Duftender Solling

Text von: Claudia Krell

Heinz-Jürgen Bertram, Vorstandsvorsitzender der Symrise AG in Holzminden, über Wachstumsstrategien und Rollenbilder

Knapp eine Stunde dauert die Fahrt von Göttingen aus. Es geht über kurvige Landstraßen, durch Solling-Dörfer und idyllische Straßenzüge, vorbei an vereinzelten Häusern. Der Weg führt nach Holzminden, zum Unternehmenssitz von Symrise – einer kleinen Stadt für sich. Hier hat der Vorstandsvorsitzende Heinz-Jürgen Bertram sein Büro in einem Eckzimmer des Hauptgebäudes bezogen. Dank zwei großer Fensterfronten hat er von hier aus das gesamte Areal im Blick. Dort steht er nun auch und zeigt auf den Horizont, wo sich der Wald erhebt, das frühere Grundkapital von Symrise: Mit der Vanillingewinnung aus Tannenholz fing alles an. Dazwischen erstrecken sich Bürogebäude, Produktionsanlagen, Lager, Logistikbereiche. Alles, was das internationale Hauptquartier eines Global Players erwarten lässt. Doch nicht nur die Weitläufigkeit ist es, die fasziniert. Kleine und große Baustellen sind über das Gelände verteilt – mitten in Holzminden ist viel in Bewegung.

Dr. Bertram, was hat Symrise für den Standort Holzminden derzeit auf der Agenda?

Wir investieren hier gerade 30 Millionen Euro. Das Forschungs- und Entwicklungsgebäude wird umgebaut und erweitert, die chemische Produktion modernisiert, eine neue Mentholanlage – die größte der Welt – nimmt die Produktion auf. Im kommenden Jahr werden wir planmäßig eine kleine Meisterleistung vollbracht und jedes Betriebsgebäude auf dem Gelände modernisiert haben. Neu hinzu kommen außerdem Gebäude für die Produktion fester Aromen- und Kosmetikstoffe sowie die Extraktion. Insgesamt wollen wir bis zu unserem Planungshorizont 2017 rund 120 Millionen Euro in Deutschland investieren. Ein großer Teil davon entfällt auf Holzminden. Weitere Investitionen tätigen wir an unseren mehr als 35 Standorten weltweit.

Gehört dazu auch weiteres Wachstum?

Symrise gehört nach Marktkapitalisierung zu den 50 teuersten Unternehmen weltweit. In den vergangenen Jahren sind wir dynamisch gewachsen und gesund aufgestellt. Akquisitionen betreiben wir mit Augenmaß und prüfen laufend fünf bis zehn Kandidaten. Ein Zukauf muss aber Sinn machen – für uns wie auch die akquirierte Firma. Zuletzt war das bei den Aktivitäten des Duftherstellers Belmay in Brasilien oder bei Trilogy Fragrances, die in Nordamerika natürliche Parfümöle herstellen, der Fall.

Umweltschutz spielt für Symrise eine große Rolle, welche genau?

Er greift in alle Unternehmensbereiche. Das Aromengeschäft etwa ist heute fast ausschließlich eines mit natürlichen Aromen. Es geht also immer um Extraktion und damit um viel reinen Alkohol, der zum Einsatz kommt. Wir verwenden diesen möglichst oft wieder, die Reste gehen in die Energiegewinnung. Auch bei der Beerenpressung oder den tausenden Tonnen Zwiebeln, die wir von örtlichen Landwirten beziehen, bleiben organische Pressrückstände zurück. Um auch diese zu verwerten, prüfen wir den Bau einer Biogasanlage.

Welche wichtigen Themen prägen den Symrise-Alltag noch?

‚Gesundes Leben‘ hat für uns einen hohen Stellenwert. Als Symrise 2003 aus der Verschmelzung von Dragoco Gerberding & Co. AG und Haarmann & Reimer GmbH entstanden ist, mussten wir eine eigene Identität entwickeln und haben das Thema für uns entdeckt. Wir haben uns damals ohnehin gefragt: Was können wir? Welchen Mehrwert bieten wir?

Und welche Antworten haben Sie gefunden?

Wir gehen die vielleicht ungewöhnlicheren Wege. Nehmen Sie z.B. die Bourbon Vanille. Als erstes Unternehmen haben wir einen Produktionsstandort – natürlich mit lokalen Akteuren – auf Madagaskar errichtet. Nachhaltigkeit ist uns wichtig: Wir tun mehr, als nur die Vanille vor Ort einzukaufen. Langsam setzt sich in unserer Branche die Erkenntnis durch, dass diese Entscheidung richtig ist. Wir möchten Wertschöpfung und Arbeitswert in die Länder bringen, in denen wir aktiv sind. In Indien haben wir z.B. eine Parfümeurschule aufgebaut und bilden für hochwertige Arbeitsplätze aus. Mit diesem Vorgehen sind wir Erster in den Emerging Markets, mit deren Erschließung wir überhaupt sehr gut vorangekommen sind. Ungefähr die Hälfte unseres Umsatzes machen wir mittlerweile in China, Russland und anderen Ländern.

Holen Sie diese Internationalität auch nach Holzminden?

Auf jeden Fall! Unsere Parfümeurausbildung z.B. ist auch hier absolut Multikulti. Auf fünf bis sieben Plätze bewerben sich jährlich hunderte Personen aus der ganzen Welt. Auch auf einer anderen Ebene zeigen sich dabei schöne Entwicklungen: Mittlerweile haben wir fünf Frauen dabei – früher war Parfümeur noch eine Männerdomäne.

Macht Ihnen im globalen Wettbewerb der Standort Ihres Hauptquartiers Schwierigkeiten?

Wir haben weltweit fünf sehr große Standorte. Langfristig wird es aber bei Holzminden als Hauptquartier bleiben. Wir haben kein Problem, Leute hierher zu kriegen, und konnten unsere Ausbildungsquote in den vergangenen Jahren sogar stetig steigern. Mittlerweile liegen wir bei 120 Auszubildenden. Zehn verschiedene Ausbildungsberufe finden Sie bei uns, einige davon bieten wir im dualen Studium an. Außerdem entstehen hier zehn bis 20 Diplomarbeiten im Jahr, zehn Promotionen haben bereits unser Haus durchlaufen – und wir prüfen derzeit einen Habilitationsversuch. Auf unserem Gelände steht im Grunde eine Universität. Vor allem für High Potentials sind wir darum interessant. Wem es um die Arbeit geht; wer sich zeigen und beweisen, Ergebnisse sehen will, statt nur an einem kleinen Molekül in Reihe zu arbeiten, der ist hier richtig. Wer nachts feiern will, hat sicher Probleme.

Probleme im Zusammenhang mit demografischer Entwicklung und Fachkräftemangel spielen also für Sie keine Rolle?

Fachkräftemangel ist bei uns derzeit kein Thema. Wir arbeiten aber an einem Konzept von der Krippe bis zur Rente, mit Sozialfonds und Lebensarbeitszeitkonten. Unsere Personalabteilung befasst sich gerade sehr intensiv mit Fragen des modernen Arbeitens, die demografische Entwicklung stellt uns nämlich vor viel weitreichendere Schwierigkeiten. Menschen in körperlich fordernden Beschäftigungen z.B. können dieser nicht ein Leben lang nachgehen, wenn die Knochen nicht mehr mitmachen. Wir versuchen, andere Arbeitsplätze zu finden und unseren Arbeitnehmern die gleiche Loyalität entgegenzubringen, die sie auch uns schenken.

Wird es dabei auch gezielt um die Förderung von weiblichen Arbeitnehmern gehen?

Tatsächlich macht sich bei diesem Thema ein Wandel bemerkbar, aber zwei Dinge dürfen Sie dabei nicht vergessen: Zum einen sind wir noch immer ‚auf dem Land‘ ansässig. Hier dominieren nach wie vor traditionelle Rollenbilder, auch wenn sie mittlerweile aufbrechen. Wir versuchen natürlich, Frauen zu fördern. Unsere Leitungspositionen sind zu zwölf Prozent weiblich besetzt, Tendenz steigend. Aber zum Zweiten begegnen wir dabei der Herausforderung, dass Frauen in den technischen und naturwissenschaftlichen Studienfächern erst seit Kurzem präsenter sind. Aber auch in den anderen Bereichen unseres Unternehmens ist es nicht immer so einfach, wie wir es gern hätten: Es kommt sowohl bei Frauen als auch bei Männern stark auf den Typ an. Nicht jeder kann sich z.B. im Lager durchsetzen oder schafft es körperlich, unsere Aromenfässer zu transportieren.

Nehmen Sie sich in diesem Zusammenhang auch der Vereinbarkeit von Beruf und Familie an?

Wir fühlen uns für das Thema Familie mit verantwortlich und arbeiten systematisch daran. So pflegen wir z.B. Kooperationen mit Kindertagesstätten vor Ort. Für uns ist dies das beste Modell – so können wir uns um unsere Mitarbeiter kümmern und die AWO um die Kinder. Damit ist es auch keine Frage der Unternehmensgröße, sondern eine Frage des Wollens. Außerdem bieten wir flexible Arbeitszeitmodelle, stoßen bisweilen aber auch an Grenzen.

Wo liegen diese?

Problematisch sehe ich Telearbeit: Ich glaube an das Miteinander der Mitarbeiter, an die Kommunikation unter Menschen. Wo sie nicht direkt stattfindet und das Reden auf der Strecke bleibt, ist das für Teamarbeit hinderlich, die bei uns eine große Rolle spielt. Darum ist die Arbeit im Home-Office bei uns eher die Ausnahme: E-Mail ist ein Informations-, kein Kommunikationskanal.

Symrise ist ein Global Player.Welche Rolle spielt für Sie die unmittelbare Umgebung, die Stadt und die Region?

Zuallererst haben wir eine enge Bindung zur Stadt. Ich selbst wohne mit vollem Bewusstsein in Holzminden, in einem Haus direkt neben dem Werk. Das setzt den Ton, den wir hier haben wollen. Unsere Mitarbeiter sind qualifiziert und sehr loyal. Teilweise sind ganze Familien schon seit vielen Generationen in der Firma. Sie bringen Symrise großen Respekt entgegen, wie wir auch ihnen. Das Ergebnis dieser gegenseitigen Wertschätzung ist ein gesundes Unternehmen, wir können dadurch wiederum ein Arbeitgeber sein, der viele hoch qualifizierte Jobs bietet und gut entlohnt. Das kommt auch der Stadt zugute. Bildung ist für uns ein starker Anknüpfungspunkt, z.B. über die Hochschulen. Weltklasse-Unternehmen sind in der Region ansässig, Unternehmen wie Ottobock, KWS oder Sartorius, mit denen wir auch gemeinsame Projekte haben.

Südniedersachsen hat für Sie also einen hohen Stellenwert?

Sicher, aber wir können uns nicht nur auf Göttingen oder Südniedersachsen konzentrieren. Viele Mitarbeiter pendeln aus den unterschiedlichsten Orten hierher. Auch unsere Zulieferer sind an ganz unterschiedlichen Orten ansässig. Unsere regionalen Interessen sind also weiter gestreut. Wir richten den Blick auch stark auf Hannover, engagieren uns bei Weserpulsar und der Weserbergland AG. Dort versuchen wir, auch für kleinere Unternehmen Vorteile vor Ort zu schaffen und gemeinsam an der regionalen Entwicklung zu arbeiten.

Könnte vor allem die Verkehrsinfrastruktur langfristig ein Hindernis dabei sein?

Wir sind vom größten Autobahnring Deutschlands umgeben… Ein kleiner Scherz dafür, dass wir von allen Autobahnen ein ganzes Stück entfernt und nur über Landstraßen zu erreichen sind. Aber das hat auch Vorteile, z.B. sind die Kosten für Grundfläche niedrig. Wir passen uns an die Gegebenheiten an: Es ist eine unternehmerische Herausforderung, damit klarzukommen. Viel größere Sorge haben wir aber vor Unfällen – fahren Sie nur einmal diese kurvigen Strecken mit einem 40-Tonnen-Schlepper. Wir stehen zu der Problematik zwar in Kontakt mit der Politik, viel ist dazu aber noch nicht passiert.

Herr Dr. Bertram, vielen Dank für das Gespräch!

Wie spannend Symrise ist, möchte Heinz-Jürgen Bertram zum Abschied bei einer kleinen Entdeckungstour durch ein Laborgebäude demonstrieren. Schon den Eingangsbereich ziert eine Vitrine mit Parfümkreationen, die hier entstanden sind. Bekannte Namen sind darunter – auch ein Duft „wie das Flair New Yorks im Frühlingsregen“, ein aktueller Verkaufsschlager. Daneben geht es weiter, ein Blick in die Drogerieabteilungen der Welt: Mit Shampoos und Zahnpasta, Waschmitteln, Spüli und auch Toilettensteinen. Waschmaschinen und Trockner in Reihe verbergen sich in den Räumen dahinter. Was zunächst überrascht, hat viel Sinn: Mit ihnen wird ergründet, wie sich der Duft von Waschmittel und Weichspüler bei verschiedenen Temperaturen verändert. Zu den Versuchsräumen gehören auch Toilettenkabinen, in denen Luftdruck und -feuchtigkeit sowie die Spülung gesteuert werden können. Einige Etagen höher übt der Parfümeursnachwuchs, schult die Nasen an bekannten Düften, die nachgebildet werden sollen. Die Palette an kleinen und großen Fläschchen ist schon hier beeindruckend – noch imposanter wird es in einem Raum mit ‚Duftorgel‘. Hier lagern alle Stoffe, aus denen sich die Parfümeure bedienen können. Und auch ein Duftroboter steht hier, der nach eingespeistem – natürlich geheimen – Rezept Ingredienzien mischt. „Voll automatisiert“, erklärt Bertram, „unsere Mitarbeiter können die Maschine von überall aus auf der Welt ansteuern.“

Zur Person

Heinz-Jürgen Bertram ist seit mehr als 20 Jahren im Unternehmen und seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Symrise AG. Davor verantwortete er die Sparte Aromen, einen eigenständigen Geschäftsbereich. Den Umsatz konnte Symrise in dieser Zeit von 1,3 Milliarden auf 1,6 Milliarden Euro steigern. Bis 2020 werden allein in Deutschland 100 Millionen Euro investiert.

Zum Unternehmen

Die Symrise AG ist globaler Anbieter von Duft- und Geschmackstoffen sowie kosmetischen Grund- und Wirkstoffen für die Parfümerie-, Kosmetik- und Lebensmittelindustrie. Mit einem Umsatz von rund 1,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2011 gehört das Unternehmen zu den Top 4 im globalen Markt der Düfte und Aromen. Über 5.400 Mitarbeiter sind weltweit für das Unternehmen tätig, das zehn Prozent des relevanten Marktes für Duft- und Geschmackstoffe abdeckt.