Die Welt ist nicht genug

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin

Für Volker Schulze-Permentier konnte die Welt nie groß genug sein. Doch in Peking hat er Göttingen wieder zu schätzen gelernt.

Das Gespräch, das ich mit Volker Schulze- Permentier führe, dürfte eigentlich gar nicht stattfinden. Denn Videotelefonate via Skype sind in China verboten.

Nichtsdestotrotz sitzt der Mercedes-Benz-Manager entspannt vor seinem MacBook in seinem Haus in Peking und schaut in die Webcam. Er nennt das „die chinesische Lösung“.

Vieles sei im Internet zensiert oder gesperrt: Facebook, die deutsche Google-Seite oder eben Skype, sagt Schulze-Permentier. Doch jeder Chinese unter 80, der das Internet nutze, wisse, wie man diese Sperren umgehe.

„Auf der einen Seite ist die chinesische Regierung rigide, auf der anderen Seite toleriert sie, dass ihre Regeln umgangen werden.“ Dass das Gespräch von irgendeiner Regierungsstelle abgehört werde, damit müsse man rechnen. „Das finde ich auch gar nicht schlimm“, sagt Schulze-Permentier.

Nach über vier Jahren in China kann ihn nicht mehr viel schocken. Unter den „Expatriates“, also den Auswanderern, ist er bereits ein alter Hase.

Mit seiner niederländischen Frau und den drei Söhnen lebt der in Göttingen aufgewachsene Top-Manager in einer geschlossenen Wohn anlage, einem sogenannten ,compound‘, Tür an Tür mit Kanadiern, US-Amerikanern, Skandinaviern, Belgiern, Niederländern und vielen Deutschen – von denen die meisten in der Automobilbranche arbeiten.

Und doch sagt der 47-Jährige: „Das Leben hier ist kaum anders als in einem schwäbischen 1.700- Einwohner-Dorf. Dabei konnte für Volker Schulze-Permentier die Welt nie groß genug sein.

Nach dem Abitur stand für den gebürtigen Herzberger fest, dass er aus Göttingen wegwollte. Damit ihm seine Eltern das aber erlaubten, musste er einen Studiengang finden, den es an der Georg-August-Universität nicht gab.

„Das war gar nicht so leicht“, sagt Schulze- Permentier verschmitzt. Schließlich hatte er aber in Lüneburg einen speziellen BWLStudiengang gefunden. Die Stadt an der Heide war zwar auch damals nicht gerade als Metropole verschrien, doch die Küste und Hamburg waren nicht weit weg.

Bald zog er in die die Welt- und Hafenstadt und pendelte nach Lüneburg. Bei Mercedes-Benz heuerte Schulze-Permentier 1996 an, nachdem ihn eine Veranstaltung des Automobilriesen für das Unternehmen begeisterte.

Es folgte der Wechsel in die Vertriebszentrale nach Berlin. Und weil ihm die interne Weiterbildung so viel Spaß machte, wollte er selbst im Unternehmen ausbilden.

Seitdem ist der ehemalige Vertriebler für Qualifikationsmaßnahmen zuständig. Erst in Deutschland, dann kam 2002 der Ruf aus der Stuttgarter Zentrale, weltweit Mitarbeiter aus- und weiterzubilden.

Da Volker Schulze-Permentier auch die deutsche Hauptstadt irgendwann zu klein wurde, nahm er das Jobangebot dankend an. So war er seit 2002 in Stuttgart für die Qualifizierung des Personals in Nord- und Südostasien zuständig – und tourte durch den Fernen Osten: „Zwei Wochen in Hongkong, drei Wochen Singapur und zum Schluss noch mal zwei Wochen Kuala Lumpur waren keine Seltenheit“, sagt er.

Der Vater von drei Kindern fehlte daher oft in den eigenen vier Wänden. „Meine Familie hat aber gemerkt, dass mir meine Aufgabe guttat, und das tat wiederum meiner Familie gut.“ Dennoch wollte er gern mehr für seine Frau und seine Söhne da sein.

Und da ihm das Arbeiten in Asien so viel Spaß bereitete, hatte er den Wunsch, seiner Familie zu zeigen, wie toll es in dieser Region der Welt sei.

„Als sich beruflich die Chance aufgetan hat, nach Asien zu gehen, habe ich sofort zugeschlagen.“ Und so reiste die Familie Schulze-Permentier am 28. Januar 2009, dem Tag des chinesischen Neujahrs, in Peking ein.

In China ist der Top-Manager hauptverantwortlich für die Qualifizierung und Weiterbildung der gesamten Mercedes- Benz-Belegschaft von mehr als 27.000 Mitarbeitern, die bei den etwa 300 Händlern im Land arbeiten.

Angefangen beim Werkstatt- Personal über die Techniker in den Fabriken bis zu den Verkäufern – bei allen muss der Deutsche dafür sorgen, dass sie der weltweit geschätzten Mercedes-Benz-Qualität gerecht werden.

Wichtig sei aber auch das Management-Training. Denn die Automobilunternehmen wüchsen in China rasant, neue Wettbewerber schössen wie Pilze aus dem Boden: „Es gibt allerdings kaum erfahrene Führungskräfte für die Vielzahl an Stellen, die entstehen. Deshalb müssen wir die Leute selbst ausbilden.“

Die Arbeit im Reich der Mitte

Die Arbeit im Reich der Mitte hat dabei Vorund Nachteile: „In meiner Position als Manager muss ich sagen, dass es einfacher ist, in China zu arbeiten. Denn 100 Chinesen zu leiten ist bequemer als zehn Deutsche – da wird eine Direktive ohne Nachfragen umgesetzt. Das ist gerade in Krisensituationen hilfreich oder wenn extreme Schnelligkeit erforderlich ist.“

Im Allgemeinen sei die Arbeitsbelastung aber enorm. „Weil der Markt so dynamisch ist, wird viel gearbeitet“, sagt Schulze-Permentier. Berufliche und private Zeiten vermischten sich; man müsse zu Geschäftsessen, werde zu Empfängen eingeladen und reise viel – auch am Wochenende.

Und so hat der Familienvater zum Beispiel zwischen Mitte April und Anfang Mai 24 Tage am Stück gearbeitet. Die kritische Grenze habe er aber noch nicht erreicht.

„Hier heißt es, wenn du den ersten Flug verpasst hast, weil du in der Lobby eingeschlafen bist, dann ist der Punkt erreicht, an dem du zu viel gearbeitet hast.“

Und nicht nur die Top-Manager legten eine hohe Arbeitsbereitschaft an den Tag, generell seien die Chinesen sehr geschäftstüchtig: Wer keinen Job habe, der sammele seine letzten paar Pfennige zusammen, kaufe sich zwei Flaschen Wasser, verkaufe die im Park zwölf Prozent teurer als im Supermarkt, kaufe sich weitere Flaschen und so weiter.

„Jeder versucht hier ein Geschäft zu machen – das hat mich sehr beeindruckt.“

Ganz im Sinne des Amerikanischen Traums sei jeder seines Glückes Schmied. „Die Menschen hier sind, im Gegensatz zu den Menschen in Deutschland, sehr positiv gestimmt. Niemand meckert über Lappalien im Job.“

Doch auch die Chinesen könnten sich wiederum einiges von den Deutschen abschauen. Den größten Nachholbedarf sieht Volker Schulze-Permentier bei den handwerklichen Fähigkeiten. So gebe es in China keine vernünftige Ausbildung, weder für Bäcker noch für Gebäudereiniger oder Kfz-Mechaniker.

Dies sei aber die Basis von gesundem Wachstum. Aus diesem Grund solle man nicht sagen, dass in China die Produktionsbedingungen immer günstiger seien. Denn dank der hervorragenden Fachausbildung, so Schulze-Permentier, sei die Produktivität in Deutschland „der Hammer“: „Bei uns ist ein Arbeiter in der Lage, einen Arbeitsschritt zu machen, zu dem in China zehn nötig sind.“

Ähnlich sehe es beim Innovationspotenzial aus: Als der Flugzeugbauer Airbus eine Produktionslinie in China als Joint Venture gestartet habe, hätten sich eine Menge Manager gefragt, warum sie das auf diesem Weg machten.

„Viele haben gesagt, die kopieren doch eure Technik“, erinnert sich Schulze- Permentier. Darauf hätten die Airbus-Verantwortlichen geantwortet, dass die chinesischen Partner gern die Flugzeuge kopieren könnten, denn sie seien, im Hinblick auf die Werkstoffe, die letzten ihrer Art.

„Die Chinesen können im Moment nur Produkte kopieren, nicht aber innovativ weiterentwickeln – das dauert noch zwei Generationen.“

Die Heimkehr

Volker Schulze-Permentier wird das allerdings nicht mehr in China miterleben. Im Januar 2014 läuft sein Vertrag nach fünf Jahren aus.

„Das ist Teil des Konzepts“, sagt er. „Ein erfahrener Mitarbeiter qualifiziert Fachkräfte im Ausland, bringt ihnen die Mercedes-Benz-Qualität nahe und kehrt dann zurück.“ Die Liebe für das Land sei aber sowieso nicht groß genug, um bis zur Rente dort zu bleiben.

Und so kann sich der viel herumgekommene Manager entscheiden, ob er zurück in die Konzernzentrale nach Stuttgart möchte oder sich ein neues Abenteuer in einem anderen Land sucht. „Je älter ich werde, desto mehr vermisse ich jedoch Göttingen“, sagt Volker Schulze- Permentier.

Gedanklich sei er mal ganz weit weg von der Region gewesen; die Welt außerhalb Südniedersachsens wurde spannender, und er besuchte immer seltener die Universitätsstadt.

Doch als er in Stuttgart lebte und sich der Kontakt zu alten Freunden in Göttingen wieder intensivierte, da habe es „Klick“ gemacht.

„Mir ist irgendwann klar geworden, wie schön Göttingen ist; die Innenstadt, die Schillerwiesen und der Charme der Studentenstadt.“ Was er früher als provinziell abgetan hätte, das habe er jetzt schätzen gelernt.

„Ich möchte am liebsten wieder in einer Stadt mit um die 100.000 Einwohner leben“, sagt Volker Schulze-Permentier. Vielleicht wird es ja irgendwann wieder Göttingen.