Ein fairer Handel

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Stefan Liebig

Contigo setzt auf Nachhaltigkeit für Produzenten, Händler und Verkäufer

Milder, aromatischer Kaffeeduft umschmeichelt die Nase beim Betreten des Großraumlagers. In einer Ecke neben den Hochregalen mit Ledertaschen aus Afrika und Asien und vielen Tausend anderen Artikeln steht die Kaffeeröstanlage. Mit geübtem Auge und einer großen Handschaufel kontrolliert der Röstmeister die Qualität. Immer wieder sortiert er einzelne Bohnen, die nicht optimal gefärbt oder geformt sind, per Hand aus. Hier im Lager von Contigo, direkt beim Verwaltungsgebäude im Göttinger Industriegebiet, entsteht also die feine Mischung der Nobelbohne. Der Kaffee ist in großen Säcken in den Regalen bis unter die Decke gestapelt. Zwischen den Hochregalen herrscht reges Treiben. Die Kommissionierer machen Bestellungen versandfertig.

©Contigo

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Wie bei so vielen erfolgreichen Projekten stand auch bei Contigo am Anfang eine Vision. Ingo Herbst, der sich in seiner bis 1993 andauernden Tätigkeit als Geschäftsführer bei der Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (GEPA) zum Experten für fairen Handel entwickelt hatte, wollte mehr: Stetige Verbesserung der Produktionsbedingungen in den Entwicklungsländern und faire Behandlung aller am Handel beteiligten Personen bildeten die Kernziele seines Strebens. „Es ging darum, den Handel auf eine höhere Ebene zu heben“, sagt Herbst zurückblickend. Darüber hinaus wollte er aber auch die Verkäufer in den Weltläden nicht weiter ehrenamtlich arbeiten lassen, sondern sie an der Wertschöpfung beteiligen. „Wir sehen uns als Brückenbauer mit Herz und Auge. Wir wollen in der gesamten Produktions- und Handelskette alle fair behandeln“, skizziert Herbst seine Philosophie, die auch auf ein gezieltes und stetiges Wachstum seines Unternehmens und seiner Geschäftspartner setzt. Das führte in einem ideologischen und kommerzkritischen Umfeld zwangsläufig zu heftigem Gegenwind. Die Idee schlug bereits vor der Eröffnung des ersten Ladens in der Göttinger Kurzen Geismarstraße hohe Wellen, fand aber auch frühe und namhafte Unterstützer, die ihr politisches Gewicht einbrachten. So ist es zu erklären, dass die Eröffnungslaudatio von niemand geringerem als der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth gehalten wurde. Die anfängliche Kritik kehrte sich in kürzester Zeit ins Gegenteil. „Die Mitarbeiter der Weltläden erkannten die Bedeutung unseres Konzeptes und die hohe Qualität unseres Sortiments. Erstaunlich schnell wurden sie zu unseren Kunden“, erinnert sich Herbst an das Contigo-Gründungsjahr 1994.

©Contigo

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Das Ziel, fair gehandelte Waren professionell im Zentrum der Städte zu präsentieren und beim Verkauf Überschüsse zu erzielen, war revolutionär. Gestützt wurde es durch die Philosophie des ,Kodex Fairer Handel‘. Dieser beinhaltet ein umfassendes Regelwerk für Händler, Importeure und Produzenten, auf das sich Kunden verlassen können. Schon bei den ersten Containerimporten achteten Herbst und seine Mitstreiter darauf, nur nicht-subventionierte und auf transparenten Handelswegen eingeführte Produkte abzunehmen. Der Bann von Kinder- und Zwangsarbeit, Dumpinglöhnen im Produktionsprozess sowie jeglicher Diskriminierung versteht sich bei diesem Konzept von selbst. Die Produzenten profitieren darüber hinaus von dem System der Vorauskasse, nachdem sie bereits mit der Bestellung die Hälfte des Kaufpreises erhalten. Die zweite Hälfte wird bei der Warenübernahme im Hafen fällig. Niemand muss also auf sein Geld warten.

Um diese hehren Ansprüche auch jederzeit garantieren zu können, reisen Herbst und seine Mitarbeiter mehrmals jährlich zu den Produktionsstätten und nehmen diese genau in Augenschein. Neben den Gesprächen mit den dortigen Entscheidern stehen dabei auch Besuche in der Produktion und Unterhaltungen mit den Arbeitern auf dem Dienstplan. „Nur so können wir unsere Produkte mit Überzeugung und gutem Gewissen anbieten“, erklärt Herbst diese gründlichen und personalintensiven Kontrollen, die weit über denen der handelsüblichen Siegel liegen. Dem Gründer Ingo Herbst gingen aber selbst diese streng befolgten Regularien nicht weit genug, und so gründete er 2001 den Contigo e.V. Der Verein ist strikt vom Handelsgeschäft getrennt und hilft den Produzenten abseits der Handelsbeziehung. Verliert also ein Hersteller aufgrund einer Naturkatastrophe oder eines Krieges seine Lebens- und/oder Arbeitsgrundlage, so kann der Verein mit seinem Hilfsfonds eingreifen und beim Wiederaufbau unterstützen. Auch Selbsthilfe- und Entwicklungsprojekte der Handelspartner erhalten finanzielle Förderung und unentgeltliche Hilfe vom Verein, der sich aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Erlösen aus dem Teeverkauf finanziert.

Was aber motiviert Ingo Herbst, sich lebenslang für bessere Produktionsbedingungen und faireren Handel mit den sogenannten Entwicklungsländern einzusetzen?

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