Durch die Brille der Anderen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Ein Weltmann zwischen den Kulturen – Raymond Gann plädiert dafür, öfter mal die Perspektive zu wechseln.

Kulturwissenschaftler würden Raymond Gann als einen ,Hybrid‘ bezeichnen. Er wurde von der deutschen wie der englischen Kultur geprägt, und dennoch kann man ihn weder der einen, noch der anderen zuordnen.

Auch Gann selber fällt diese Zuordnung schwer: „Wenn jemand fragt, woher ich komme, kann ich das gar nicht richtig beantworten“, sagt der in England geborene Sohn einer deutschen Mutter. Die Antwort, er sei Deutscher, führe dann immer zu Irritationen: „Die Leute denken, ich will sie veräppeln“, erklärt Gann in einer ganz speziellen Mischung aus britischem Akzent mit Hamburger Einschlag.
‚Geschuldet‘ ist dieses Leben zwischen den Kulturen seinem Vater. Der war Logistiker bei der britischen Armee, weshalb die Familie nach dem Zweiten Weltkrieg ein Nomadenleben führte: Kurz nachdem der heute 60-Jährige in Didcot, in der Nähe von Oxford, geboren wurde, ging es nach Korea, anschließend nach Singapur.
Die Schulzeit verbrachte Raymond Gann in Deutschland, Hongkong, Belgien und Großbritannien, wo er letztlich sein Abitur machte und im schottischen Aberdeen Geschichte studierte.
Als „tolle Jahre“ bezeichnet der mod- Geschäftsführer seine Kindheit und Jugend im Rückblick. Es sei sehr prägend gewesen, in der unmittelbaren Nachkriegszeit gleichzeitig in zwei Kulturen aufzuwachsen.
Denn während sein Stiefgroßvater an der Ostfront kämpfte, wurde die Großmutter in Hamburg zweimal ausgebombt und seine Mutter verschickt. Auf britischer Seite erlebte sein Vater die deutschen V1- und V2-Raketen in London hautnah.
Die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Krieg, die Gann zu Hause, bei den Großeltern und in der englischen Schule kennenlernte, zeigten ihm, dass man die Welt durch verschiedene Brillen sehen kann.
„Ich habe mich gefragt, sprechen die wirklich alle über den gleichen Krieg?“
In den Semesterferien verdiente sich der Student seine Mark auf dem Hamburger Schlachthof als Gabelstaplerfahrer. Das wurde in den siebziger Jahren immer lukrativer, da der Wert des Pfunds von 9,50 DM auf 3,50 DM fiel. Die wirtschaftliche Krise Großbritanniens war auch der Grund, warum Raymond Gann 1978 einen Job in Frankfurt annahm.
Seitdem arbeitet der Weltmann ununterbrochen in Deutschland, davon 18 Jahre in Südniedersachsen. Zuletzt bei der ConCert Verwaltung GmbH, ehe diese 2011 von der mod-Gruppe übernommen wurde.
Seitdem ist Gann als Geschäftsführer tätig und soll die neuen Marken ‚Finance & Accounting‘ und ‚Human Ressource Services‘ an den Markt bringen.
Wie viele andere schätzt er an der Region die Lebensqualität und die kurzen Wege: „In Einbeck kann ich zu Fuß durch eine wunderschöne Altstadt zur Arbeit gehen, bin in zehn Autominuten am Golfplatz und kann abends zu Fuß in die Kneipe gehen.“
Die Bierstadt sei vielleicht nicht ideal für sehr junge Menschen, aber wenn man ein gewisses Alter erreicht habe, wisse man sie zu schätzen.
„Außerdem“, findet Gann, „ist Einbeck angesichts der vergleichsweise geringen Immobilienpreise ideal für junge Familien.“ Auch die Menschen in der Region sind ihm ans Herz gewachsen. Sie seien sehr gut ausgebildet, tüchtig, mit ihrer Arbeit verbunden, bodenständig und ehrlich.
„Gerade bei Handwerkern und in Geschäften habe ich nicht das Gefühl, dass mich jemand über den Tisch ziehen will“, sagt der Deutsch- Brite. Trotz des positiven Bildes, das Gann von den Südniedersachsen zeichnet, hat er auch kritische Worte für die hiesige Bevölkerung übrig: „Es ist komisch, dass ich aufgrund meiner Herkunft und meines Werdegangs als Exot angesehen werde, dabei bin doch Nordeuropäer.“
Die etwas engstirnige Einstellung macht Raymond Gann an der geografischen Lage Südniedersachsens fest: „Die Region liegt eben im Zentrum von Deutschland und ist damit am weitesten vom Ausland entfernt“, sagt er ironisch und nimmt die Provinzialität mit trockenem Humor: „Wenn mich Freunde in England fragen ‚Where is Einbeck near by?’ (frei übersetzt: ‚Was liegt in der Nähe von Einbeck?‘ ) antworte ich ‚nowhere’ (‚Nichts‘ ).“
Trotz der Abgeschiedenheit gebe es in Einbeck international tätige Firmen wie zum Beispiel die KWS SAAT AG, Dura und Kayser.
Damit der Wirtschaftsstandort aber für solche Unternehmen attraktiv bleibe, hält es Gann für wichtig, dass die Bevölkerung ihre südniedersächsische Brille absetzt und eine offenere Einstellung zu Menschen mit einer anderen Herkunft an den Tag legt.
„Will die Region ihren Wohlstand halten, dann ist sie auf Einwanderer angewiesen.“ Die Einbecker Kinder allein werden seiner Einschätzung nach den Wohlstand nicht mehr erwirtschaften können.
Neben Einwanderern stellt Gann noch eine zweite Gruppe heraus, auf die die Region angesichts des demografischen Wandels in Zukunft angewiesen sein wird: Frauen. Die Einstellung in Bezug auf berufstätige Frauen habe sich seit seiner Ankunft in Südniedersachsen allerdings schon deutlich verbessert.
„Als ich herkam, habe ich mir gedacht, Donnerwetter, da sind ja nur Männer im Management.“ Nicht nur deshalb habe seine Frau das größte Opfer gebracht, als die Familie hierher gezogen sei. Ganns Ehefrau, ebenfalls Britin, jedoch mit ukrainischem Vater, ist studierte Fremdsprachenkorrespondentin. Sie war bereits über 40, als sie ihrem Mann in die Region folgte, und fand keinen angemessenen Job.
„Gott sei Dank haben wir für sie die Lösung als freiberufliche Übersetzerin gefunden“, sagt Gann.
Seiner Ansicht nach war es aber in der Region nicht unbedingt gewollt, dass Frauen berufstätig sind. „Da hieß es früher, wenn in der Schule eine Stunde ausfiel und die Kinder nach Hause geschickt wurden: ‚Wie können Sie als gewissenhafte Mutter nicht da sein, wenn Ihre Kinder nach Hause kommen?‘“
Nichtsdestotrotz fühlt sich Raymond Gann in Einbeck sehr wohl.
Das Einzige, was ihn wirklich stört, ist das schlechte Wetter. „Und da brauchen Sie gar nicht erst anfangen mit ‚aber Sie als Engländer‘. Erstens bin ich kein richtiger Engländer und zweitens ist die Region Oxfordshire, aus der ich stamme, keineswegs für Regen bekannt.“