Drei Punkte

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Elena Schrader

Samuel Koch erzählt, was Glück für ihn bedeutet – und empfiehlt Heinz Erhardt.

Samuel Koch sitzt im Rollstuhl. Er ist vom Hals abwärts gelähmt. Er kann nicht alleine essen oder sich an der Nase kratzen. Aber er denkt und fühlt.

Am 4. Dezember 2010 gab es diesen Unfall bei Wetten dass…?, den über zehn Millionen Menschen vor dem Fernseher miterlebten, als Samuel Koch auf Sprungfedern bei einem Salto über ein fahrendes Auto stürzte.

Auf einmal war für den heute 26-jährigen Schauspielstudenten nichts mehr, wie es vorher war. Auf der 15. faktor-Business-Lounge im August zum Thema ,Unvorhersehbare Zukunft‘ war Samuel Koch zu Gast.

Er sprach mit faktor über seine beiden Leben und die Bedeutung von ‚Glück‘.

Herr Koch, sind Sie glücklich?

Samuel Koch: Da ich an einem Kant-Gymnasium mein Abitur gemacht habe, möchte ich seine Erkenntnis weitergeben. Denn selbst Immanuel Kant stellte fest, dass er Klarheiten, tiefe Wahrheiten und das wirkliche Wohl seines Herzens NICHT in allen Schriften aller Philosophen zusammen findet… Wie soll ich da ‚Glück‘ definieren?

Wenn Sie das Leben anschauen, das Sie heute leben: Welche Augenblicke bedeuten da ‚Glück‘ für Sie?

Wie gerade gesagt, ist Glück nicht so einfach zu definieren. Es gibt allerdings vieles, das mich immer wieder freudig stimmt: durchschlafen, erfolgreich husten, einen schönen Film schauen, küssen, lange duschen, ein gutes Gespräch führen, Gottesdienst feiern, nach langem Warten richtig gekratzt werden, mit Hilfe niesen, mal einen Abend nicht telefonieren, vorlesen lassen, Wärme, Sonne und Fahrtwind im Gesicht, Theater, frische Luft, schöne Aussicht, Heinz Erhardt, ein schmerzfreier Tag, Freunde treffen, gute Musik hören, am Kopf ziehen, Nägel schneiden und dabei etwas spüren, Appetit empfinden und ihn stillen, anderen helfen können, mit richtigem Timing schnäuzen, eine lustige Postkarte, eine besonders nette Mail, ein kurzer, aber netter Brief, schöne Kunst, wie ein Unversehrter Rundfunkgebühr bezahlen, einen Purzelbaum machen, vor Anstrengung Schmerzen haben, in meiner Fantasie tanzen, alleine unterwegs sein, eine SMS erfolgreich selbst schreiben, ins Kino gehen, nach dem Kollabieren wieder aufwachen, im Traum turnen, pünktlich sein, Monk, eine bequeme und schöne Frisur, einen komplexen Text begreifen, lieben Besuch bekommen, Stehtraining ohne Kollabieren, keine Rechnungen im Briefkasten, Blödsinn reden, Recht haben und singen.

Hilft es, religiös zu sein?Sind gläubige Menschen vielleicht generell zufriedener?

Aus der Wortbedeutung für Religion ,sich besinnen auf, achtgeben auf (lat.: gewissenhafte Berücksichtigung oder auch ,wieder achten‘)‘ kann ich sagen, dass es mir gut tut, mich mal in aller Stille zurückzuziehen und inne zu halten, zu sinnieren. An warmen Sonnentagen fahre ich abends gerne ins Freie, lege mich in meinem Rollstuhl auf den Rücken und betrachte die unvorstellbare Weite des Universums. Dann fällt mir manchmal der Titel eines Kinderbuches ein: ,Wer hat das alles gemacht?‘

Wer oder was hat Ihnen in der Zeit nach dem Unfall denn konkret geholfen?

Menschen! Manchmal auch in Gestalt von Gottes Bodenpersonal.

Wenn wir im Buchhandel in die Regale schauen, sehen wir eine unüberschaubare Anzahl an Glücksratgebern. Sind wir undankbar und zu sehr mit dem Glück befasst?

Stellen Sie sich ein schönes, glänzendes, weißes Fotopapier vor, Größe DIN A4, Querformat. Es hat drei dunkle Stellen in Punktgröße. Jeden, den Sie fragen, was er sieht, wenn Sie ihm das Blatt zeigen, wird antworten: „Drei Punkte“, obwohl es fast 100 Prozent weiß ist.

Hatten auch Sie schon einmal eine entsprechende Lektüre in der Hand?

Nein!

Sie haben ja auch bereits selbst Ihr eigenes Buch auf dem Markt: ,Zwei Leben‘. Und Sie treten inzwischen bei verschiedenen Veranstaltungen auf, um über Ihr Schicksal zu sprechen. Hat Gott vielleicht für Sie die Aufgabe vorgesehen, Menschen Mut zu machen und ihnen Halt – bzw. Glück – zu geben?

Ich zitiere eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die vor zwei Jahren meinen Papa besucht hat. „Seit ich Sie kenne“, sagte sie, „geht es mir nie mehr schlecht.“ Es ist wohl eine Frage des Blickwinkels zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Mit Ihrer Biografie und Ihren Auftritten können Sie sicher auch etwas Geld verdienen. Würden Sie sagen, Geld macht glücklich?

Sie sagen es: „etwas“. Unter Berücksichtigung meiner Antwort zum ‚Glück‘, kann man „nein“ sagen, aber in unserer Gesellschaft hilft es in vielen Dingen.

Im April 2012 haben Sie Ihr Schauspielstudium an der Hochschule in Hannover wieder aufgenommen. Sie sagten damals: „Mein Körper ist gelähmt. Mein Geist nicht.“ Macht Lernen glücklich?

Jeder persönliche Fortschritt, was nicht nur „mehr“, „schneller“ oder „größer“ heißen muss, ist ein Gewinn. Wer mit beiden Beinen auf dem Boden steht, kommt nicht voran.

In Ihrem ersten Leben haben Sie viel ausprobiert und getan, was Ihnen Spaß macht. Würde es helfen, nur noch zu tun, was uns Spaß macht?

Es braucht Gegensätze, um Gefühle jeglicher Art empfinden zu können. Wir haben in meinen jüngsten Jahren auf einem Bauernhof mit Hotelbetrieb Urlaub gemacht. Die wenigen Mitarbeiter hatten von früh morgens bis spät abends hart gearbeitet, u.a. die Gäste bedient und verwöhnt. Ein Tag dieser Ferienfreizeit wurde als Fest gefeiert. Selten habe ich seitdem Menschen so fröhlich und ausgelassen erlebt – ohne Alkohol. Man fühlte die Freude, den Spaß aller Mitarbeiter. Für ein Filmprojekt im Sommer 2010 habe ich täglich 14 bis 16 Stunden gearbeitet, und es hat Spaß gemacht.

Haben Sie denn dann einen konkreten Tipp, was wir tun können, um glücklich zu sein?

„Ich kann’s bis heute nicht verwinden. Deshalb erzähl ich’s auch nicht gern; Den Stein der Weisen wollt ich finden Und fand nicht mal des Pudels Kern.“ (Zitat Heinz Erhardt, Anm. der Red.)

In gerade einmal 60 Millisekunden hat sich vor drei Jahren Ihr gesamtes Leben verändert. Ihr Vater fuhr den Wagen, der in den Unfall verwickelt war. Die Schuldfrage wurde in diesem Zusammenhang schon oft angesprochen. Wie gehen Sie und Ihr Vater damit um?

Der Chef der Reha-Klinik in Nottwil meinte: „Es gibt keine vernünftigen Unfälle!“ Kürzlich ist einer der besten Fallschirmspringer der Welt tödlich in den Schweizer Bergen verunglückt – er war das James-Bond-Double, das mit der Queen vom Flugzeug aus im Stadion landet, in dem Videoclip zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London. Schon als ich mit meinem Vater früher als Kind gerauft habe, war uns klar, es kann immer mal etwas passieren, einen Ellenbogen auf der Nase oder so. Selbst wenn man die Risiken kennt. Und gerade als Leistungsturner war ich darauf trainiert, Risiken richtig einzustufen. Es mag lapidar klingen – trotzdem kann man nicht alles verhindern. Die Tragweite meines Unfalls übersteigt allerdings alles, was ich mir je hätte vorstellen können. Es hilft niemandem, wenn man sich gegenseitig Vorwürfe macht. Wir lieben uns.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der man einfach nicht ,unglücklich‘ sein darf. Wie war das nach dem Unfall für Sie? Was sind Ihre Erfahrungen?

Aus den allermeisten Zuschriften, Kontakten, E-Mails usw. konnten wir echte Anteilnahme spüren – das hatte gar nichts mit Mitleid zu tun. Manche Sprüche wie „Kopf hoch“, „wird schon wieder“, „es geht irgendwie weiter“ sind, glaube ich, Ausdruck von Verlegenheit. Wir wissen selten richtig mit Leid umzugehen.

Sie schreiben unter anderem in Ihrem Buch, man spiele automatisch eine Rolle im Leben der Leute, die einem nahestehen. Würden Sie sagen, jeder trägt dadurch auch eine Verantwortung dafür, sich selbst glücklich zu machen?

Wer denn sonst?

Ihnen wurde von verschiedenen Leuten geraten, sich von der Vergangenheit zu verabschieden, weil Sie sonst nicht nach vorne schauen könnten. Sie schreiben dazu einen wunderbaren Satz: „Meine Erinnerungen sind mein Schatz für die Zukunft, nicht das Museum, in dem ich leblos Vergangenes stapele. Ich will nicht bitter werden.“ Welche „Schätze“ sind es, von denen Sie hier schreiben und die Ihnen heute helfen, positiv in die Zukunft Ihres zweiten Lebens zu blicken?

Ich halte die Liste etwas kleiner als oben: eine Kindheit voller Vertrauen, Liebe und Ermutigung. Ich durfte so viel ausprobieren: Snowboarden, Fallschirmspringen, Rollerskates fahren, jährliche Urlaube, Windsurfen, Drachen steigen lassen, Schule und Fahrschule besuchen. Meine jüngste Schwester ist zurzeit in Tansania. Niemand dort wird auch nur annähernd die Chan- ce haben, das zu erleben, was ich bereits erleben durfte – außer vielleicht: Freundschaften, die ein Leben lang halten.

Herr Koch, herzlichen Dank für das Gespräch!


Übrigens:faktorverlost 5 Ausgaben von Samuel Kochs Biografie ‚Zwei Leben‘.

Stichwort für diefaktor-Glücksverlosung: ‚Zwei Leben‘

Weitere Infos unter www.faktor-magazin.de/gluecksverlosung