Ein Lächeln, das bleibt

Die Nachricht über das tödliche Attentat auf Anja Niedringhaus am 4. April 2014 in Afghanistan ging um die ganze Welt. Im April erscheint nun im Steidl-Verlag eine siebenbändige Werkausgabe der Pulitzer-Preisträgerin. faktor sprach mit dem Verleger Gerhard Steidl und der Schwester Gide Niedringhaus, wie sie sich editorisch der
Ausnahmefotografin genähert haben.

Sieben Bände erscheinen im April
Die siebenbändige Werkausgabe Anja Niedringhaus Photography erscheint im Mai 2026 im Steidl-Verlag. Sie wird in einem hochwertigen Holzschuber geliefert, enthält 1132 ausgewählte Bilder der Fotografin und erläuternde (englische) Texte auf insgesamt 1308 Seiten. Die Ausgabe wird regulär für 385 Euro erhältlich sein. Bis zum 30. April gilt ein Subskriptionspreis für Vorbestellungen von 285 Euro. Infos gibt es online auf steidl.de.

»Anja ist eine der Wenigen, die eine Werkausgabe verdient haben.«

Ort: Steidl Verlag. Zeit: ein Sonntagnachmittag. Es ist immer wieder ein besonderer Moment, wenn nach Monaten der Fotoauswahl ein Bildband kurz vor dem Druck steht. Auf dem Tisch vor uns liegen die Druckfahnen mit letzten Korrekturanmerkungen. „Hier das Grau etwas dunkler.“ – „Dort das Bild etwas aufhellen.“ Sieben dicke Stapel. Auf den Deckblättern stehen die Titel: Kaufungen, Early Works, The Balkans, 9/11-Iraq-Pakistan-Libya-Gaza-­Israel-West Bank, Sports, Society und Afghanistan. Gerhard Steidl nimmt einen der zukünftigen Bände und blättert ihn durch. „Ich erinnere mich, wie ich in den 1980er-Jahren die ersten Fotos von Anja Niedringhaus im Göttinger ­Tageblatt gesehen habe“, erinnert sich der Verleger. „Da dachte ich: ,Holla!‘ – Und das war damals nur der Lokalteil.“

Später waren ihre Fotos aus Kriegsgebieten auf allen Titelblättern der größten Tageszeitungen der Welt. Immer wieder hält Steidl beim Blättern inne, lässt die Fotos wirken. Frauen, die sich schön machen, Kinder, die lachen, alte, wettergegerbte Männer, die warmherzig in die Kamera schauen – obwohl Krieg ist.  
„Ich mache meine Arbeit nur, um vom Mut der Menschen mit meiner Kamera und meinem Herzen zu berichten“, sagte die Fotografin mal in einem Interview. Dabei war ihr Blick von Anfang an anders. Sie zeigte mit ihren Bildern oft die zivile, die unschuldige Seite des Krieges. Intensiv. Immer respektvoll. Und teilweise so nah, dass nur die Kamera zwischen ihr und ihrem Motiv zu sein schien.

Szenenwechsel: Kaufungen. Ein altes Forsthaus mitten in der Stadt. Und doch, sobald man durch das Hoftor kommt, Idylle. Hühner scharren nach Körnern, Pferde schauen aus den Boxen und ein Hund liegt in der Sonne. So oder ähnlich wird es auch gewesen sein, wenn Anja Niedringhaus nach drei oder sogar sechs Monaten aus einem der Kriegsgebiete in Gaza, Libyen, Pakistan oder Afghanistan nach Hause kam. Das Haus hatte sie zusammen mit ihrer Schwester Gide gekauft. Sobald sie ihre Tasche abstellte, war sie einfach die Schwester mit dem gleichen Humor – oder die Tante, die ihre Nichte beim Reiten begleitet und die zwei Neffen zum Tennis fährt. Der Krieg blieb draußen. Hier spielte es keine Rolle, dass sie 2005 als erste deutsche Frau den Pulitzer-Preis bekam oder dass ihre Dokumentarfotos aus Krisen­gebieten in Museen wie dem C/O in Berlin oder dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt ausgestellt wurden.
„Ich glaube, es war für Anja wichtig, dass sie hier ein ganz normales Familienleben hatte“, sagt Gide Niedringhaus, während wir die Treppe zu Anjas alter Wohnung hochgehen. Alles scheint unangetastet. Gemütlich, fast heimelig ist es in diesen Räumen. Ein Ort zum Ankommen. In Anjas Arbeitszimmer quillt das deckenhohe ­Bücherregal fast über. An der Wand eine Urkunde aus ihrer Studienzeit in Harvard von 2006 bis 2007, als sie ein Stipendium erhielt und sich ein Jahr eine Auszeit von der Fotografie nahm. Auf der Kommode darunter stehen gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos der drei Schwestern aus Kindertagen. Anja war das mittlere der drei Mädchen. Ein Foto der kleinen Anja, 1965 geboren, als sie vielleicht drei oder vier Jahre alt ist, und dahinter in zweiter Reihe ein ebenfalls gerahmtes Foto von Derrick. Die Schwestern haben gern ihre Witze über ihn gemacht – das hat dem Fernsehkommissar einen Ehrenplatz eingebacht.

Wir sitzen in Anjas Wohnzimmer, trinken Kaffee, während Gide Niedringhaus von den vergangenen zwei Jahren und ihrer Arbeit an dem Buchprojekt erzählt. „Die Bildauswahl war für mich viel Verarbeitung“, sagt sie. Die beiden Schwestern fühlten sich sehr eng verbunden; eineinhalb Jahre war der Altersunterschied. In ihrer Kindheit zogen sie sich oft auch wie Zwillinge an, erinnert sich Gide. „Die Bilder von ihrem ersten Einsatz im Kosovo gingen mir so unter die Haut, weil sie ihr unter die Haut gegangen sind“, sagt sie.
An die 300.000 Fotos zählt das Archiv von Anja Niedringhaus. Oft gibt es vier bis fünf Aufnahmen hintereinander vom selben Motiv. Und dennoch, es verbleiben Hunderttausende Fotos, die passbildgroß auf sogenannten Contact Sheets ausdruckt werden. Tausende Fotos, die Gide sich oft bis spät in die Nacht mit einer Lupe ansieht und wirken lässt. Jedes Foto geht durch ihre Hände. Nach Monaten sind es dann noch 40.000 Fotos, die in die Endauswahl kommen. „Gerhard Steidl hat mir gesagt: Entscheide aus dem Bauch heraus, dann wird es gut“, sagt Gide. Steidl lässt ihr viel freie Hand, greift ab und an leicht korrigierend ein. „Bilde starke Paare“ – das hängt wie ein Mantra über der endgültigen Auswahl für die Buchseiten. Starke Paare von Bildern, die sich gegenüberliegen und eine Geschichte erzählen – mal einfühlsam, mal ironisch und manchmal geprägt von Anjas Humor.
„Ich bin Büchermacher und habe eine Vision von einem fertigen Buch“, sagt Steidl, während wir im Verlag in dem Raum stehen, der 1970 noch seine echte und nicht die digitale Dunkelkammer war. 
Seine Rolle sei, so sagt er, „dass ich eigentlich nach Regeln vorgehe, die man aber auch überschreiten kann.“ Jedes Buch hat seinen eigenen Rhythmus und seinen eigenen Spannungsbogen, den es zu ergründen gilt. Steidl vergleicht es mit dem Schreiben eines Buches: „Es ist so ein Spiel, wie bei einem Schriftsteller“, sagt er. „Man fängt an, hat eine Idee, entwickelt ein Gerüst, im Schreibprozess entwickeln sich die handelnden Personen weiter, und dann nimmt es eine andere Wendung als ursprünglich gedacht.“

Vertrauen, Intuition und meisterhaftes Können – so entstehen Fotobücher im Steidl-Verlag. „Der Weg der Fotoauswahl ist zu Beginn immer gleich: Man wählt einfach unschuldig aus. Und Gide ist eine gute Foto-Editorin“, sagt der Verleger anerkennend. So respektvoll, wie Anja Niedringhaus mit ihrer Kamera den Menschen gegenübertrat, genauso respektvoll arbeiten die Schwester und der Verleger an der Digitalisierung des Lebenswerks der Fotografin. „Wir haben kein einziges Foto abmaskiert“, erklärt Steidl den Prozess. Das bedeutet: Jedes Foto der Werkausgabe zeigt das gesamte Motiv, das auf dem Negativbild eingefangen wurde. Auf jeder Fotografie sehen wir somit genau das, was Anja Niedringhaus in diesem Moment durch ihre Kamera gesehen hat.
„Anja ist eine der Wenigen, die eine Werkausgabe verdient haben“, sagt Steidl voller Wertschätzung. Und dennoch wären dieses Buchprojekt und die Digitalisierung des gesamten Archivs aus Negativfilmen, Disketten, CDs und Festplatten in diesem Umfang ohne finanzielle Unterstützung nicht realisierbar gewesen. Der Göttinger Anwalt Hasso Werk, der Anja Niedringhaus persönlich kannte und ihre Arbeit sehr wertschätzt, nutzte sein Netzwerk, um die Menschen an einen Tisch zu bringen, die gemeinsam ein solches Projekt umsetzen können: Gide Niedringhaus, Gerhard Steidl und die ROME-Stiftung. Rund 300.000 Euro stellt die Stiftung aus Göttingen als Fördersumme zur Verfügung. Ein Rahmen, der es erlaubt, eine Auflage von 2000 Exemplaren der siebenbändigen Ausgabe in einem eigens dafür gefertigten Holzschuber zu einem Preis erscheinen zu lassen, der unter 400 Euro liegt. Die ROME-Stiftung wurde von Dr. Ruthild Oswatitsch-Eigen und ihrem Mann, dem Nobelpreisträger Manfred Eigen 2013 mit dem gemeinnützigen Zweck errichtet, Kunst zu fördern. „Das umfangreiche Werk von Anja Niedringhaus hat es verdient, für die Nachwelt auf hohem Niveau archiviert zu werden. Daneben muss die Darstellung in einem Bildband ebenfalls höchsten künstlerischen Ansprüchen genügen“, sagt der Stiftungsvorsitzende Matthias Brede. Doch der Wert der Unterstützung durch die ROME-Stiftung geht weit über das Erscheinen der Fotobücher zu Anja Niedringhaus’ Lebenswerk hinaus. Der Erlös aus einem Anteil der Bücher wird als Spende an die Schmerz- und Palliativmedizin der Universitätsmedizin Göttingen gehen. Einige Bücher werden an Museen, Fotoschulen und Institutionen in der ganzen Welt gespendet. Und darüber hinaus ist der Wert der Digitalisierung auf so hohem Niveau nicht zu unterschätzen. Es öffnet Möglichkeiten für Ausstellungen und weitere Publikationen von Einzelbänden in der Zukunft.

Vor uns auf dem Tisch liegt der letzte Band „Afghanistan“. Im Gegensatz zu allen anderen hat dieses Land ein eigenes Buch bekommen. Immer wieder zog es Anja Niedringhaus dorthin. Sie fotografierte die Menschen, aber auch die Weite dieses Landes. „Immer wieder diese Wahnsinnslandschaften. Und immer wieder dieses Blau. Anja hat es geliebt“, erinnert sich Gide Niedringhaus. Am 4. April 2014 wird Anja einen Tag vor der Präsidentschaftswahl von einem Polizisten erschossen. Sie war 48 Jahre alt. Vieles über ihr Leben wurde bereits geschrieben, Ausstellungen wurden kuratiert, ein Spielfilm und eine Dokumentation gedreht – und der mit 20.000 US-Dollar dotierte „Anja Niedringhaus Courage in Photo­journalism Award“ wird seit 2014 an mutige Foto­journalistinnen verliehen. Ein Fotobuch im Steidl-­Verlag zu drucken, war bereits 2006 ein Wunsch der Foto­grafin. Sie hatte Gerhard Steidl gefragt, als sie gemeinsam in der Jury des Henri-Nannen-Preises waren und in der Bibliothek des Verlagshauses zusammen­saßen. ‚Ja, ja, da stell dich mal hinten an‘, habe er geantwortet, erzählt der Verleger heute – und sagt dann: „Irgendwann war es zu spät. Aber dafür haben wir es jetzt richtig gemacht. Zu ihrem Andenken.“ ƒ

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