©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Im Leben kommt es nicht darauf an, wo wir herkommen. Es kommt darauf an, was wir aus den Zutaten machen, die das Leben uns gibt. Folglich muss man, um ein richtig gutes Pesto herzustellen, auch nicht aus Ligurien stammen – das beweist Moritz Macke mit seinem Erfolgsrezept in der Silberborner Pestowerkstatt.

Wer kennt es nicht, das klassische Pesto Genovese? Mit dieser berühmten ­kalten, grünen Kräutersauce wurden der italienische Landstrich Ligurien – und dort speziell die Hafenstadt Genua – international bekannt. Angeblich liegt hier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Ursprung: die Entwicklung jenes Rezepts, nach dem bis heute das wohl beliebteste Pesto der ganzen Welt hergestellt wird. Der ganzen Welt? Nicht ganz. Eine kleine Pestowerkstatt in Silberborn, einem rund 680-Seelen-Dorf mitten im Solling, hat dem Liebling den Kampf angesagt. Seit rund zwei Jahren läuft hier in der Küche des Landhauses ‚Sollingshöhe‘ die Produktion von ganz besonderen Pesto­sorten auf Hochtouren. Eine abenteuerlich anmutende und dennoch wahre Geschichte, die ihren Anfang an ­einem bierseligen Abend fand.

„Es war ein Abend wie einer von vielen. Ich habe mit Freunden ein wenig gefeiert, und wir bekamen gegen Mitternacht noch einmal so richtig Hunger“, erzählt Moritz Macke, Gründer der Silberborner Pestowerkstatt. Spaghetti waren schnell gekocht – jedoch so ‚trocken‘ mochte sie niemand essen. Moritz Macke war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt und in jenem oben genannten Gasthaus als Sohn des Besitzers Carsten Macke aufgewachsen. Gutes Essen und frisch zubereitete Speisen gehörten für ihn zum Alltag. „So entwickelte ich in dieser Nacht quasi aus der Not heraus zusammen mit meinem langjährigen Freund Marvin Böker das erste Pesto – das bis heute in unserem Sortiment ist“, sagt der Jungunternehmer ­lachend und erinnert sich zufrieden an die unverhofft leckere Sauce, die er – damals noch als Koch-Azubi – zu später Stunde auf den Tisch brachte: Orange-Ingwer-­Tomaten-Pesto.

Und so kam es auch, dass er zusammen mit eben ­jenem Jugendfreund die kleine Manufaktur gründete. Moritz Macke ist noch sehr jung, als er sich entschließt, sein eigener Chef zu werden – wenn auch bis auf Weiteres im Nebenberuf: „Bis ich von den Einnahmen leben kann.“ Trotz anfänglicher Missgeschicke, sein Entschluss stand fest. „Alles begann wirklich ganz spartanisch. Marvin und ich haben in der Gastroküche meines Vaters gestanden und mit einem handelsüblichen Standmixer die ­ersten Pesti hergestellt, die wir dann mit kleinen Löffeln in ­Gläser abfüllten – wobei so einiges danebenging“, schildert Macke und muss noch heute über die ersten hol­prigen Schritte zum Erfolg schmunzeln. Die Etiketten für die Gläser wurden im heimischen Büro ausgedruckt und mittels Klebestift aufgeklebt.

Es war der Tüftler- und ­Start-up-Geist, der die zwei jungen Männer antrieb. Hauptsache, erst einmal anfangen, hieß das Motto. Erst einmal feststellen: Braucht die Welt ihre Idee überhaupt? Sind Menschen wirklich bereit, für ihr spezielles Pesto mehr Geld auszugeben als für das der großen Produzenten, die nur die Hälfte kosten? Die Antwort bekamen sie schnell: Ja. Es fanden sich mehr und mehr Liebhaber für die neuen Kreationen aus Silberborn.

Heute, gut zwei Jahre später, ist Böker nicht mehr dabei – dafür steht Vater Carsten dem Sohn geschäftlich zu Seite. Moritz Macke hat seine Ausbildung zum Koch abgeschlossen und arbeitet hauptberuflich im Restaurant der Eltern. An den Tagen, an denen das Landhaus Sollingshöhe seine Ruhetage hat, wird die Küche noch immer zur Pesto-Manufaktur. „An meinen freien Tagen stehe ich in der Küche und produziere Pesto – bis zu 1.000 Gläser pro Tag“, sagt Macke und gesteht, dass dadurch inzwischen wenig Zeit für andere Dinge bleibt. Denn die Absatzzahlen steigen stetig – und mit ihnen die Ausrüstung. Längst wurde der handliche Standmixer ­gegen einen großen Industrie-Cutter ausgetauscht, der bis zu 20 Liter Pesto mit einem Mal verarbeiten kann. Macke erstand eine professionelle Abfüllanlage, sodass das verschwenderische Kleckern ebenfalls der Vergangenheit angehört. Und in liebevoller Handarbeit baute er einen Verkaufsanhänger zum Markenbotschafter für sein Pesto um – mit der selbstbewussten Aufschrift: das geilste Pesto im Dorf. Selbst während des Lockdowns gab es viel Bewegung: Aktuell bauen Vater und Sohn den ehemaligen Festsaal des Landhauses zur neuen Produktionsstätte um, um auf Größeres vorbereitet zu sein.

Denn trotz der derzeitigen wirtschaftlichen Lage: Das Wachstum bei den Silberbornern hält an. Inzwischen ist das Sortiment der Pesto-Werkstatt in Südniedersachsen bei knapp 35 Verkaufsstellen und im hauseigenen Onlineshop zu finden. Und es kommen weitere Anfragen, auch von überregionalen Märkten. Das Angebot ist auf fünf feststehende Sorten erweitert: Pesto-­Tomate, Tomaten-­Pesto-Diavolo, Tomaten-Pesto­­Orange-­Ingwer, Tomaten-­Pesto-Knobi und Senf-Knobi-Creme. Zusätzlich gibt es je eine Winter- und eine Sommersorte: Pesto-I­ndia und Tomaten-Pesto-Barbecue.

Doch was macht das Pesto aus dem Solling eigentlich so besonders? „Unsere Kunden lieben unsere Produkte aus zwei Gründen: zum einen, weil sie ganz ohne Nüsse auskommen, und zum anderen, weil wir uns regional verbunden fühlen“, erklärt Macke bestimmt, um dann zwinkernd zu ergänzen: „Und weil sie einfach lecker sind.“

Im letzten Jahr hätte er mit seinem Verkaufsanhänger auf 20 Veranstaltungen in der Region fahren sollen. „Sie wurden alle abgesagt“, erzählt der gebürtige Silberborner, der seine dörfliche Herkunft und die Verbundenheit mit der Region aus vollem Herzen lebt. Für ihn war es selbstverständlich, ein regionales Produkt auch in der Heimat zu verorten. „Unser erstes Produkt, was wir auf den Markt brachten, war die Senf-Knobi-Creme, die wir in Kooperation mit der Einbecker Senfmühle entwickelt haben“, sagt der heute 21-Jährige. Die Gläser dafür stammen aus der Glashütte Noelle + von Campe in Boffzen, und das Rapsöl kommt von der Ölmühle Ottensteiner Hochebene. Auch die Etiketten werden mittlerweile nicht mehr zu Hause ausgedruckt, sondern professionell von einer Druckerei geliefert. „Soweit es uns möglich ist, nutzen wir unser regionales Netzwerk und regionale Zutaten – was bei getrockneten Tomaten natürlich nicht möglich ist“, so der Jungunternehmer. Was er nicht sagt, aber spürbar ist: In jedem der Produkte steckt viel Herzblut. Was er sagt: „In unserem Pesto sind nur Zutaten, die auch reingehören. Keine Streckmittel, kein Tomatenmark und keine Aromen. Wir machen ein ehrliches Produkt. Schließlich ist da mein Gesicht drauf.“

Und wie sehen die Pläne für die Zukunft aus? „Im Moment ist es gut, dass ich noch einen festen Job habe und ohne Stress mein eigenes Unternehmen aufbauen kann, denn das ist mein großer Traum“, sagt Macke selbst­bewusst und ohne viel Aufhebens darum zu machen. Trotz seiner jungen Jahre scheint er sehr genau zu wissen, was er will: „Ich will mir ein Leben aufbauen, wie ich es gern hätte, ohne Abhängigkeiten.“

Viel Selbstbewusstsein und ein ehrliches Produkt. Das klingt nach einem Erfolgsrezept. Bisher weisen die Signale eindeutig in diese eine Richtung. 2019 klingelte ­bereits die Chefredakteurin des Magazins ,Der Feinschmecker‘ bei Moritz Macke und bat um ein Interview. „Ich war vollkommen überrascht und konnte es gar nicht glauben, dass die auf mich aufmerksam geworden sind“, erzählt er mit einem breiten Grinsen, das zeigt, wie sehr er sich noch heute darüber freut. Doch auch regional hat er sich mit seinen Pestokreationen schon einen Namen gemacht: Er erhielt das Siegel ‚Echt! Solling-Vogler-Region‘ des Vereins Solling-Vogler-Region, das zur Stärkung des regionalen Marktes als Qualitätssiegel vergeben wird, und ist Mitglied im Verband ‚Kostbares Südniedersachsen‘.

Das Pesto vom Dorfe wird aber vermutlich nur der Anfang einer Erfolgsgeschichte sein. „In den nächsten zwei, drei Jahren will ich mir einen Food-Truck zulegen und damit losfahren, um gutes, ehrliches Essen zu verkaufen: selbst gemachte Nudeln, Saucen und natürlich unser Pesto“, erklärt Macke. Er träumt von einer richtigen Produktion und von Angestellten, die mit derselben Leidenschaft dabei sind. Er wünscht sich noch mehr Verkaufsläden, die seine Produkte mit ins Sortiment aufnehmen, kleine Hofläden in der Region, die seine Spezialitäten anbieten. Er weiß, wofür er sich auch an freien Tagen oder nach Feierabend in die Küche stellt: für seinen Traum und seine Unternehmensmaxime. „Qualität überzeugt, da bin ich sicher“, sagt er als Schlusssatz – und den können wir so stehen lassen.