Die Welt von Inge Feltrinelli: Wie alles in Göttingen begann
1930 kommt Inge Schönthal in Essen zur Welt. Damals ahnt noch niemand, dass sie einmal von Göttingen aus zu einer echten Weltkarriere durchstarten würde – als Inge Feltrinelli. Ihre sympathische, oft draufgängerische Art lässt sie sogar zur Vertrauten von Ernest Hemingway und Pablo Picasso werden.
»Ich wollte immer weiter – aber ich habe nie vergessen, wo ich angefangen habe.«
Im Leben eines Journalisten gibt es besondere Zufälle und Themen, die in Erinnerung bleiben und dann auf einmal wieder auftauchen. So etwa eine Veranstaltung mit anschließendem Interview mit Inge Feltrinelli – geführt im Literarischen Zentrum (LZ) im Jahr 2010. Die 80-Jährige, die damals etwa 80 eigene Fotos im Alten Rathaus ausstellte, strahlte eine imponierende Tatkraft aus. Die Zuhörer hingen fasziniert an ihren Lippen, als sie aus ihrem facettenreichen Leben erzählte. Die Fotografin, Verlegerin und Journalistin starb acht Jahre später. 20 Jahre zuvor hatte sie den Familienverlag in die Hände ihres Sohnes Carlo übergeben. Sie selbst leitete ihn seit dem Tod ihres Ex-Mannes Giangiacomo Feltrinelli im Jahre 1972. Ende der 1960er-Jahre hatte sie sich von dem Verlagsgründer wegen seiner kommunistischen Aktivitäten getrennt.
Sohn Carlo führt Jahrzehnte später nicht nur den Verlag weiter, sondern auch die herzliche Verbindung der Familie nach Göttingen. Aus diesem Grund agierte er als Initiator und einer von drei Protagonisten des vom LZ kürzlich veranstalteten „Abend für Inge Feltrinelli“ – und schloss so den Bogen zur eingangs erwähnten Veranstaltung. Vor vollem Hause sprach er mit dem schweizerischen Inge-Feltrinelli-Biografen Marco Meier und dem Schriftsteller und jahrzehntelangen Weggefährten der Verlegerin, Michael Krüger. Letzterer lernte Inge Feltrinelli Ende der 1960er-Jahre als „schrillste Frau auf der Büchermesse“ kennen.
Im improvisierten und mal nachdenklich stimmenden, mal höchst amüsanten und für Zuschauerfragen offenen Dreiergespräch erfuhren die Menschen, warum Carlo Feltrinelli noch heute ein inniges Gefühl für die Gänseliesel-Stadt hegt: Als Jugendlicher weilte er des Öfteren im Ostviertel und lernte die Stadt lieben. Sehr viel mehr wollte er dazu aber auch auf Nachfrage nicht sagen und überließ lieber dem Biografen und dem Schriftsteller an seiner Seite das Wort.
Krüger schilderte oft augenzwinkernd und sehr fesselnd, wieso es die junge Inge überhaupt nach Göttingen verschlug. Denn eigentlich hatte die Familie Schönthal eine wirklich gute soziale Stellung in der Ruhrpottmetropole Essen. Doch der erstarkende Nationalsozialismus
wird der jungen Familie zum Verhängnis: Wegen seiner jüdischen Herkunft emigriert Inges Vater Siegfried 1938 – auf Zureden seiner Frau Trudel – allein in die Niederlande. Die Familie zerbricht nach mehreren riskanten Besuchen von Inges Mutter in den Niederlanden unter dem politischem Druck und den Repressalien. Siegfried Schönthal wandert schließlich in die USA aus.
Inge und ihre Mutter Trudel sind fortan auf sich gestellt. Des Öfteren fahren sie zur Verwandtschaft ins Siegerland. Dort lenkt Inge bereits als junges Mädchen das weitere Familienschicksal: Sie bittet – sich der Problematik ihrer jüdischen Herkunft nicht bewusst – einen deutschen Offizier, sie auf sein Pferd zu heben. Der Offizier verliebt sich zunächst in die niedliche Inge, schließlich aber auch in ihre Mutter, die Otto Heberling kurze Zeit später heiratet. Der Weg nach Göttingen ist damit vorgezeichnet: Inge und ihre Mutter ziehen im Jahr 1938 zum neuen Ehemann ihrer Mutter in die Zietenkaserne. Da Trudel nicht jüdischer Herkunft ist und ihr Ehepartner trotz dieser Problematik überzeugt zu seiner neuen Familie steht, entsteht eine erstaunliche Schutzsituation – quasi in der Höhle des Löwen.
Meier beschreibt diese frühe Phase als einen „biografischen Brennpunkt“, in dem sich charakterprägend Anpassung und Widerstand, Schutz und Verlust überlagern. Die junge Inge gilt als „Mischling ersten Grades“ und erlebt früh, was es heißt, gesellschaftlich gebrandmarkt zu sein. Immer wieder muss die Mutter, deren Temperament die Tochter geerbt hat, Kämpfe mit Schulleitungen und -behörden ausfechten, damit Inge weiterhin zur Schule gehen kann.
Die Stadt an der Leine wird für mehr als ein Jahrzehnt zu Inges Lebensmittelpunkt. Hier besucht sie das Mädchengymnasium, macht mit ihrer Freundin Gassy die Kaserne „unsicher“ und verfügt angesichts ihrer in diesen Zeiten problematischen Herkunft über schier unglaubliche Freiheiten.
Doch diese Normalität bleibt brüchig. Kurz vor Kriegsende wird sie doch noch vom Schulbesuch ausgeschlossen, ihr Stiefvater sogar vor das Kriegsgericht berufen. Ein Einschnitt, der sie prägt: „Man hat mir gesagt, ich gehöre nicht mehr dazu“, erinnert sie sich später an diese schmerzhafte Erfahrung der Ausgrenzung.
Und dennoch: Göttingen ist nicht nur Ort der Einschränkung, sondern auch des Aufwachsens und der Persönlichkeitsbildung. Die Universitätsstadt mit ihrem wissenschaftlichen Milieu, ihren internationalen Einflüssen und ihrem studentischen Leben eröffnet der kontaktfreudigen Heranwachsenden verlockende Perspektiven. Sie beobachtet, hört zu, bewegt sich in verschiedenen sozialen Umfeldern. Ihr später oft beschriebenes Talent, auf Menschen zuzugehen und Vertrauen zu gewinnen, entwickelt sich. Marco Meier beschreibt sie in diesen Jahren als „sehr selbstbewusst, gradlinig, jemand, der Dinge tut, die er will“.
Obwohl die kaum zerstörte Leinestadt nach dem Krieg zu einem Ort des Neuanfangs avanciert, zieht es Inge in die Ferne. „Göttingen wurde mir zu eng“, sagt sie später rückblickend auf diesen Wendepunkt in ihrem Leben. Mit 19 Jahren verlässt sie die Stadt, ihre geliebte Mutter, den Stiefvater und zwei Halbgeschwister – nicht mit einem großen Plan, sondern mit einer fixen Idee: Das Ziel ist Hamburg, dort hatte ihr eine Bekannte einen Job in deren neuem Fotostudio angeboten. Inge hatte, obwohl bislang wenig mit Fotografie in Berührung gekommen, mit einem für sie typischen „Warum nicht?!“ geantwortet. Mit ihrem Fahrrad stellt sie sich als Anhalterin an die Straße. Ein skurriler Lkw-Fahrer hält an, wirft ihr Fahrrad unsanft auf die Ladefläche und weist ihr den Weg in die unangenehm riechende Fahrerkabine. Wieder schiebt sie die Zweifel beiseite und fährt einfach mit.
Der Wunsch nach Freiheit ist größer als die Skepsis gegenüber dem Fahrer – und sie kommt gut an in der zerbombten Hansestadt. Die Fähigkeit, sich in unterschiedlichen Milieus zu bewegen, kommt ihr nun zugute: Sie arbeitet sich in die Fotografie ein. Zunächst als Assistentin und ohne formale Ausbildung. Doch schnell zeigt sich ihr Talent: Sie hat ein Gespür für Situationen, für Menschen, für den richtigen Moment. „Ich habe es einfach gemacht“, sagt sie gewohnt kurz und prägnant.
Schnell wird aus dem Branchenneuling eine gefragte Fotoreporterin. Sie arbeitet für Magazine, knüpft Kontakte in der Medienwelt, trifft regelmäßig Größen wie Rudolf Augstein und wird schließlich auf internationale Reportagereisen geschickt. New York, Havanna, Paris – die ersehnte weite Welt öffnet sich ihr. Ihre Porträts von Persönlichkeiten wie Ernest Hemingway oder Pablo Picasso werden ikonisch. Sie erreicht, was vielen verwehrt bleibt: Nähe zu Menschen, die Öffentlichkeit gewohnt sind, aber selten jemandem ihr Vertrauen schenken.
In den 1950er-Jahren – sie hat sich bereits international einen Namen gemacht – begegnet Inge Schönthal in Hamburg dem italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Es ist eine Begegnung, die ihr Leben grundlegend verändert. Sie heiraten 1960, ziehen nach Mailand und Inge Schönthal wird zu Inge Feltrinelli. Mit dieser Verbindung tritt sie in eine neue Sphäre ein: die aufblühende Welt des internationalen Verlagswesens, politisch aufgeladen, kulturell einflussreich.
Doch die nächsten grundlegenden Veränderungen lassen nicht lange auf sich warten: Scheidung Ende der 1960er-Jahre und kurz darauf, im Jahr 1972, stirbt ihr Ex-Mann. Sie übernimmt die Leitung des Verlags – eine Aufgabe, die sie mit bemerkenswerter Energie erfüllt: „Ich musste mich durchsetzen.“ In einer Branche, die von Männern dominiert ist, behauptet sie sich – mit strategischem Geschick und kulturellem Gespür. Die neue Verlagschefin erweitert das Programm, öffnet den Verlag für neue Themen und baut ein Netzwerk von Buchhandlungen auf. Sie leitet den Verlag, bis ihr Sohn Carlo bereit ist, ihn weiterzuführen.
Trotz ihres internationalen Lebens bleibt Göttingen ein Bezugspunkt. Die Stadt taucht in Erinnerungen auf, in Gesprächen, in Rückblicken. Noch Jahrzehnte später wird ihre Göttinger Zeit als prägend beschrieben – von ihr selbst und von ihrem Biografen. Meiers Buch erzählt nicht die Geschichte der berühmten Verlegerin, sondern die der jungen Frau, die sie einmal war. Die Göttinger Jahre nehmen dabei eine zentrale Rolle ein: als Phase der Formung, als „erstes Leben“, das alles Weitere vorbereitet.
Die Biografie zeigt, wie aus einer Jugendlichen in einer deutschen Universitätsstadt eine Frau wird, die später die internationale Kulturwelt mitprägt. Göttingen steht dabei am Anfang dieser Linie – als Ort der Prägung, der Widersprüche und der ersten Selbstbehauptung. Hier entsteht dieser außergewöhnliche, wenn nicht einzigartige Blick für Menschen, der sie zu einer besonderen Fotografin macht. Hier wächst die Unabhängigkeit, die sie zur Verlegerin befähigt.
Oder, um es mit einem Feltrinelli-typischen Zitat auf den Punkt zu bringen: „Ich wollte immer weiter – aber ich habe nie vergessen, wo ich angefangen habe.“ƒ
