©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Michael Birlin ist neues Vorstandsmitglied der Sparkasse Göttingen. Nach vielen Stationen in ganz Deutschland sucht er jetzt hier seine neue Heimat. Weil es nicht nur am Rhein so schön ist.

Als Michael Birlin vor rund 35 Jahren seine Ausbildung bei der Deutschen Bank in Köln begann, sah seine erste Aufgabe jeden Morgen so aus: hinter dem Schalter niederknien, eine Box herausziehen und von Hand einen Stapel Kontoauszüge einsortieren – einzeln für jeden Kunden. Da scheint es kaum mehr verwunderlich, dass sein damaliger Filialleiter auch erwartete, dass die Angestellten nicht nur die Namen ihrer Kunden kannten, wenn sie in die Bank kamen, sondern auch deren Kontonummer auswendig wussten. „Ich bin immer als Erster auf die Kunden zugegangen, weil ich schon damals so viel Freude hatte am Vertrieb, am Bankgeschäft und an der Kundenbetreuung“, erzählt Birlin, der neue stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Sparkasse Göttingen. „Nur wenige Jahre danach entdeckte ich meine Liebe für das Wertpapiergeschäft – und habe selbst früh angefangen, in diesem Metier Erfahrungen zu sammeln.“ Der 53­Jährige muss schmunzeln, wenn er an die Anfänge seiner Karriere zurückdenkt, entschied er sich doch unter anderem auch deshalb für eine Bankausbildung, weil er seinen älteren Bruder, ebenfalls ein Banker, so bewunderte: immer Anzug, immer Krawatte – immer schick.

Seit dem 1. April besetzt Birlin nun seinen Posten in der Vorstandsetage des neuen Sparkassen­Forums am Groner Tor. Aus seinem Büro kann er über die Dächer der Göttinger Südstadt blicken und sieht die grünen Hügel am Rande der Stadt. Doch viel Zeit hat er dafür nicht. „Die ersten Tage in meinem Amt verbrachte ich hauptsächlich damit, mir einen Überblick zu verschaffen. Und das ist auch heute noch Teil meiner Arbeit“, erklärt der gebürtige Kölner, der ab sofort neben dem Vorstandschef Rainer Hald innerhalb des Geschäftsgebiets das Gesicht der Sparkasse sein wird. „Denn um die Sparkasse hier weiter voranzubringen, muss ich ihre DNA verstehen und die Region besser kennenlernen.“

Im Auswahlverfahren für den Vorstandsposten setzte sich Birlin auch deshalb gegen insgesamt 50  Mitbewerber durch, weil er über die Jahre besonders im Vertrieb und in der Mitarbeiterführung wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte und seine Kompetenz unter Beweis stellen konnte. „Mein Motto ist: In Chancen denken anstatt in Risiken – auch wenn man als Banker natürlich immer das unternehmerische Risiko mit im Blick hat“, sagt Birlin.

In Chancen zu denken, hat ihm schon oft geholfen, gute Entscheidungen für seinen weiteren Karriereweg zu treffen. Wie damals als er, 24 Jahre alt, nach New York flog, um Urlaub zu machen. Er hatte seine Ausbildung abgeschlossen und ein BWL­Studium begonnen, um seinem beruflichen Ziel, dem Private Banking und Wertpapierhandel, näher zu kommen. „Ich war an der Wallstreet und kam an der Commerzbank vorbei. Da ging ich kurzentschlossen hinein und fragte, ob sie nicht zufällig einen Praktikanten suchten …, und ich bekam tatsächlich diesen heiß begehrten Job“, erzählt Birlin sichtlich zufrieden.

Auch als er nach dem Studium bei der HypoVereinsbank in München als Trainee anfing, fragte man ihn dort nach kurzer Zeit, ob er sich vorstellen könne, für diese Bank auch in Dresden zu arbeiten. Er sagte sofort Ja. Es war das Jahr 1993 – die erste Euphorie der Grenzöffnung verflüchtigte sich, aber es war dennoch eine Zeit, in welcher sich in den neuen Bundesländern vieles bewegte. Heute sagt Birlin, dies sei eine der besten Entscheidungen seines Lebens gewesen. „Da hat niemand gefragt, wie viel Erfahrung man hat. Man hat einfach alles gemacht: Ob Sanierungsfälle, junge Existenzgründer – auch eine riesige Finanzierung über 2,7 Milliarden für den Bau eines Computerchip­Werkes habe ich mitarrangiert. Für einen jungen Menschen waren die eigenen Entscheidungs­ und Verantwortungsräume unvorstellbar“, sagt er und erinnert sich an die Zeit, als er noch nicht einmal dreißig Jahre alt war.

Michael Birlin blickt bereits auf ein – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegtes Leben zurück. Immer mit an seiner Seite: seine Frau Andrea. Sie folgte ihrem Mann von Köln nach Dresden und von dort nach Berlin, wo Michael Birlin Großkundenberater und Leiter der Firmenkundenabteilung bei der HypoVereinsbank wurde. Dann zog sie mit ihm und den drei Töchtern weiter nach Hannover, wo er zehn Jahre für die HSH Nordbank die Region Nordost verantwortete, im Anschluss nach Mainz, wo er 2014 Verhinderungsvertreter des Vorstandes der Sparkasse wurde und das Firmen­Immobilien­ und gehobene Privatkundengeschäft übernahm, und zu guter Letzt nach Göttingen. Hier zeigt sich der Familienmensch Birlin. „Ich bin meiner Frau unendlich dankbar dafür“, so der dreifache Vater, der weiß, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. „Meine Frau hatte von Anfang an gesagt, ich kann überall hingegen, aber sie möchte keine Wochenendehe.“ Neben der Familie, die an den freien Tagen immer im Mittelpunkt steht, interessiert er sich für Sport und im Besonderen für den FC Köln. Aber auch für kulturelle Themen ist er zu begeistern.

Heute sitzt der Mann aus dem Rheinland zwar im Sparkassen­Forum an einem Besprechungstisch, sein humorvolles und geselliges Naturell verliert er aber auch hier nicht. Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Vertrauen entstehen schließlich nicht dadurch, dass man den Krawattenknoten geraderückt. „Was mich an dem Vorstandsposten gereizt hat, ist vor allem, dass die Sparkasse auf Wachstumskurs und Digitalisierung setzt und nicht ausschließlich auf: Kosten sparen, Kosten sparen, Kosten sparen.“

Er erzählt, ist interessiert und aufgeschlossen, möchte mehr über die Erfahrungen seines Gegenübers wissen. Authentisch ist er und eben auch glaubwürdig, wenn er sagt: „Ich stehe hier für Offenheit und Klarheit.“ Dabei bezieht er seinen Standpunkt nicht nur auf die Kundenbetreuung, sondern ebenso auf das Verhältnis zu den rund 620 Angestellten der Sparkasse Göttingen. „Jeder, der hier arbeitet, trägt zum Erfolg und zur Gestaltung der Sparkasse mit bei“, sagt er. Das ist seine Vorstellung, aber auch seine Erwartungshaltung. „Wenn ein Teil der Mitarbeiter sich auf dem Spielfeld tummelt und andere sich bereits auf die Tribüne oder die Zuschauerplätze gesetzt haben – da habe ich ein Thema mit.“ [Anm. d. Red. Rheinländisch für: Damit habe ich ein Problem.] Er scheint ein echter Teamplayer zu sein, der an der richtigen Stelle aber durchaus ein – wie er es nennt – „stotterfreies Nein“ aussprechen kann. Klare Worte und ein klarer Blick in die Zukunft.