Eindrucksvoller Stoff

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

375 Jahre Einbecker Blaudruck – eine Kunsthandwerkertradition, die ihre Spuren auch in unserer Alltagssprache hinterlassen hat.

Die Redewendungen ,blaumachen‘ oder ,grün und blau schlagen‘ sind den meisten Menschen wohl bekannt. Ihren Ursprung hingegen kennen die wenigsten.

Tatsächlich ist es der Blaudruck, der uns zu diesen geflügelten Worten verholfen hat. So vermuten Historiker die Herkunft des ,Blaumachens‘ in dem freien Tag, der auf einen Färbetag folgte. Diesen Tag brauchte der gefärbte Stoff, um an der Luft zu oxydieren.

Und da die Menschen annahmen, dass der Blaufärber während dieser Oxydationszeit untätig blieb, entstand die Redewendung als Synonym für Müßiggang. Statt abzuwarten konnten die Stoffe auch mit Stöcken geschlagen werden, um sie mit Sauerstoff anzureichern, woraus wiederum ,grün und blau schlagen‘ entstanden sein dürfte.

Diese Spuren in unserem alltäglichen Wortschatz führen uns die Bedeutung des Färberhandwerkes in früheren Jahrhunderten demonstrativ vor Augen.

Nachhaltige Spuren sind es auch, die der Einbecker Blaudruck in der Bierstadt hinterlassen hat. Denn in diesen Tagen begeht das Traditionsunternehmen seinen 375. Geburtstag.

Bereits 1638 – als der Dreißigjährige Krieg in Europa tobte – gründete Hans Wittram die Färberei in der Wolperstraße. Nach einem Umzug im Jahre 1767 befand sie sich für 19 Jahre in der Tiedexer Straße, bevor sie den heutigen Standort am Möncheplatz bezog.

Hans Wittrams Sohn Hans-Heinrich war es vermutlich, der um 1700 den Blaudruck einführte. Und wer heute in die Werkstatt kommt, der fühlt, wie sich der Duft der Geschichte mit dem Farbgeruch vermischt. Wände voller Blaudruckstempel, sogenannte Modeln, lassen erahnen, wie viel liebevolle Arbeit hier in den letzten Jahrhunderten stattgefunden hat.

Über 15 Generationen

Über 15 Generationen leiteten die Wittrams den Blaudruck. Im Jahr 2005 stand jedoch kein familiärer Nachfolger mehr zur Verfügung.

Mit Ursula Schwerin und Ulf Ahrens fanden sich schließlich aber doch noch zwei verantwortungsvolle und geschichtsbewusste Fachleute, die das Unternehmen und die Tradition weiterführen wollten.

Schwerin arbeitete früher als Landwirtschaftlich-Technische Assistentin beim Saatzuchtunternehmen KWS, ging dann in Mutterschutz und hatte durch ihren Wohnort gegenüber des Einbecker Blaudrucks schon Kontakt zum Unternehmen.

Trotzdem war auch sie überrascht von der Entwicklung: „Eigentlich kam ich hier ins Unternehmen wie die Jungfrau zum Kinde. Aber da ich mit meinem jetzigen Geschäftspartner schon lange befreundet bin, reizte mich die Aufgabe.“

Dass sie den Blaudruck bereits ein halbes Jahr nach den ersten Gedankenspielen übernahmen, ist ein Beleg für die gute Überzeugungsarbeit, die Ahrens leistete.

Kein Wunder – schließlich ist er seit 1985 im Unternehmen tätig.

27 Arbeitsschritte

Und wer ihn bei den 27 Arbeitsschritten, die für den Blaudruck nötig sind, beobachtet, der merkt, mit wie viel Hingabe er das alte Handwerk ausführt.

Zunächst muss er dabei den sogenannten Druckpapp – der nach einem 200 Jahre alten Rezept aus Gummi Arabicum und essigsaurer Tonerde gemischt wird – sorgsam verstreichen.

Entscheidend hierbei ist: Die zähflüssige Masse darf weder Krümel noch Luftblasen enthalten. Ist der Druckpapp fertig vorbereitet, kommen einer oder mehrere der bereits erwähnten 800 Modeln zum Einsatz.

Hierauf befinden sich entweder die verschiedenen abstrakten Muster, diverse biblische Motive oder sogar ganze Bildergeschichten – wie etwa die des historischen ,Einbecker Biertrecks‘ mit dem vor etwa 400 Jahren Einbecker Bier an die Herzöge Bayerns geliefert wurde. Dabei ist unschwer zu erkennen, um was für wertvolle Schätze es sich bei den Modeln handelt.

Früher gab es übrigens über 20 Formstecher, die für die Einbecker Färbereien solche – anfangs aus Birn- oder Buchsbaumholz gefertigten – Druckplatten herstellten. Bis 1940 schnitzten die Wittrams ihre Modeln sogar selbst.

Doch mit dem stetigen Verschwinden des Färberhandwerks mussten auch die Formstecher ihr Handwerk aufgeben. Für die heute noch etwa 20 Blaudruckereien in Deutschland gibt es nur wenige Formstecher, die das Handwerk noch aus Liebhaberei betreiben. Für Ulf Ahrens sind die Modeln aber unerlässlich.

Ähnlich dem Kartoffeldruck setzt er sie erst in den Druckpapp und anschließend auf den gepressten Stoff, der auf dem benachbarten Tisch ausgebreitet ist.

„Was wir jetzt hören, ist das für den Blaudruck typische Geräusch“, sagt Ahrens, während er mehrfach auf den zuvor sorgfältig auf dem Stoff platzierten Model klopft.

Dieser Schritt wiederholt sich nun erstaunlich schnell, bis das Muster an allen vorgesehenen Stellen aufgetragen ist. Der so vorbereitete Stoff muss nun eine Stunde trocknen.

Bevor das eigentliche Färben beginnen kann, müssen alle zu färbenden Stoffe – vom Taschentuch über Kleidungsstücke bis zum Vorhang – von den beiden Näherinnen zusammengenäht werden. Die so entstehenden bis zu zwei Mal dreißig Meter langen Stoffbahnen werden nach dem Nähen in große Spulen, sogenannte Sternreifen, eingehängt.

Einmal monatlich findet ein Färbetag statt. „Das ist eine ganz schöne Keulerei“, sagt Ahrens. Vier bis fünf Mitarbeiter ,fegen‘ dann hektisch durcheinander, um die über 50 Stoffbahnen richtig einzufärben.

Und um das fertige Produkt bewundern zu können, muss in den aufgeheizten Räumen des Betriebes anschließend noch der Druckpapp im Laugenbad ausgewaschen werden. Das charakteristische Muster erhalten die Blaudruckprodukte dort, wo anfangs der Druckpapp aufgetragen wurde.

Die Muster sind nämlich keineswegs blau – wie man aufgrund des Druckverfahrens vielleicht vermuten könnte –, sondern weiß. Denn die Stoffe sind es, die die Farbe annehmen, während die Muster durch den Druckpapp ausgespart bleiben.

Doch verkaufsfertig sind die Stoffe noch immer nicht. Sie müssen erst getrocknet, gemangelt, umsäumt und eventuell zum gewünschten Endprodukt geschneidert werden. Wenn dies geschehen ist, holt sie entweder der Auftraggeber ab, oder sie kommen in das Blaudruckgeschäft, in dem es neben den hauseigenen Produkten Handtaschen, Präsente und vieles mehr gibt.

Ein uraltes Kunsthandwerk stirbt aus

Der Blaudruck ist ein uraltes Kunsthandwerk, das leider – wie bereits erwähnt – nur noch von gerade einmal 20 Betrieben in ganz Deutschland angeboten wird.

Wie andere Branchen müssen sich heute auch die Blaudrucker gegen die industrielle Ware durchsetzen und ausreichend Liebhaber finden, die bereit sind, für die hochwertigen, handgefertigten Produkte einen angemessenen Preis zu zahlen. Wer jedoch den aufwändigen Herstellungsprozess einmal miterleben durfte, der wundert sich vermutlich über die äußerst moderaten Preise des Einbecker Unternehmens.

Wie viele Generationen das Jubiläumsunternehmen noch erlebt und ob sich für die jetzige Geschäftsführung Nachfolger finden werden, „darüber möchten wir uns jetzt noch keine Gedanken machen“, sagt Ursula Schwerin. „Wir haben die Firma 2005 erst übernommen und möchten unseren Kunden natürlich auch noch in der Zukunft weiterhin erstklassige Handarbeit anbieten.“

Doch wie sehr ihr und Ulf Ahrens dieses alte, aber noch immer eindrucksvolle Kunsthandwerk inzwischen am Herzen liegt, spürt jeder, der den Einbecker Blaudruck besucht.

 

 

Ein altes Handwerk

Hervorgegangen aus dem traditionellen Färberhandwerk ist der Blaudruck eine Erfindung des frühen 18. Jahrhunderts. Unter dem Konkurrenzdruck vielfarbiger, billiger Druckstoffe aus Fernost entwickelten die europäischen Färber eine Methode, die bislang einfarbig blauen, mit Färber-Waid und Indigo gefärbten Stoffe zu ,bedrucken‘.

Es handelt sich dabei aber eigentlich um eine Reservetechnik ähnlich der Druckbatik.

Im StadtMuseum Einbeck werden in der Ausstellung ,Geschichte und Technik des Blaudrucks‘ nachvollziehbar. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 – 16 Uhr, Führungen nach Vereinbarung. www.stadtmuseum-einbeck.de