“Ein gutes Buch ist wie ein Baby“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Die Göttingerin Inge Feltrinelli über respektlose Italiener und die fehlende Besessenheit der Verleger

Der gelebte amerikanische Traum im Nachkriegsdeutschland: Eine junge Frau fasst einen Entschluss. Sie packt ihre Sachen und geht nach Hamburg, da für sie ein Neustart im zerbombten und ausgehungerten Berlin in weiter Ferne liegt. In der Hansestadt sprießen die Buch- und Zeitschriftenverlage geradezu aus dem Boden.

Ohne Ausbildung und passende Ausrüstung bricht die 20-Jährige mit großen Zielen in die Elbestadt auf. Eine steile Karriere beginnt, und schon wenige Jahre später hat sie viele der damaligen Berühmtheiten in spannenden Posen fotografiert: Pablo Picasso, Greta Garbo, Simone de Beauvoir und viele andere gehören zu ihren Motiven. Das berühmteste Foto ist aber sicher das Selbstauslöserfoto mit ihr, Schriftsteller Ernest Hemingway und einem großen Schwertfisch.

Nur wenige Jahre nach ihrem Aufbruch nach Hamburg startete sie eine zweite erfolgreiche Karriere in Mailand. Die Liebe hatte sie nach Italien geführt, wo sie im Verlag ihres Mannes anfing. Nach dessen mysteriösem Tod im Jahr 1972 übernahm sie sogar die Verlagsleitung. Kürzlich kehrte Inge Feltrinelli, die ihre Fotografinnenlaufbahn unter ihrem Mädchennamen Schoenthal begann, zurück in ihre Heimatstadt und begeisterte die Göttinger mit einer Fotoausstellung im Alten Rathaus und ihrem lebhaften Auftritt im Literarischen Zentrum. faktor unterhielt sich mit der inzwischen 80-jährigen Verlegerin.

Welche Motivation hatten Sie, nach dem Krieg als junge und ungelernte Fotografin nach Hamburg zu gehen?

Ich musste schnell Geld verdienen, um meine Mutter und Geschwister zu unterhalten. Aber die Göttinger Zeit mit den vielen Theaterbesuchen und der Präsenz von Kultur trotz der schweren Nachkriegszeit stellte für mich immer einen soliden intellektuellen Wertmesser dar.

Der Einstieg als junge Fotografin in einer fremden Stadt fällt in eine schwierige Zeit: Frauen mussten sich damals noch sehr viel mehr behaupten, um in der Männerwelt akzeptiert zu werden. Wie ist Ihnen dies so gut gelungen?

Mit viel Pfiff, Drive und Courage. Heute ist es für junge Frauen einerseits viel schwerer. Zur Stunde Null, also 1945, wurde viel weniger verlangt. Man war anspruchsloser im Vergleich zu heute. Jetzt wird mehr Wert auf eine ausführliche Ausbildung gelegt, andererseits aber auch weniger auf die Persönlichkeit.

Sie arbeiteten als Fotoreporterin unter anderem für „Life“ und „Paris Match“ in Hamburg, New York, Paris und führten Interviews mit Ernest Hemingway, Pablo Picasso und Simone de Beauvoir. Wie konnten Sie das alles so schnell erreichen und so schnell Ihren Namen in der Szene etablieren?

Mit Fleiß, Neugierde und einer gewissen Frechheit habe ich es geschafft, in die Männerwelt einzudringen. Sehr hilfreich erwies sich dabei mein Kontakt zu Rowohlt, der mir durch die Einladung zu vielen Veranstaltungen das Kennenlernen bekannter Persönlichkeiten ermöglichte. Gute Beziehungen funktionierten schon immer als Türöffner.

Durch Ihren Mann, den jungen Verleger Giangiacomo Feltrinelli, stiegen Sie später in das Verlagsgeschäft ein. Sein Tod war ein schwerer Schicksalsschlag. War Ihnen nach dem Tod Ihres Mannes sofort klar, dass Sie den Verlag in seinem Sinne weiterführen?

Natürlich, das war einfach ein absolutes Muss, eine moralische Pflicht.

Denken Sie gerne an Ihre Zeit mit Ihrem Mann zurück?

Ja, denn es war eine unvergessliche Zeit. Boris Pasternaks Doktor Schiwago erhielt den Nobelpreis. Wir hatten das Buch gegen den Druck aus der Sowjetunion veröffentlicht. Auch viele andere Buchprojekte waren umstritten. So etwa „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa oder „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Es war unglaublich spannend. Da man die schlechten Erinnerungen verdrängt, kann ich sagen, dass ich die Zeit gerne noch einmal erleben möchte. Uns stand das Glück in dieser Zeit zur Seite – denn ohne Glück gibt es keinen erfolgreichen Verleger.

Wie verlief Ihre Laufbahn im Verlag?

Seit 1960 unterstützte ich den Verleger in internationalen Beziehungen. 1969 übernahm ich den Posten der Vizepräsidentin, und nach Giangiacomos Tod leitete ich den Verlag. Inzwischen führt aber mein Sohn die Geschäfte, und ich bin als „Presidente“ für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das entspricht unseren Charakteren sehr gut, denn ich bin die Extrovertiertere, die Frivolere von uns.

Nach Ihrer Karriere als Fotografin mussten Sie sich zum zweiten Mal in der Männerwelt durchsetzen. Noch dazu in einem anderen Land.

Im Italien der 1960er-Jahre waren Frauen vor allem für Kinder, Küche und Kirche zuständig. Als Partnerin vom Chef und dann noch als Deutsche gab es natürlich einige Schwierigkeiten. Ein Verlag ist wie eine Karawanserei! Es ziehen unglaublich viele Menschen hindurch und hinterlassen ihre Werke. Die italienischen Intellektuellen waren immer voller Vorbehalte gegen die Deutschen. Italiener sind nicht respektvoll. Das änderte sich nur ganz langsam, und so musste ich ausdauernd vorgehen und die Leute von meinem Können überzeugen.

Wie wichtig war Ihre Fotografinnenkarriere und die damit verbundenen Erfahrungen für den Einstieg in die Verlagswelt?

Ich habe meine internationalen Kontakte für den Verlag gut gebrauchen können. Wie schon bei meinem Einstieg als Fotografin, öffneten mir auch hier gute Beziehungen häufig wichtige Türen. Das war gerade in der schwierigen Phase nach dem Tode meines Mannes eine wichtige Hilfe für mich. In dieser Zeit haben wir unser Programm auch an die aktuelle Entwicklung angepasst. Wir mussten einfach mehr auf die Leser eingehen. Doch das ist ein sehr langwieriger Vorgang. Wir haben es geschafft, uns der Zeitströmung anzunähern. In erster Linie setzten wir weniger auf politische Bücher und mehr auf Bücher, die die Menschen auch kaufen wollen. Wir haben in jener Epoche gelernt, uns nicht auf unseren Erfolgen auszuruhen.

Wie hat sich die Verlagsszene seit den sechziger Jahren verändert?

Es gibt nur noch wenige inhabergeführte Verlage und keine großen Verlegerpersönlichkeiten mehr. Früher taten Verleger alles für Buchprojekte, von denen sie überzeugt waren. Sie waren die Don Giovannis für die Autoren: Bankier, Psychologen – alles in einem. Leider hat sich das alles eher in Richtung Autorenmanagement entwickelt, und die bloßen Zahlen entscheiden. Mir fehlt die Begeisterung und Besessenheit der Verleger für die Werke ihrer Autoren. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, fünf Prozent mehr Umsatz im Jahr zu machen, sondern fünf Prozent mehr gute Bücher zu verkaufen. Und ein gutes Buch ist wie ein Baby, es braucht neun Monate zum Reifen. Die Lage in Italien ist ohnehin katastrophal.

Nach dem Einstieg in den Verlag fehlte Ihnen die Zeit zum Fotografieren. Ist dies bis heute so, und vermissen Sie manchmal Ihre Fotokamera?

Nein, ich fotografiere nur noch zum Spaß. Man kann nicht nebenbei professionell fotografieren.

Was bedeutet Ihnen Ihr Besuch in Göttingen und das große Interesse der Menschen?

Es war ein sehr positiver Eindruck. Die vielen interessierten jungen und alten Besucher. Nur leider sind von den vielen schönen Buchhandlungen nicht mehr viele übrig geblieben.

Welche Veränderungen würden Sie sich für die italienische, deutsche und europäische Verlagswelt wünschen, und welche Ziele haben Sie für Ihren Verlag?

Vor allem mehr Leser! Und dass man in Zukunft nicht nur die E-Bücher liest! Und es wäre wunderschön, wenn wir noch einmal einen Autor finden würden, der den Nobelpreis gewinnt.

Vielen Dank für das Gespräch!