©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Das Schloss Herzberg ist derzeit eine Großbaustelle, in die rund 20 Millionen Euro fließen – mit dem erklärten Ziel: ein traditionsreiches Denkmal aus dem Dornröschenschlaf zu holen und erneut zu einem Treffpunkt mit Anziehungskraft zu machen.

Weithin sichtbar und 275 Meter hoch über der alten Fachwerkstadt Herzberg thront eines der wenigen erhaltenen Renaissance fachwerkschlösser in Niedersachsen. Die steilen Hänge des Schlossbergs bestehen aus dem Dolomitgestein des Südharzer Zechsteingürtels und stellten im Mittelalter ein fast unüberwindbares, natürliches Hindernis dar. Über den Ursprung des Schlosses besagen die Archive nur wenig, doch einer Quellenlage zufolge entstand es einst aus einer Burg, die bereits ab dem Jahr 1024 erbaut wurde. Beurkundet hingegen ist, dass Heinrich der Löwe 1157 die Burg – im Tausch gegen schwäbische Ländereien – von Barbarossa erwarb. Seitdem, bis zum Jahr 1866, war das Schloss Herzberg un unterbrochen in welfischem Besitz und ab 1290 Residenz der verschiedenen Welfen-L inien. In seiner Blütezeit wurde es schließlich zum Kaisersitz der Welfen auserkoren und so zur ,Wiege der Könige‘ – wie beispielsweise 1629, als Herzog Ernst August im Schloss zur Welt kam, der erste Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg und Vater des späteren englischen Königs Georg I.

Über die Jahrhunderte jedoch ist dieser Glanz früherer Tage verblasst – und eine Restauration im Kampf gegen den Verfall des ehrwürdigen Anwesens ist längst überfällig. „Wir sprechen von der ersten gründlichen Instandsetzung dieser fast 900 Jahre alten Gemäuer“, erzählt Peter Bischof, seit März vergangenen Jahres Vorsitzender des Schloss- Fördervereins, während er im gemütlichen SchlossCafe zufrieden an seinem heißen Cappuccino nippt. 14.000 Taler investierten die Welfen im Jahr 1650, um den Sieberflügel ihres Schlosses Herzberg zu errichten, der damals das Schlosskarree in Richtung Nordosten schloss. So war endlich auch die Flanke bebaut, die wegen des steilen Burgberges bis zu diesem Zeitpunkt kaum zugänglich war. In den historischen Dokumenten ist dieser Geldbetrag der einzige, der Auskunft über Bau- oder Instandhaltungskosten des Schlosses gibt. Heute stehen ganz andere Zahlen im Raum: Rund 20 Millionen Euro sind für die geplanten Maßnahmen veranschlagt, die bereits seit Sommer 2017 laufen und voraussichtlich bis 2025 weitergehen. Eine hübsche Summe, mit der auch große Erwartungen einhergehen.

Hier in Herzberg erblickte Peter Bischof vor 63 Jahren das Licht der Welt – und nur kurze Zeit später das geschichtsträchtige Denkmal. „Als jemand, der seit frühest er Kindheit von zu Hause aus immer einen direkten Blick aufs Schloss hatte, liegt es mir sehr am Herzen“, sagt der ehemalige Journalist und engagierte Ehrenämtler. „Und ich freue mich, dass es nun endlich aus dem Dornröschenschlaf erwacht.“ Für lange Zeit hätten die Herzberger und ihr Schloss bloß nebeneinander existiert, berichtet Bischof. Mal ein kurzer Termin auf dem Amtsgericht – das seinen Sitz bereits seit 1852 im Schloss hat –, mal eine vereinzelte Feier in der Gastronomie, die in den vergangenen Jahrzehnten auch des Öfteren den Pächter wechselte. „Das war’s mit dem ,Stolz‘ auf dieses Monument.“

Selbst das bereits 1908 eröffnete Museum, dass das Schloss als Objekt und als Schauplatz welfischer Herrschaft sowie die Wirtschaftsgeschichte in den Mittelpunkt stellt, wurde überwiegend von Auswärtigen besucht – und dies obwohl der ehrfurchtgebietende Rittersaal, die überregional berühmte Andreas-Engelhardt- Orgel, das historisch wertvolle Faksimile des Evangeliars Heinrich der Löwe und vieles mehr eine spannende Reise in die Herzberger Vergangenheit verhießen.

Mit dem Ziel, dem Gebäude wieder Leben einzuhauchen, organisiert der 2004 gegründete Förderverein Schloss Herzberg bereits seit Jahren – im Ambiente des alten Rittersaals unter den Augen der in Herrscherporträts verewigten Landesherren – regelmäßig Konzerte, Lesungen und geschichtliche Veranstaltungen und lädt mit unterschiedlichen Sonderausstellungen ins Schlossmuseum ein. Die Eintrittsgelder des Museums sowie Spenden und Mitgliedsbeiträge, die der Verein einnimmt, kommen dem kulturellen Leben auf dem Schloss zugute. Obendrein lockt Martina Mantek, die aktuelle Pächterin des SchlossCafes, tagtäglich Einheimische und Touristen mit kreativen Ideen und gastronomischen Events in die warme Stube.

Doch es ist und bleibt wohl auch noch für einige Jahre ein steiniger Weg. Ähnlich wie die Beschäftigten des Amtsgerichts müssen sich alle Involvierten mit dem Dreck und dem Lärm der Bauarbeiten arrangieren, und es gilt, den rückläufigen Gästezahlen mit immer wieder neuen An geboten zu begegnen. Dass während der Restauration auch Parkplätze fehlen, erleichtert die Sache nicht.

„Im Moment spielt sich die meiste Action häufig im Mörtelstaub, in eisig-windiger Höhe und bei Erdarbeiten ab“, erklärt Bischof bei einem Rundgang durch das Schloss. Blicke hinter die Gerüstplanen und in den entkernten Marstall, den früheren Pferdestall, offenbaren, dass noch viel Arbeit vor den Restauratoren liegt. Das Schmuckstück des adeligen Anwesens ist der im Osten gelegene Uhrenturm mit seinen aus den Fachwerkbalken geschnitzten Figuren. Er ist aber auch eine der Hauptbaustellen. „Ende der 1980er-Jahre wurden die Figuren schon einmal restauriert. Das hätte man besser gelassen“, klagt Ulrich Rütjerodt vom Staatlichen Baumanagement Südniedersachsen in Goslar. Falsche Materialien hätten die Schäden nur oberflächlich kaschiert, langfristig aber eher verschlimmert. Jetzt soll in diesem Bereich gerettet werden, was noch zu retten ist. Im schlimmsten Falle werden die Figuren von Experten nach Gipsabdrücken neu angefertigt.

Eine weitere aktuelle Baustelle ist der Marstall. Hier laufen die Bagger- und Stützarbeiten auf Hochtouren. Das Fachwerk wird komplett hochgehängt, um einen durchgehenden, riesigen Betonboden ins Erdgeschoss einzuschieben – die spätere Nutzung ist noch nicht geklärt. Auch dem Amtsgericht steht viel Unruhe ins Haus. Für die Dauer der dortigen Restaurierungsarbeiten muss es vom ,Grauen Flügel‘ in einen Teil des dann renovierten Marstalls umziehen. Für die verschiedenen Bau abschnitte sind vor den Handwerksarbeiten etliche Planungen, Holz- und Mörtelgutachten und viele weitere Vorbereitungen abzuwickeln. „Wenn man denkt, man hat eine Baustelle im Griff, tun sich meistens drei neue Probleme auf – wie zum Beispiel die Erkenntnis, dass es für den Uhrenturm auf dem gesamten Holzmarkt keine Balken in der benötigten Größe gibt“, erklärt Rütjerodt und gibt damit einen kleinen Einblick, wieso die Kosten und die Dauer der Restaurierungsarbeit so schwer zu kalkulieren sind.

Der Leiter des Staatlichen Baumanagements bestätigt dies. „Wir schätzen aber, dass wir die Sanierung bis 2025 abschließen können. Garantien kann es zwar keine geben, dafür ist zu vieles ungewiss“, so Marcus Rogge. Allerdings bilanziert er bislang einen normalen Ablauf der Maßnahmen. Es gäbe, Stand heute, keinen Grund zur Sorge – zumal auch die Finanzierung gesichert ist: So waren die in den Jahren 2017/18 vom Land Niedersachsen zur Verfügung gestellten 7,5 Millionen Euro quasi der Startschuss zu den Erneuerungsmaßnahmen. Weitere sieben Millionen bewilligte der Bund im vergangenen Jahr. Somit bleibt zwar rechnerisch immer noch eine Lücke von mindestens 5,5 Millionen Euro, doch Rogge gibt Entwarnung: „Die Sanierung des Schlosses wird aus der sogenannten Bauunterhaltung des Landes finanziert. Es kann also keine Finanzierungslücke geben. Die Haushaltsmittel werden im benötigten Umfang jährlich bereitgestellt.“ Kreativität kann bei der Geldakquise jedoch durchaus hilfreich sein. Durch die Ausweisung eines Schlossbereiches als Standort des Niedersächsischen Landesliegenschaftsfonds sind inzwischen zwei Ämter im Schloss angesiedelt. Offiziell gilt es damit als Behördenhaus, was den Zugriff auf weitere Landesmittel ermöglicht.

Erleichtertes Durchatmen immerhin an dieser Stelle bei Peter Bischof und seinem Förderverein: Die Finanzierung des Millionenprojekts steht. Und dennoch sieht es Bischof als unabdingbar an, sich fortwährend zu engagieren, um eventuell noch weitere öffentliche Fördertöpfe für das kulturelle Angebot des Schlosses zu entdecken. „Privatwirtschaftlich sind uns leider enge Grenzen gesetzt, da es kaum noch größere Familienbetriebe in Herzberg gibt, die uns unterstützen können“, sagt der Vorsitzende feststellend. Ein Schritt, um aber doch im Radar der Entscheider zu bleiben, könnte der seit einiger Zeit im SchlossCafe stattfindende Unternehmerstammtisch von MEKOM, IHK und WRG sein. So erhalten die Unternehmer der Region einen direkten Einblick in die Bautätigkeiten am Herzberger Schloss. Bischofs gute Vernetzung in der Region – beispielsweise zum Rotary Club Südharz – sowie die gemeinsam mit Bürgermeister Lutz Peters angedachten Kooperationen mit anderen Museen wie dem Einbecker PS.Speicher verbessern ebenfalls die Aussichten auf Spenden.

„Wir müssen das Schlossleben auch jetzt schon, also auch während der Bauarbeiten, attraktiv erhalten“, sagt Bischof bestimmt. Trotz aller Herausforderungen ist er motiviert und überzeugt davon, dass sich sowohl die Investition als auch die persönlichen Anstrengungen auszahlen werden: „Schon in wenigen Jahren können sich die Herzberger wieder über ein hochwertig restauriertes Schloss freuen, das im Glanz alter Zeiten neu erstrahlt. Das hoffentlich Austragungsort vieler größerer, kultureller Veranstaltungen – mit Gästen aus Nah und Fern – wird und vor allem wieder nutz- und erlebbar ist, auch für kommende Generationen in den nächsten Jahrhunderten.“