Durchblick im IGeL-Dschungel

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Text von: Stefan Liebig

Welcher Patient kennt diese Unsicherheit nicht? Im Untersuchungszimmer oder bereits am Empfang bietet der Arzt oder seine Mitarbeiter Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an. Der Gewissenskonflikt ist garantiert:

„Ist dies eine wichtige Untersuchung zur Erkennung von Krankheiten im Frühstadium?“ „Will der Arzt einfach nur einen schnellen Zusatz-Euro verdienen?“ „Kann ich Fragen stellen, ohne den Arzt zu nerven?“ „Kann ich mir alle angeblich wichtigen Angebote leisten?“ Eine Probe für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

Bei IGeL handelt es sich um Leistungen, die von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden können – aber nicht müssen. Welche Leistungen die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) übernehmen sollen und dürfen, hat der Gesetzgeber im fünften Sozialgesetzbuch geregelt: ,Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.‘ Eine dehnbare Formulierung, die in der Praxis des Öfteren zu Verunsicherung bei den Patienten führt. „So ist es die individuelle Entscheidung des Patienten, ob er für sich einen Nutzen erkennt und ob ihm dieser Nutzen das geforderte Geld wert ist“, sagt Carsten Meyerhoff von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschlands in Göttingen (UPD). Diesen Nutzen jeweils zu erkennen, scheint bei der Masse der Angebote bei den verschiedenen Fachärzten jedoch eine kaum zu bewältigende Aufgabe zu sein. Das Angebot reicht von etablierten Vorsorgeuntersuchungen wie grauer und grüner Star über die zurzeit allgegenwärtig erscheinende Verordnung von Hyaluronsäure bis hin zur Hochtontherapie gegen Arthrose.

Jeder Facharzt muss für sich festlegen, welche Angebote zu welchen Preisen er seinen Patienten machen will und wie er sein Team diesbezüglich schult. Obendrein gilt es, sich gegen die vermutlich vielerseits berechtigt vorgebrachten Vorwürfe, Patienten würden von Ärzten zum ‚Igeln‘ gedrängt, zur Wehr zu setzen. Thomas Neumann, der gemeinsam mit Sabine Meyer-Hamme eine dermatologische Gemeinschaftspraxis in Hann. Münden führt, fühlt sich zwar manchmal in der Rolle eines Verkäufers, sieht aber auch Vorteile und Chancen im IGeL-System. Der Hautarzt informiert seine Patienten sensibel über alle Vor- und Nachteile der jeweiligen Selbstzahlerleistung. „Am Ende ist der informierte Patient der Gewinner, denn er kann mit ärztlicher Hilfe Entscheidungen für seine Gesundheit treffen“, so Neumann. Durch die IGeL-Einnahmen sei überhaupt erst eine wirtschaftliche Praxisführung über das gesamte Quartal möglich.

Die Unübersichtlichkeit bei den Angeboten missfällt ihm allerdings auch: Kosmetische Behandlungen habe der Behandelte überwiegend selbst zu tragen, häufig sogar auch, wenn es um die Beseitigung offensichtlicher Schönheitsfehler gehe, die psychische Belastungen mit sich bringen. Hingegen wisse nur rund ein Drittel der Patienten, dass die Untersuchung von Muttermalen zur Hautkrebsvorsorge ab dem 35. Lebensjahr im zweijährigen Turnus seit einiger Zeit keine IGeL-Leistung ist, sondern eine Leistung, die die Krankenkassen übernehmen. Weil sich aber wohl kein Patient merken kann, was Selbstzahleruntersuchung und was Kassenleistung ist, sollte er sich folgende Faustregel merken: IGeL sind nie Notfallleistungen.

„Der Patient hat genug Zeit, sich vom Arzt und von der Krankenkasse beraten zu lassen sowie im Internet zu recherchieren“, sagt Claudia Fischer von der BKK Technoform in Göttingen. Sie steht hinter dem System, nachdem der Gemeinsame Bundesausschuss die von den GKV zu übernehmenden Leistungen festlegt. „So werden alle notwendigen und wissenschaftlich belegten Leistungen abgedeckt. Außerdem handelt es sich bei den IGeL nicht – wie viele glauben – um Leistungen, die früher von der GKV abgedeckt waren“, so Fischer. In ihrer täglichen Praxis stellt sie keinen Vertrauensverlust zwischen Ärzten und Patienten fest. Doch die an sie herangetragenen Kundenfragen – vor allem bei Männern über 45 Jahren – offenbaren eine kritische Herangehensweise, zu der Fischer sagt: „Wir bieten unseren Versicherten den zusätzlichen Service, sie unter Berücksichtigung des IGeLMonitors über angebotene IGeL-Leistungen persönlich zu informieren.

Manchmal stellt sich heraus, dass die vorgeschlagenen IGeLLeistungen nicht notwendig sind und wir Alternativen aufzeigen können.“ Die auffallend geringe Anzahl von weiblichen Versicherten, die Rücksprache mit ihr halten, liegt laut Fischers Vermutung in der allgemein intensiveren Beschäftigung der Frauen mit Gesundheitsthemen begründet. Gemäß ‚widomonitor‘, der ebenso wie der ‚igel- Monitor‘ und die Krankenversicherungen über alle Zusatzleistungen informiert und ausführliche Statistiken bereitstellt, bekommen Frauen fast doppelt so häufig Privatleistungen von Ärzten angeboten. Für Nils Franke vom AOK-Bundesverband gilt es daher, sehr aufmerksam zu sein: „Einige der ärztlichen Zusatzleistungen sind durchaus nützlich, wie die reisemedizinische Beratung. Viele Selbstzahlerleistungen sind jedoch überflüssig. Einzelne Angebote sind dagegen medizinisch umstritten und können sogar gesundheitsschädlich sein.“

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung des Medizinsektors wägt Volker Siedentopf, Geschäftsführer der Bezirksstelle Göttingen der Ärztekammer Niedersachsen, die schwierige Situation für Patienten und die zusätzlichen Einnahmequellen als Beitrag zur Aufrechterhaltung der ärztlichen Versorgung gegeneinander ab. Gerade im Facharztbereich, insbesondere im Bereich der hautärztlichen Untersuchungen, hält er IGeL für einen wichtigen Baustein zur Weiterentwicklung des Gesundheitssystems: „Der Markt entwickelt sich mit den als Privatleistung etablierten Untersuchungen. Aus diesen Erfahrungen resultieren die Empfehlungen zur Aufnahme in den Leistungskatalog der Kassenleistungen.“ Wem dies ein zu wirtschaftlich gedachter Ansatz ist, dem empfiehlt Siedentopf, im umfassenden Leitfaden der Bundesärztekammer zum Thema IGeL zu recherchieren.

„Zuletzt bleibt es aber immer die individuelle Entscheidung des Patienten: Möglicher Nutzen und Schaden sollten sorgsam geprüft und abgewogen werden“, zieht Patientenberaterin Erika Hoppe ein Fazit, das den Ball zum Patienten zurückspielt. Der muss im Dschungel der Privatleistungen einfach Geduld aufbringen, sich informieren und in allererster Linie die Ärzte seines Vertrauens finden.