Ein Kontinent im Aufwind

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Heidi Niemann

Politiker und Afrika-Experte Hartwig Fischer und Klaus-Dieter Hand, Leiter des Afrika-Geschäfts des Göttinger Lehrmittelherstellers Phywe, geben einen persönlichen Einblick in einen kommenden Absatzmarkt.

Übrigens: Einige Impressionen zum Thema Afrika finden sie als Fotostrecke unter www.faktor-magazin.de/fotostrecken/

Europa, Nordamerika und Asien – das sind die aktuell wichtigsten internationalen Absatzmärkte der hiesigen Wirtschaft. Ein Kontinent spielt dagegen kaum eine Rolle: Für die meisten Unternehmen ist Afrika immer noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Experten bescheinigen aber eben diesem Kontinent ein großes Wachstumspotenzial. Einige Firmen aus Südniedersachsen sind dort bereits aktiv. Unter ihnen in der Vorreiterrolle ist der Göttinger Lehrmittelhersteller Phywe.

Mehr als eine Milliarde Menschen, ein Fünftel der weltweiten Landmasse: Afrika ist sowohl von seiner Bevölkerungszahl als auch von seiner Ausdehnung her der zweitgrößte Erdteil. Wirtschaftlich gesehen bildet Afrika jedoch das globale Schlusslicht. Bis vor Kurzem galt Afrika sogar als der ‚verlorene Kontinent‘. Politische Instabilität, Hunger, bewaffnete Konflikte, totalitäre Regime, Korruption und eine völlig unzureichende Infrastruktur hielten Unternehmen davon ab, sich in einem oder mehreren der insgesamt 54 Staaten zwischen dem Maghreb und der Kapregion zu engagieren. Inzwischen sehen die Prognosen deutlich günstiger aus. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert ein anhaltend starkes wirtschaftliches Wachstum für Afrika. 2014 sei mit einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um sechs Prozent zu rechnen, heißt es im ‚World Economics Outlook‘ der Organisation vom Oktober 2013. Vor allem in Staaten mit niedrigen Einkommen sieht der IWF hohe Wachstumsraten. Hierzu zählen beispielsweise Ghana, Mozambik, Niger und Sierra Leone.

Einer, der sich besonders über diese Aufwärtsentwicklung freut, ist Hartwig Fischer. Der 65-jährige Politiker ist seit vielen Jahren einer der engagiertesten Fürsprecher Afrikas im Lande. Fischer war unter anderem von 2002 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Oktober 2013 der Afrika-Experte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Ausrichter der Veranstaltung ‚Africa meets Business‘ in Berlin, die von Jahr zu Jahr auf immer größeres Interesse stieß. „Beim letzten Mal waren 44 afrikanische Botschafter dabei“, erzählt Fischer. Viele Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie von international tätigen Organisationen hätten die Gelegenheit zum Austausch und zur Anbahnung von deutsch-afrikanischen Wirtschaftskontakten genutzt.

Fischer hat auch in seinem Wahlkreis kräftig für Afrika getrommelt und wiederholt afrikanische Botschafter nach Südniedersachsen eingeladen. Unter anderem vermittelte er mehrere Besuche afrikanischer Delegationen bei Phywe. Das Göttinger Unternehmen ist einer der weltweit führenden Lieferanten für Experimente und didaktische Systeme in der naturwissenschaftlichen Ausbildung an Schulen und Universitäten. An diesen Produkten besteht in Afrika ein riesiger Bedarf: „Der einzige Weg, der Afrika deutlich nach vorne bringen kann, führt über die Bildung“, sagt Klaus-Dieter Hand, Leiter des Afrika-Geschäfts von Phywe. Der Lehrmittelhersteller ist bereits seit vielen Jahren in Afrika aktiv, zunächst vornehmlich in den französischsprachigen Maghreb-Staaten. In den letzten Jahren hat Phywe seine Vertriebsaktivitäten systematisch ausgebaut und ist nun flächendeckend in allen Ländern präsent. Hauptabsatzmärkte sind weiterhin die nordafrikanischen Länder Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen sowie der Sudan. Inzwischen versorgt das Unternehmen aber auch etliche Bildungseinrichtungen in Nigeria, Angola und Mozambik mit Lehrmitteln aus der Göttinger Produktion. In zahlreichen anderen Ländern kooperiert Phywe mit regionalen Vertriebspartnern.

Der Göttinger Lehrmittelhersteller lässt sich dabei von einer bestimmten Verkaufsphilosophie leiten: „Wir wollen nicht nur einfach unsere Produkte verkaufen, sondern begleiten alle Projekte vor Ort“, erläutert Klaus-Dieter Hand. Diese intensive Betreuung soll sicherstellen, dass die Schulen und Universitäten nur Lehrmittel bekommen, die passgenau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind und dann auch tatsächlich im Unterricht zum Einsatz kommen können. „Wir informieren uns zum Beispiel immer erst über die in der jeweiligen Region geltenden Lehrpläne, um dann die Materialien und Geräte entsprechend darauf abzustimmen“, sagt Hand.

Phywe-Mitarbeiter sind außerdem stets bei der Installation dabei und schulen die Lehrkräfte im Umgang mit den gelieferten Geräten. „Diese Trainings sind ein ganz entscheidendes Element“, sagt Hand. „Wenn die Mitarbeiter nicht geschult sind, werden sie auch nicht mit unseren Produkten arbeiten. Deshalb verkaufen wir keine Geräte ohne entsprechende Schulungen.“ Besonders gefragt sind die sogenannten Trainings- und Experimentier-Systeme (TESS). Diese Boxen sind eine Art Schatzkiste für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Allein die Physik-Box enthält Materialien für 248 Versuche zu unterschiedlichsten Themen wie Mechanik, Optik und Elektrizität. Neben qualitativ hochwertigen Geräten bietet Phywe auch einen umfassenden Service. Im Wettbewerb mit anderen Anbietern sei dies ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt, sagt Hand: „Hersteller aus China verkaufen zwar preiswertere Produkte, bieten aber einen deutlich schlechteren Service.“ Unternehmen, die sich in Afrika engagieren wollen, müssen aber auch manche anderen Aspekte mit bedenken, die in Europa kaum eine Rolle spielen. Zum Beispiel die besonderen klimatischen Verhältnisse: „Wir prüfen zum Beispiel immer erst, ob unsere Produkte auch in heißen Gegenden funktionieren“, sagt Hand.

Vor allem aber muss man sich darauf einstellen, dass in Afrika die Uhren anders ticken als in Europa. Während man hierzulande vor allem auf Tempo und Effizienz setzt, herrscht in Afrika eher eine Kultur der Entschleunigung. „Ihr Europäer habt die Uhren, aber wir haben die Zeit“, diesen Spruch hat Hand schon mehrfach in Afrika gehört. Viel Zeit braucht man zum Beispiel in der angolanischen Hauptstadt Luanda, wo man wegen des chronischen Verkehrschaos für eine Strecke von fünf Kilometern schon mal bis zu drei Stunden braucht. Auch Verhandlungen ziehen sich häufig lange hin. „Manchmal kann es bis zu drei Jahre dauern, bis ein Projekt unter Dach und Fach ist“, sagt Hand. „Vor allem deshalb ist Afrika ein eher schwieriger Markt, weil man einfach nicht genau planen kann.“

Unternehmen, die zum Sprung auf den afrikanischen Markt ansetzen wollen, sollten vorher nicht nur eine genaue Marktanalyse vornehmen, sondern auch die politischen, sozialen und rechtlichen Verhältnisse in den jeweiligen Ländern prüfen. „Entscheidend ist vor allem, ob in dem Land Rechtssicherheit herrscht“, erläutert Hartwig Fischer. Er sieht trotz mancher Hürden gute Möglichkeiten für deutsche Unternehmen in Afrika. In den vergangenen Jahren habe eine Reihe von Staaten einen großen Sprung nach vorne gemacht. „Ghana hat sich traumhaft entwickelt. Botswana steckt enorm viel Geld in die Bildung. Ruanda ist dagegen Vorreiter in der Umweltpolitik, dort sind zum Beispiel Plastiktüten verboten.“

Phywe-Manager Klaus-Dieter Hand ist ebenfalls von Ruanda fasziniert: „Die Landschaft dort ist sagenhaft schön.“ Auch Mozambik steht auf seiner Favoriten-Liste weit oben: „Dort gibt es den besten Fisch der Welt.“ Hand ist durchschnittlich an zehn Tagen im Monat in Afrika unterwegs. Dies sei zwar anstrengend, aber zugleich ungemein befriedigend, meint er: „Viele denken, Afrika sei vor allem heiß, staubig, feucht und malariaverseucht. Afrika ist aber extrem vielseitig. Die Menschen sind unglaublich freundlich, offen und wissbegierig. Ich arbeite wahnsinnig gern dort.“