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Text von: Claudia Klaft

Im Jubiläumsjahr zeigt das Städtische Museum Göttingen in einer begleitenden Ausstellung 100 Jahre Händel-Festspiele in Göttingen. faktor gewährt einen musikalischen Vorgeschmack.

Wie alles begann … 1919 – der klangvolle Auftakt! Kurz nach Weltkriegsende und damit in der Zeit der Wiederbelebung der Kultur in Deutschland erscheint der Kunstgeschichtler Oskar Hagen als Dozent aus Halle erstmals in Göttingen auf der Bildfläche und wird hier sogleich zum Dirigenten der Akademischen Orchestervereinigung (AOV) gewählt. Die Legende erzählt, er habe sich krank darniederliegend mit alten Noten beschäftigt und wäre so auf Georg Friedrich Händel gestoßen, dessen Opern nach 200 Jahren fast in Vergessenheit geraten waren.

Allerdings fand Hagen bereits zu Studienzeiten in Halle Gefallen an dem Komponisten aus der Barockzeit. Auch wenn dieser in der Saale stadt geboren ist, aber meist in London gelebt hat und dort gestorben ist, verkörpern seine Werke für Hagen den „urdeutschen Stil des Geistes“, der nach dem Ersten Weltkrieg auf fruchtbaren Boden fällt. Hagens Tatendrang ist geweckt, schnell kann er begeistern – in der AOV ebenso wie in den Kreisen der Georgia Augusta. Er gewinnt Paul Thiersch, den Leiter der Kunstgewerbeschule in Halle, der ein expressionistisches Bühnenbild entwirft. Und – es waren Frauen im Spiel! Ehefrau Thyra Hagen-Leisner sang nicht nur die ausdrucksstarke Titel rolle, sondern übersetzt auch die Oper ins Deutsche. Ebenso wichtig ist Christine Hoyer-Masing, die Regie führt und den modernen Tanz später als choreografischen Ausdruck der Musik einsetzt.

1920: ,Rodelinde‘ feiert am 26. Juni 1920 zum Jahrestreffen der Universität Premiere. Mit weiten Räumen auf der Bühne passt die Inszenierung in die Zeit, in der Filme wie ‚Nosferatu‘ für volle Kinosäle sorgen – auch in Göttingen. Ein großer Erfolg, der überregional Kreise zieht: Bis Ende 1926 gibt es in ganz Deutschland 136 Aufführungen der Oper in dieser Fassung. Damit gilt Göttingen als Geburtsort der sich weltweit ausbreitenden Händel-Renaissance!

Oskar Hagen bringt noch zwei weitere Inszenierungen auf die Bühne, bis er 1924 dem Ruf an die Universität Madison/ Wisconsin (USA) folgt. Hier findet er die ihm in Göttingen versagte Festanstellung. Sein Mitstreiter Hanns Niedecken-Gebhard übernimmt die Oberspielleitung. Dabei setzt der Musikwissenschaft ler zunächst ebenso auf die expressionistische Bühnengestaltung als wichtige Ausdrucksform.

1931 gründet sich die Göttinger Händel-Gesellschaft mit dem 1. Vorsitzenden Walter Meyerhoff, der 45 Jahre sein Amt bekleidet und die Gesellschaft unter anderem durch die Wirren der Kriegs- und Nachkriegsjahre führt. 2008 gründen die Gesellschafter die Göttinger Händel- Gesellschaft, die Stadt Göttingen, der Landkreis Göttingen und die Stiftung Internationale Händel- Festspiele Göttingen eine gemeinnützige Festspiel-GmbH. Ein Modell, das bis heute das starke Engagement der Gesellschafter und damit den Fortbestand der Festspiele sichert.

1934–1953: Als ein ebenso langjähriger Akteur betritt der Dirigent Fritz Lehmann 1934 die Bühne. Der Künstlerische Leiter gibt seinen Einstand zur 200-Jahr-Feier der Georgia Augusta und bleibt bis 1953 federführend. Gut gestartet, doch Nationalsozialismus und Krieg führen zu Unterbrechungen der Händel-Festspiele und zwischenzeitlich immer wieder zum Ausfall. Erst 1945 gibt es wieder Befürworter. Mag sein, dass den Briten die Liebe der Göttinger zu Händel gefällt, der doch als britischer Staatsbürger und Nationalkomponist einer der ihren war. Jedenfalls gelingt bereits 1946 mit der Oper ‚Ariadne‘ unter der Regie von Niedecken-Gebhardt das Nachkriegsdebüt. 1947 avanciert Lehmann zum Intendanten des Theaters der Stadt Göttingen. So obliegt dem Ensemble auch die Durchführung des Händel-Programms.

Entscheidend: Gestartet als Vertonung deutschen Kulturgutes verlagern die Händel-Festspiele den Fokus auf die emotionale Klaviatur menschlicher Beziehungen sowie auf das internationale Wirken Händels, der als Wandler in Europa Großes leistete.

1950–1960 Doch politische Entschlüsse und gesellschaftliche Entwicklungen wirbeln auch durch die Nachkriegsjahre. In den 1950er-Jahren wird die Oper des Stadttheaters samt Theater- Orchester aufgelöst. Das Händel-Ensemble scheint durch den Rücktritt Lehmanns in Gefahr, doch Günther Weißenborn tritt 1960 in seine Fußstapfen. Der freigesetzte musikalische Leiter des Deutschen Theaters ist es auch, der mit engagierten Bürgern die Vereinigung Göttinger Symphonie Orchester e.V. (GSO) gründet. Fortan begleitet das GSO die Händel-Festspiele. Stadtkantor Ludwig Doormann setzt in seiner kurzen Amtszeit als Künstlerischer Leiter auf Oratorien, lädt aber auch mit einem Opern- Gastspiel aus Bremen die junge Montserrat Caballé ein.

1960–1980: Let the stars shine! Pianist und Kla vierbegleiter Weißenborn schenkt den Händel-Festspielen die internationale Ausstrahlung, indem er berühmte Solisten wie Dietrich Fischer- Dieskau, Julia Varadey, Bettina Cosack, Frieder Stricker, Hermann Prey oder Marilyn Horne nach Göttingen holt. Er engagiert hochkarätige Künstler aus Dänemark, Großbritannien, Holland, Italien, Polen und sogar Japan. Zwei Jahrzehnte ist er Gesicht der Händel- Festspiele und vor allem Garant für die Fortführung. 1979 gibt der 68-jährige Weißenborn die künstlerische Leitung ab.

1980: Living history! Größtmögliche Werktreue und historische Aufführungspraxis sind die Handschrift von John Eliot Gardiner ab 1980. Seine mitgebrachten Ensembles – Londoner Monteverdi-Chor und English Baroque Soloists – lösen das GSO ab. Gardiner bringt die historischen Instrumente wortwörtlich ins Spiel, und dank seines guten Rufs kommen auch Gäste aus den USA und Australien nach Göttingen. Sogar das deutsch-deutsche Verhältnis wird belebt: Anlässlich Händels 300. Geburtstag gastiert Gardiner mit ‚Israel in Egypt‘ und ‚Tamerlano‘ bei den Händel-Festspielen im ostdeutschen Halle.

1990–2009 Let’s entertain! Nicholas McGegan dirigiert schwungvoll und bringt ab 1990 mit seinem Spiel- und Wortwitz frischen Wind in die Festspiele. Er gründet das FestspielOrchester Göttingen, stellt die Oper wieder in den Mittelpunkt, legt Wert auf eine möglichst barocke Aufführungspraxis. Und er bringt, dank der erstmaligen Förderung des Landkreises, die Händel-Festspiele weiter in die Region. 20 Jahre lang begeistert McGegan nicht nur Händel-Liebhaber. Vor allem ‚Admeto‘ bleibt aus seiner Zeit in Erinnerung. Die Inszenierung 2009 von Doris Dörrie mit dem ausdrucksstarken Butoh-Tanz ist so außergewöhnlich, dass sie noch lange Gesprächsstoff ist.

Ab 2011 Time to celebrate! Seit 2011 sind Intendant Tobias Wolff und der Künstlerische Leiter Laurence Cummings ein Team. Esprit (Wolff) und Sensibilität (Cummings) treffen fruchtbar aufeinander. Der britische Dirigent und Cembalist lenkt das Orchester mit kleinen Fingerzeigen statt großer Gestik und entführt 2018 mit dem restaurierten Festspiel-Cembalo in neue Klangwelten. Wolff bereichert die Händel-Festspiele durch neue Formate. Ihre Inszenierungen im ‚shabby look‘ (‚Siroe‘) und mit 500 Kerzen (‚Imeneo‘) sind bildgewaltige Interpretationen, mal historisch, mal ganz zeitgenössisch. Wolff ist ganz in seinem Element, als er beschreibt: „Wir wollen das Publikum mitreißen, eine Spannung erzeugen, damit es der Geschichte folgen kann.“

2020 Händel hat es geschafft: 100 Jahre! – und ist längst im Hier und Heute angekommen: mit Public Viewing in der Lokhalle, Festspiel opern im Kino, und als Online- Streams gehört Händel seit Jahren fest mit zum Programm. Und auch die Zukunft wird gesichert: Auch Kinder und Jugendliche sollen die Musik von Händel intensiver erleben. Erreicht wird das durch die HipHOpera und die ,göttingen händel competition‘, die als Teil des europäischen Stipendienprogramms ,eeemerging+‘ jungen Talenten eine Plattform mit Sprungbrett bietet.

Den ,Ritterschlag‘ bekamen die Göttinger Händel- Festspiele allerdings bereits 2018 mit einem festen Etat im Bundeshaushalt – damit stehen sie auf einer Stufe mit den Festspielen in Halle und Bayreuth. Wolff hat nun freiere Hand, auch für das Händel-Feuerwerk im Jubiläumsjahr 2020 – seinem vorletzten Jahr im Amt.

Nach den Festspielen 2021 wird Wolff sich verabschieden. Dass sein Nachfolger Jochen Schäfsmeier sowie auch der nächste Künstlerische Leiter George Petrou bereits das Jubiläum begleiten, freut den noch amtierenden Intendanten besonders: „Sie werden erleben, dass die Händel-Festspiele ein wertvoller Raum für Begegnungen sind, und die tiefe Verwurzelung in Göttingen spüren, die das Juwel mit internationalem Weltruf hat.“