarbeiter an dem Vorbeugungsprogramm. Anfang 2016 entschloss sich die Geschäftsführung zu umfangreichen Maßnahmen auf diesem Gebiet. Aus Artmanns Sicht steht dabei nicht die Senkung des Krankenstandes im Hauptfokus, sondern die Zufriedenheit der Mitarbeiter und der Aspekt, sich außerhalb der
Arbeitsroutine kennenzulernen.

Auffallend ist, dass in Deutschland die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2000 und 2011 um gut 50 Prozent und die der Arbeitsunfähigkeitstage um rund 56 Prozent zugenommen haben. Wie eng Körper und Geist dabei zusammenspielen, lässt sich leicht an zwei Beispielen erklären: Zunehmend wird erkannt, wie häufig Rückenschmerzen von seelischen Problemen herrühren. Im Arbeitsumfeld kann Mobbing ein Grund sein. Auf der anderen Seite führen körperliche Beschwerden stets zu einer psychischen Belastung, insbesondere wenn sie immer wieder oder gar chronisch auftreten. BGM bietet für beide Problemfelder Lösungen, wie Inge Mathes vom Deutschen Theater in Göttingen zu berichten weiß. Die Kommunikationsleiterin ist von der vor fünf Jahren begonnenen und inzwischen intensivierten Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten begeistert.

„Ich habe das noch in keinem anderen Theater, an dem ich vorher beschäftigt war, erlebt. Mithilfe von Präsentationen und praktischen Anweisungen erfahren wir, wie wir unseren Arbeitsplatz und unsere Abläufe gesünder gestalten können“, erklärt sie und freut sich über die Stärkung von Muskeln und Abwehrkräften.

Selbst die eigentlich zumeist topfitten Schauspieler beteiligen sich an den Gesundheitsmaßnahmen. Insgesamt wünscht sich Mathes aber eine noch größere Beteiligung der insgesamt 170 Mitarbeiter. Wie all diese regionalen Beispiele zeigen, ist ein gutes Gesundheitsmanagement – gerade auch in Zeiten des Fachkräftemangels – ein immer wichtigerer Hebel für den Erfolg. Doch auch aus unternehmerischer Verantwortung heraus sollte die Gesundheit der Mitarbeiter das höchste Gut darstellen. Schlussendlich obliegt es jedoch jedem Einzelnen, auf sich und seine Gesundheit zu achten und die Angebote – sofern vorhanden – auch wahrzunehmen. Denn natürlich ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich, und auch wenn es wie eine schon zu oft gebrauchte Redensart klingt:

„Von nichts kommt nichts!“