Ein echter Europäer

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Wie der Franzose Borzou Rafie Elizei nach Finnland, Belgien und Wien endlich seine Heimat in Göttingen fand.

„Die Entscheidung, nicht nur beruflich Station in Göttingen zu machen, sondern mit meiner Familie hierher zu ziehen, bereue ich nicht. Wir sind angekommen“, sagt Borzou Rafie Elizei, geschäftsführender Gesellschafter der EBR Projektentwicklung GmbH, voller Überzeugung. „Meine Tochter ist sogar hier geboren, sie ist eine echte Göttingerin.“

Dabei war die Anfangszeit in Südniedersachsen stressig: Sein Schwiegervater, der österreichische Immobilien-Querdenker Hermann Metzler, überzeugt den studierten Juristen davon, als Quereinsteiger in der Immobilienbranche tätig zu werden. Neben internationalen Aufträgen für österreichische Investoren und Immobilienfonds wird Rafie Elizei von bayerischen Investoren beauftragt, ein Konzept für das ehemalige Adams- Gelände samt Gebäuden in Grone zu entwickeln. Anfang des Jahres 2010 geht es für ihn, der damals mit seiner Frau und seinem Sohn in Wien lebt, los. Wöchentlich fliegt Rafie Elizei montags morgens um 6 Uhr aus der österreichischen Hauptstadt nach Hannover, nimmt den Zug nach Göttingen, bleibt einen oder mehrere Tage und fliegt dann zurück. „Ich habe in dieser Zeit viele Göttinger Hotels kennengelernt und bin abends sehr oft in der Stadt und in der Umgebung Essen gegangen. Im Nachhinein ein guter Weg, die Region zu erkunden“, blickt der 38-Jährige heute zurück. „Irgendwie war ich damals so eine Art Wirtschaftstourist. Aus wirtschaftlichen Gründen hier, mit etwas Zeit, mich umzusehen.“ Schon in den ersten Wochen habe er festgestellt, dass es in Südniedersachsen viele verschiedene kulinarische Einflüsse gebe und dass man hier gut essen und leben könne.

Eines macht Borzou Rafie Elizei allerdings unmissverständlich klar: „Ich vermisse das französische Essen, seit ich Frankreich verlassen habe. Vor allem den Fisch und die Meeresfrüchte. Schon als Jugendliche sind wir ans Meer gefahren, haben direkt bei den Fischern vom Boot gekauft und alles fangfrisch gegessen.“ Der in Teheran geborene Rafie Elizei verbringt seine Kindheit, seine Jugend und die Studienzeit in Caen, der Hauptstadt der französischen Region Basse- Normandie. Die mit rund 110.000 Einwohnern größte Stadt im Département Calvados liegt am Fluss Orne, 15 Kilometer oberhalb von dessen Mündung in den Ärmelkanal. „Caen ist vergleichbar mit Göttingen, eine dynamische kleine Universitätsstadt mit rund einem Drittel Studenten. Es gibt viele Kneipen und Restaurants, viel positive Energie und innovative Köpfe“, beschreibt er. Im Anschluss an sein Wirtschaftsrechts- Studium geht Rafie Elizei im Jahr 2001 für ein Post-Graduate-Studium nach Helsinki – ohne die Studiensprache Englisch sprechen zu können. „Sprachen habe ich immer schon gelernt, indem ich sie benutzt habe.“ Seine Station in Finnlands Hauptstadt schließt er mit einem Master in internationalem Recht ab und mit einer weiteren fließend gesprochenen Sprache neben Französisch.

Nachdem er in Lüttich ein weiteres Jahr Europarecht studiert, tritt Rafie Elizei im Jahr 2004 seinen ersten Job als Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien an. Auch hier lernt er die neue Sprache erst vor Ort. „Eine wunderbare Stadt – aber für meine Frau, meinen Sohn und mich war der Alltag anstrengend. Wir haben zwei Stunden unserer Familienzeit täglich im Verkehr verloren“, blickt der Immobilienspezialist zurück. „Als ich dann Ende 2010 realisiert habe, dass ich in einem Jahr über 200 Flüge absolviert hatte, kaum zuhause in Wien gewesen war, kam das einem Weckruf gleich.“ Gemeinsam habe die Familie entschieden, ein Haus in Göttingen zu mieten. Der Schritt in die Leinestadt sei wichtig und vor allem richtig gewesen, da ist Rafie Elizei sich heute sicher. „Viele Göttinger und Südniedersachsen wissen gar nicht, in was für einer wunderschönen Ecke Deutschlands sie eigentlich leben. Und welch ungeheure Lebensqualität sie hier haben“, schwärmt er. „Es ist ein ganz anderes Leben als in einer Großstadt!“ Er könne mit seiner Tochter gemeinsam das Haus verlassen und sie nur einen Steinwurf entfernt von seinem Büro in der Kindertagesstätte Stresemäuse vorbeibringen. Beide befinden sich auf dem ehemaligen Adams-Gelände, im heutigen Innovations- Quartier – dem Ergebnis von Rafie Elizeis Konzept für die neue Nutzung der alten Industrie-Brache. Neben der Tatsache, dass sich seine Familie wohlfühle, gebe ihm Göttingen die Möglichkeit, Zeit anders zu nutzen. „Die Stadt gibt mir Raum, Ideen zu Ende zu denken, für Kreativität.“ So hat Rafie Elizei gemeinsam mit seinem Vorbild, Hermann Metzler, und dem langjährigen Geschäftspartner Franz Markowski sowie zwei erfahrenen lokalen Partnern – Rainer Nothdurft und Martin Rode, die beide bereits in der dritten Generation in Göttingen tätig sind – die EBR Projektentwicklung GmbH gegründet. Mit der Entwicklungsgesellschaft werden ambitionierte und nachhaltige Immobilienprojekte in der Region realisiert. Den größten Unterschied zwischen Wien und Göttingen umschreibt Rafie Elizei so: „Die Anonymität verschwindet hier unheimlich schnell, privat und beruflich.“ Privat habe er das vom ersten Tag an genossen, beruflich sei es gewöhnungsbedürftig gewesen. Während es in Wien selbst nach Jahren nicht oft zu Gesprächen im Hausflur gekommen sei, rede er in Göttingen regelmäßig mit seinen Nachbarn, fühle sich dazugehörig. „Die schwindende Anonymität im Job war schwieriger für mich. Ich war es nicht gewohnt, in der Zeitung zu stehen.“

Rückblickend sagt der Franzose Rafie Elizei, dass es ihm die Göttinger leichtgemacht hätten, sich wohlzufühlen. „Ich habe viele freundliche Menschen mit ansteckender Energie und hervorragenden Ideen kennengelernt. Geschäftspartner sind zu Freunden geworden.“ Geholfen hätten ihm seine Einstellung zum Leben und die gemachten Erfahrungen auf seinen zahlreichen Stationen. „Ich reise gerne, treffe gerne Menschen und lerne mit Interesse neue Kulturen kennen.“ Dabei gehe er offen auf jeden zu, warte nicht ab, dass andere die Initiative ergreifen. „Ich fühle mich als echter Europäer. Ich glaube an die Idee der Gemeinschaft, des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung“, sagt der dreisprachige, viel Gereiste überzeugend. Zwei Dinge hebt er am Schluss des Gesprächs besonders hervor: „Es ist einfach, mich in Südniedersachsen wohl zu fühlen: Heimat ist für mich da, wo meine Frau und meine Kinder sind.“ Und da ihn seine neue Heimatstadt immer wieder an Caen erinnere, sei es eine Art Déjà-Vu. „Für mich bedeutet Leben in Göttingen, die Rückkehr zu etwas, das ich kenne.“