Ein Herz und eine Seele

©Shutterstock: Brian A Jackson
Text von: Marisa Müller, Christian Vogelbein

Kein anderes Organ wird so oft besungen wie das Herz. Es brennt und leidet, es bricht, es schmerzt, rast, öffnet sich. Vor allem tut es aber eines: Es schlägt. An guten Tagen rund 80-mal pro Minute. Doch so ein Schlag kann mehr als nur ein paar Milliliter Blut auf die Reise durch den Körper schicken.

Das Herz steht im Mittelpunkt. Im Körper wie in der Sprache hat es seinen festen Platz. Sprichwörter so weit die Vorstellungskraft reicht. Dem Einen liegt das Herz auf der Zunge, dem Nächsten schlägt das Herz bis zum Hals, und ein Weiterer muss erstmal auf Herz und Nieren geprüft werden. Wenn es ganz plötzlich nicht mehr schlägt, endet ein Leben. Und das passiert täglich, überall auf der Welt. Allein 350.000 Menschen sind in Deutschland jährlich von tödlichen Herzkrankheiten wie Infarkten betroffen.

Ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt und schon kann alles vorbei sein, was einmal so wichtig war im Leben. Aber bis dahin ist es meist ein langer Weg. Eine Menge Krankheiten können diesen negativen Ausgang begünstigen. Diabetes, Arteriosklerose oder auch hoher Blutdruck sind lauter Puzzleteile bis hin zum Herzinfarkt. Aber solange der faustgroße Muskel in unserem Körper fleißig schlägt, sind keine großartigen Probleme zu erwarten. Sauerstoff und Nährstoffe gelangen über den Blutkreislauf in jeden Winkel des Körper. Endprodukte aus dem Zellstoffwechsel wie Kohlenstoffdioxid werden abtransportiert.

Broken-Heart-Syndrom

Gibt es das wirklich? Ein gebrochenes Herz? Die Forschung sagt: Ja! Bekannt geworden als Broken-Heart-Syndrom, wissen Ärzte heute um die Bedeutung eines so genannten Schein-Herzinfarkts. Auslöser ist oft ein Schicksalsschlag – daher das gebrochene Herz. Die Symptome sind ähnlich wie bei einem klassischen Herzinfarkt. Das bedeutet: Das Herz ist nicht mehr in der Lage im Normalbetrieb ausreichend Blut zu befördern, und Herzrhythmusstörungen können entstehen. Was fehlt, ist ein dauerhafter Schaden der Herzkranzgefäße. Deshalb sind Betroffene, wenn die Akutsituation überstanden ist, oft schon nach kurzer Zeit wieder auf den Beinen.

Bereits seit dem 13. Jahrhundert ist bekannt, welche wichtige Rolle das Herz spielt. Zu dieser Zeit entstand das erste Mal eine anatomisch richtige Darstellung des wohl wichtigsten menschlichen Organs. Erst im Laufe der Zeit wurde das medizinische Wissen genauer. Heute lernt jedes Schulkind im Biologieunterricht, dass ein Menschenherz während eines durchschnittlich langen Lebens rund drei Milliarden Mal schlägt und dabei etwa 250 Millionen Liter Blut durch den Organismus pumpt. Eine Belastung, auf die der Körper ausgerichtet ist – im Normalfall. Doch immer wieder spielt uns die Natur Streiche. Erbkrankheiten und angeborene Herzfehler sind unkalkulierbare Risiken auf dem Weg zur Menschwerdung. Dank moderner Medizin gelingt es aber immer besser, diese frühzeitig zu erkennen oder später behandeln zu können. 6.000 Kinder in Deutschland kommen jährlich mit einem Herzfehler im Gepäck auf die Welt.

Forscher auf der ganzen Welt beschäftigen sich mit diesen und ähnlichen Themen. Die Forschung wird immer schneller und erfolgreicher: „Ich denke sogar, dass diese Entwicklung erst richtig losgeht und es große Potenziale gibt, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch besser zu helfen“, sagt Gerd Hasenfuß, Direktor der Klinik für Kardiologie und Pneumologie und Vor sitzender des Herzzentrums der Universitätsmedizin Göttingen, und klingt dabei sehr optimistisch. „Am Herzforschungsstandort Göttingen arbeiten viele Menschen mit Hochdruck und großer Begeisterung an neuen Diagnose und Behandlungsverfahren wie beispielsweise dem Niedrig-Energie-Defibrillator, der Herzreparatur mit Stammzellen oder der Weiterentwicklung bereits bestehender Therapien.“ Seit Kurzem kann das schlagende Herz mit einem Echtzeit-MRT in Göttingen dargestellt werden. Zuvor waren nur einzelne Bilder möglich, heute die lückenlose Dokumentation.

Außerdem macht die kardiovaskuläre Forschung im Bereich der Grundlagenforschung besondere Fortschritte. Eine Gentherapie zeigte 2014 bei Mäusen mit erblicher Herzerkrankung bereits erste Erfolge. Und auch Herzgewebe aus der Petri schale ist längst keine Theorie mehr. Der Göttinger Wissenschaftler Wolfram-Hubertus Zimmermann hat Herausragendes geschaffen. Er gilt als einer der Pioniere bei Verfahren zur Herstellung von künstlichem Herzgewebe und hat einen Weg gefunden, um beschädigtes Herzgewebe zu ersetzen (mehr dazu im faktor 4/2013, unter: www.faktor-magazin. de/mit-dem-herzen-dabei). Doch egal, wie gut die Forschung voranschreitet, Risikofaktoren für Herzerkrankungen gibt es viele. Und der Mensch hat vieles davon selbst in der Hand. „Falsche Ernährung, Rauchen, körperliche Inaktivität und dauerhafter Stress in Beruf oder Familie können das Herz schädigen. Dadurch wird das vegetative Nervensystem beeinflusst und Blutdruck sowie Herzfrequenz steigen. Herzinfarkt, Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen können die Folge sein“, fasst Gerd Hasenfuß die wichtigsten Punkte zusammen. Vor allem der faktor Stress scheint immer wieder Dreh und Angelpunkt vieler Probleme zu sein.

Dabei muss dieser nicht immer nur negativ sein: Unsere Urahnen flüchteten instinktiv vor dem Säbelzahntiger. Das Nervensystem sendet Stresshormone aus und lässt das Herz schneller schlagen. Das ist erst einmal nichts Schlechtes, sondern von der Natur sinnvoll eingerichtet, denn lief der Neandertaler nicht schnell genug, wurde er verletzt. Da unter Stress das Blut schneller gerinnt und das Immunsystem aktiviert wird, war ein Überleben möglich. Heute besteht selten eine derartige Gefahr für Leib und Leben. Unsere kleinen ,modernen Tiger‘ haben es aber trotz allem in sich: der brüllende Chef, bei dem die Ader auf der Stirn hervortritt und dessen Gesicht ganz rot anläuft. Oder der Stau und die ganzen unfähigen anderen Autofahrer im Feierabendverkehr, die die Straßen verstopfen, falsch blinken und auf den Handys herumtippen. Durchs Rennen konnte der Neandertaler seinen Stress optimal abbauen. Im Auto eingepfercht gelingt das nicht.

Das Symbol

Das Symbol, das heute eng mit der Liebe und der Farbe Rot assoziiert wird, hat ursprünglich nichts mit dem menschlichen Organ zu tun. Es entspringt den stilisierten Darstellungen von Feigen-, später Efeublättern, wie sie bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. zu finden sind. Efeu umrankt heute romantische Bauern häuschen, findet sich auf dem Friedhof und ist Bestandteil von Medikamenten. Seine antike Symbolkraft hat das Gewächs eingebüßt. Aber entstanden ist etwas, was von Menschen jeder Ethnie oder Religion verstanden wird.

Das Symbol

Das Symbol, das heute eng mit der Liebe und der Farbe Rot assoziiert wird, hat ursprünglich nichts mit dem menschlichen Organ zu tun. Es entspringt den stilisierten Darstellungen von Feigen-, später Efeublättern, wie sie bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. zu finden sind. Efeu umrankt heute romantische Bauern häuschen, findet sich auf dem Friedhof und ist Bestandteil von Medikamenten. Seine antike Symbolkraft hat das Gewächs eingebüßt. Aber entstanden ist etwas, was von Menschen jeder Ethnie oder Religion verstanden wird.

Steckbrief: Herz

Name: Herz, griech. kardia, lat. Cor
Länge: ca. 15 cm
Gewicht: ca. 300 g
Job: mit frischem Sauerstoff angereichertes Blut durch den Körper pumpen.
Im Detail: eine linke und eine rechte Herzhälfte, jeweils unterteilt in eine Herzkammer (Ventrikel) und einen Vorhof (Atrium).

Stress und Herausforderung liegen da nahe beieinander. Kein Wunder, leben wir doch in einer Zeit, in der sich alles immer schneller entwickelt und jeder stets erreichbar ist. Kardiologe, Angiologe und Sportmediziner Johannes B. Dahm vom Herz und Gefäßzentrum Göttingen hat es in seinem Beruf oftmals mit Menschen zu tun, die aufgrund von hoher Belastung und Beschwerden in seine Praxis kommen. „Je nach Situation oder Erfahrung kann ein und dieselbe Entscheidung sogar wechselnd als Stress oder Herausforderung wahrgenommen werden.“ Denn beide Situationen beschreiben definitionsgemäß eigentlich nur eine Unterbrechung des normalen Lebensflusses.

Dass vor allem Manager und Entscheidungsträger seit jeher besonderen Belastungen ausgesetzt sind, ist keine Frage. Allerdings neigt gerade ein Teil derer dazu, sich über ständige Erreichbarkeit zu definieren. Ihre ,Wichtigkeit‘ resultiert oft aus dem Sehen-und-gesehen-werden. ‚Selbst ist der Mann‘ – oder die Frau – so das Credo. Dabei wäre es ebenso sinnvoll, Aufgaben zu delegieren und so den Druck von den eigenen Schultern zu nehmen. Etwas, das man lernen kann. Es habe sich auch schon viel getan, weiß Dahm. „Waren früher Menschen vom Ludwig- Erhard-Typ, dickbäuchig und rauchend, das führende Bild eines Entscheidungs trägers, so hat sich bei der Besetzung der Führungspersönlichkeiten großer Konzerne das Bild schon längst komplett geändert, und der Wohlstandsbauch wurde zum Beispiel durch die erfolgreiche Teilnahme am Frankfurt-Marathon ersetzt.“ Leistungsbereitschaft und der Wille dazu, immer die richtige Entscheidung zu treffen, stünden heute sehr viel mehr im Mittelpunkt. Eine gesunde Trendwende also – und nicht nur Sport liegt heute hoch im Kurs. Auch gesunde Ernährung, Super-Food, grüne Smoothies und Gesundheitsapps tragen dazu bei, die Gesundheit flächendeckend zu verbessern.

Doch wie auch immer die Lebenssituation aussehen mag, und egal, wie gut die Ergebnisse der forschenden Zunft sind, noch kann längst nicht alles geheilt werden. Eigeninitiative ist gefragt, um so gesund wie möglich durchs Leben zu kommen. Gerd Hasenfuß rät deshalb: „Auch wenn Herz- und Kreislauferkrankungen immer besser behandelt werden können, ist vorbeugen besser als heilen.“